Mittwoch, 10. Dezember 2008

Vipassana



„Vipas-haeeh, bitte was?“, mag sich der ein oder andere fragen. Vi-pas-sa-na – ganz einfach, wie man’s schreibt. “Kann man das essen?“ Ich glaube wohl kaum. Vipassana beschreibt eine buddhistische Meditationsform und zugleich eine der aeltesten Meditationstechniken Indiens. Ueber laengere Zeit war diese Technik fuer die Menschheit verloren. Doch sie wurde durch Buddha Gotama wiederentdeckt, vor ueber 2500 Jahren. Dabei bedeutet das Wort „Vipassana“ ungefaehr soviel wie, „die Dinge so zu sehen wie sie sind“. Ein hoch gestecktes Ziel – durchaus, aber auch hoch gesteckte Ziele sind letztendlich erreichbar. Und wer behauptet eigentlich, dass wir die Dinge momentan nicht so sehen wie sie sind? Um diese Frage umfassend zu beantworten, beduerfte es einer langen Erklaerung. Hier sei jedoch so viel erwaehnt: Jeder kennt das Gefuehl, dass ihm eine scheinbar unangenehme Situation letztendlich hilfreich war. Doch in dem Moment war es uns unmoeglich dies zu erkennen. Wir haben die Situation, die Ereignisse eben nicht so gesehen wie sie sind – naemlich hilfreich, sondern haben sie vollkommen falsch eingeschaetzt. Auch erhoffen wir uns oft durch den Erwerb weltlicher Gueter mehr Glueck zu erlangen. Als ich mir eine neue Digitalkamera zulegte, verspuehrte ich ungeheure Freude. Endlich konnte ich gute Bilder von mir wichtigen Momenten schiessen. Doch schon bald begann der Aerger. Peinlichst genau passte ich auf, dass der Kamera nichts passierte, denn schliesslich war sie teuer gewesen und ausserdem wird sie mir viele schoene Momente bereiten, spaetestens dann, wenn ich die gelungenen Aufnahmen bewundern werde. So begann der Prozess der Anhaftug. Mein Geist klammerte sich an die Kamera und hielt sie fuer die Ursache schoener Momente – von Glueck. Fasste jemand ungefragt meine Kamera an wurde ich wuetend. Wusste ich nicht wo ich sie verstaut hatte, wurde ich aengstlich sie verloren zu haben. Mein Geist sah eben nicht vor dem Kauf der Kamera, die Dinge wie sie sind. Das naemlich diese Kamera mich auf laengere Sicht nicht gluecklicher machen wuerde, sondern nur mit mehr Leid beschmutzen wuerde. Das gute daran ist jedoch, alles spielt sich im Kopf ab, es sind meine Gedanken, meine Anhaftung. Also habe auch ich die Moeglichkeit diese zu veraendern. Um erneut Situationen wie diese vermeiden zu koennen, ist es eben notwendig die Natur der Dinge zu erkennen, ob sie leidvoll oder glueckbringend sind. Zu diesem Zweck wurde die Methode der Vipassana entwickelt.
Vipassana ist also der Prozess der Selbstreinigung, denn nicht alles laesst sich mit Wasser und Seife beheben und benutzt dabei das Mittel der Selbst-Beobachtung. Zuerst faengt man an, sich auf den natuerlichen Atem zu konzentrieren und diesen zu beobachten. Mit der so gewonnenen geschaerften Aufmerksamkeit faehrt man fort, und betrachtet nun die veraendernde Natur von Koerper und Geist. Ich hoffe es werden noch detailiertere Anweisungen waehrend des Kurses folgen, denn soweit kann ich herzlich wenig damit anfangen. Als Folge daraus, so die Theorie, soll man die universelle Wahrheit von Unbestaendigkeit, Leiden und dem nicht-vorhandensein eines Ich’s erfahren. All diese Zustaende sind eng mit der oben beschriebenen Anhaftung verbunden. Wir glauben, dass ein einst guter Zustand ewig dauern wird, dass z.B. die Beziehung zu einem Menschen von Dauer ist. Aber das ist eine Illusion. Menschen aendern sich, Situtionen aendern sich und selbst wenn man eine glueckliche Beziehung fuehrt, so wird sie eines Tages enden. Spaetestens mit dem Tod eines Partnes. Und wieder ist es in diesem Moment die Anhaftung, welche uns Leiden laesst. Laut buddhistischer Weltsicht leidet man, so lange, wie man sich im Kreislauf der Wiedergeburt – Samsara - befindet. Und dies hat ebenfalls etwas mit Anhaftung zu tun. Denn solange wir glauben, innerhalb von Samsara Glueck zu erfahren, werden wir nicht daraus ausbrechen wollen. Wieder pflegen wir unsere Anhaftung – diesmal an Samsara. Grund dieser Anhaftung ist immer unsere verblendete Sichtweise. Durch die Vipassana-Meditation versuchen wir, sie zu beenden. Diese Realisation der Wahrheit durch die unmittelbare Erfahrung ist der Prozess der Reinigung. Denn um nachhaltig seine Gedanken und somit sein Wesen zum positiven zu veraendern ist es von allergroesster Wichtigkeit, intellektuell gewonnene Erkenntnisse zu spueren, sie in sein Bewusstsein einzuarbeiten. Schlaue Lebensweisheiten reisen kann jeder, ich bin ein gutes Beispiel dafuer, jedoch danach leben, das koennen die wenigsten,auch hier bin ich wieder der beste Beweis. Zwischen Theorie und Praxis ist eben ein himmelweiter unterschied, oder man ist schlichtweg zu bequem. Als ausgebildeter Physiotherapeut muesste ich wissen, wie wichtig die Aufwaermung vor dem Sport ist. Doch jedesmal bevor es ans Stemmen von Gewichten ging, lies ich das Ergometer links liegen und machte mich schleunigst unters Eisen. Dennoch empfahl ich es all meinen Patienten.
Zu diesem Thema faellt mir nur ein Spruch von Erich Kaestner ein – seht Ihr, schon wieder ein schlauer Spruch – und zwar folgender: „Es gibt nichts gutes, ausser man tut es.“. Nicht das Erwerben von intellektuellem Wissen um eine Phrase nach der anderen zu dreschen, um Allen zu beweisen, was fuer ein ausgezeichnetes Verstaendnis der Welt man doch hat, um bei philosophischen Diskussionen nicht unterzugehen und womoeglich noch seine Mitmenschen von der Richtigkeit seiner eigenen Ansichten zu ueberzeugen, geht es. Es geht ums Leben, um Verinnerlichung.
Was ist besser, in einem Buero der Universitaet zu sitzen und ueber die bessere Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens zu philosophieren, oder weniger darueber zu reden, sondern einfach zu helfen. Auf die Strasse gehen, mit anpacken sollte das Ziel sein. Sicherlich ist es unablaesslich sich vorher darueber Gedanken zu machen. Insofern ist es durchaus gerechtfertigt sich in ein Buero zurueck zu ziehen und in Ruhe einen Plan zu schmieden. Doch dabei darf es nicht bleiben. Um eine authentische Person zu sein, sollte man das leben, was man vertritt, und das vertreten was man lebt. Hat man sich also theoretisch die Vorteile der Vipassana-Meditation vor Augen gefuehrt und diese als richtig und fuer einen gut befunden, so muss diese angewendet werden. Es reicht nicht nur wiedergeben zu koennen, was sich dahinter verbirgt, denn so bleibt alles beim Alten, und man laesst sich die Nuetzlichkeit dieser Technik durch die Lappen gehen. Der gesamte Pfad ist letztendlich ein universelles Hilfsmittel, eine Art Azneimittel fuer alle moeglichen Arten von Problemen und hat nichts mit organisierter Religion oder Sektentum zu tun. Aus diesen Gruenden kann es frei von Jedermann praktiziert werden, zu jeder Zeit, an jedem Ort, ohne in Konflikt mit Herkunft, der Gemeinschaft oder Religion zu kommen. Diese Technik wird fuer jeden dienlich sein – ohne Ausnahme.
Um den Verdacht, einer Sekte zum Opfer zu fallen, wie es gerne in westlichen Laendern an dieser Stelle vermutet wird, moechte ich ein paar Gegenargumente aufzaehlen. Zum einem ist die Teilnahme voll und ganz freiwillig. Man wird nicht eingeladen oder angesprochen. Man hoert zufaellig von dieser Methode, durch z.B. andere Backpacker, und begibt sich, wie in meinem Fall, mittels des Internets auf die Suche nach einem geeigneten Zentrum. Oder man mobilisiert alle Bekannten, die Ohren fuer einen offen zu halten. Die erste Kontaktaufnahme geschieht von einem Selbst aus. Im Vorfeld kann man sich ausreichend mit dem Thema beschaeftigen, und erst nachdem man zu dem Entschluss gekommen ist, dass dies das richtige fuer einen ist – sofern man das beurteilen kann, denn man sieht ja noch nicht die Dinge wie sie sind – bestaetigt man die Teilnahme. Jederzeit steht es einem frei zu gehen, ohne der Androhung von Sanktionen. Auch die Bitte, eine Spende in beliebiger Hoehe zu einer beliebigen Zeit zu entrichten, klingt fuer mich alles andere, als nach einer Sekte.

Aber Ihr wisst ja immer noch nicht so recht, was es denn nun mit diesem Verfahren auf sich hat? Hier eine kleine Uebersicht.

Betrachten wir zuerst, was Vipassana nicht ist:
• Es ist kein Ritual, welches auf blindem Glauben basiert
• Es ist weder eine intellektuelle, noch eine philosophie Unterhaltung
• Es ist keine Wellness-Kur, kein Urlaub und keine Moeglichkeit zur Sozialisation
• Es ist keine Flucht vor den Problemen des taeglichen Lebens

Und kommen wir nun zu dem, was Vipassana ist:
• Es ist eine Technik, die das Leiden, im buddhistischen Sinne, verringern wird
• Es ist eine Kunst zu Leben, welche jeder benutzen kann um einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen
• Es ist eine Methode zur mentalen Reinigung, welche es einem erlaubt die Probleme des Lebens mit ruhiger Gelassenheit anzugehen

Die Vipassana Meditation zielt auf die hoechsten spirituellen Ziele ab, naemlich den, der totalen Befreiung und der vollen Erleuchtung – beides Dinge, die ich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht anstrebe. Mir reicht es voll und ganz ausgeglichen und gluecklich zu sein – das sind die Ziele welche ich verfolge.
Es ist nicht anliegen dieser Methode irgendwelche physischen Probleme bzw. Krankheiten zu beseitigen., jedoch kann es durchaus sein, dass als Nebenprodukt der mentalen Reinigung, einige psychosomatischen Stoerungen verschwinden werden.
Im wesentlichen loescht Vipassana die drei Gruende aus, welche als Ursache zum Ungluecklichsein angesehen werden: Anhaftung, Ablehnung und Unwissenheit.
Behaelt man diese Praxis bei, so wird die Meditation die Spannungen, welche sich im Alltag aufbauen sowie die Knoten loesen, welche durch alte Gewohnheiten geknuepft wurden, indem man in einer unausgegelichenen Art und Weise auf angenehme und unangenehme Situationen reagierte.
Obwohl Vipassana als eine Technik des Buddhas entwickelt wurde, ist derer Anwendung nicht auf Buddhisten beschraenkt. Es ist absolut und unumstritten keine Frage der Konvertierung.
Die Idee, die dahinter steckt, ist die, dass alle Menschen letztendlich die gleichen Probleme zu bewaeltigen haben. Somit kann eine Technik, die genau da ansetzt, von jedem angewendet werden.
Menschen aus den verschiedensten Religionen habe die Vorteile dieser Meditation erfahren und dies ohne mit ihren Wertvorstellungen in Konflikt zu treten.
Ein wichtiger Bestandteil der Technik, wenn nicht sogar die Technik selber ist die Meditation und Selbstdisziplin.
Der Prozess der Selbst-Reinigung durch Einsicht, eine Sichtweise die nach Innen schaut, ist niemals einfach. Praktizierende muessen sehr hart daran arbeiten.
Aber nur durch die eigene Anstrengung kann man diese Realisation, die Dinge so zu sehen wie sie sind, erreichen. Wer soll einem dabei helfen? Aus diesem Grund ist diese Art der Meditation nur fuer diejenigen von Nutzen, die aufrichtig bereit sind, an sich zu arbeiten und diszipliniert sind. Dies ist zum Schutz des Meditierenden und als Teil der Praxis anzusehen.
Zehn Tage sind freilich eine kurze Zeit in welcher man zu den tiefsten Ebenen des Unbewusstseins vordringen soll und zu lernen wie man damit umgeht. Das Geheimnis des Erfolges liegt in der Kontinuitaet der Praxis. Dazu wurden Regeln und Vereinbarungen getroffen, die einen stets daran erinnern sollen. Sie sind nicht dafuer gedacht, dem Lehrer einen gefallen zu tun oder um diesem zu dienen. Weder noch sind es negative Auslaeufer von Traditionen, Orthodoxitaet oder blindem Glauben, wie vielleicht vermutet. Viel mehr basieren sie auf , ueber die Jahre gewachsenen, Erfahrungen von tausenden von Meditierenden, die sich auf wissenschaftliche und rationale Gruende zurueckfuehren lassen. Das strikte Einhalten der Regeln fuehrt somit zu einer optimalen Atmosphaere fuer die Meditation. Hingegen das brechen dieser schadet ihr nur. Ein Schueler muss fuer die gesamte Zeit des Kurses bleiben (dies ist jedoch nur eine sinnvolle Regel und kein Zwang, da es aber aus eigenem Interesse strengstens empfohlen wird, verwendet man die Formulierng „muss“, um die Wichtigkeit zu unterstreichen – man kann jederzeit gehen). Um dies zu gewaehrleisten, sollte man sich im Vorfeld mit den Regeln vertraut machen, und mit sich in den Dialog treten, ob man bereit ist und auch faehig, sowohl koerperlich als auch geistig, diese einzuhalten.
Letztendlich sollen nur diejenigen, welche ernsthaft bereit sind den Regeln zu folgen, sich fuer einen Kurs anmelden. Alle anderen werden nur ihre Zeit verschwenden und darueber hinaus noch die anderen stoeren, welche ernsthaft an sich arbeiten moechten.
Des weiteren sollte ein Schueler wissen, dass es von keinem Vorteil und sogar in keinster Weise ratsam ist, den Kurs vorher abzubrechen, aufgrund der Tatsache, dass man die Regeln als zu hart erfaehrt. Sollte man wiederholt gegen die Regeln verstossen, so kann es durchaus passieren, dass man hoeflichst gebeten wird, den Kurs zu verlassen.
Wir haben oben erwaehnt, dass diese Methode fuer jeden, ohne Ausnahme, von Nutzen sein wird. Doch stimmt dies wirklich? Was ist mit Menschen, welche unter psychischen und ernsthaften mentalen Stoerungen leiden?
Menschen mit psychischen Problem sind tatsaechlich des oefteren zu Vipassana-Kursen erschienen, mit der unrealistischen Erwartung, dass die Methode sie von ihren mentalen Problemen befreien wird. Unstabile interpersonelle Beziehungen und eine Vielzahl von Behandlungen in der Vergangenheit, koennen zusaetzliche Faktoren dafuer sein, dass der Nutzen der Methode erschwert wird, oder es sogar unmoeglich ist, die vollen zehn Tage durchzuhalten.
Die Kapazitaet der Einrichtung, welche auf freiwilligen Basis gefuehrt wird, laesst es nicht zu, in angemessenem Masse fuer diese Menschen zu sorgen. Obwohl die Vipassana-Meditation fuer viele Menschen von Nutzen ist, ist es kein Ersatz fuer medizinische und psychologische Behandlungen, und wird daher in keinster Weise fuer Menschen mit ernsthaften psychologischen Problemen empfohlen. Ihnen sei angeraten sich besser bei einem entsprechendem Arzt zu melden.
Um also sicher zu gehen, dass fuer alle ein bestmoeglichstes Ergebnis erzielt werden kann, wurden einige Regeln aufgestellt. Sie werden hier mit dem militaerisch klingenden Titel „The Code of Discipline“ bezeichnet.
Die Grundlage der Praxis bildet der “Lebenswandel” – „sila“. Sila wiederum bildet die Basis um „samadhi“ – die Konzentration des Geistes – zu entwickeln. Letztendlich erfolgt die Reinigung des Geistes durch die Sicht nach Innen, auch „panna“ genannt.
Um einen reibungslosen Ablauf des Kurses zu gewaehrleisten, gibt es natuerlich auch Gebote. Alle, welche an einem Vipassana-Kurs teilnehmen, muessen sich strengstens an die folgenen 5 Regeln halten:
• Nicht zu toeten
• Nicht stehlen
• Keine sexuellen Aktivitaeten
• Keine Luegen erzaehlen
• Keine Einnahme von Intoxitantien

Darueber hinaus gibt es noch drei weitere Vorschriften welche fuer Schueler, die bereits einen Kurs absolviert haben, gelten:
• Kein Essen nach 12 Uhr nachmittags
• Keine sinnliche Unterhaltung oder Koerperschmuck
• Keine hohen oder angenehmen Betten benutzen

Deswegen wird es fuer diese Schueler nur Kraeuter Tee oder Frucht-Saft in der 5 pm Pause geben, wohingegen neue Studenten durchaus Tee mit Milch und einige Fruechte zu sich nehmen koennen. Dennoch kann der Lehrer diese Regeln aus gesundheitlichen Gruenden aufheben.
Der Zeitplan ist durchaus straff und laesst schon jetzt schlussfolgern, dass es sich um alles andere als Urlaub handeln wird. Er wurde aufgestellt, um die Kontinuitaet der Praxis zu gewaehrleisten und um die besten Ergebnisse zu erzielen, sind die Schueler dazu angehalten, diesen so streng wie moeglich einzuhalten. Hier der straffe Zeitplan, bei welchem mir schon im Vorfeld schwindlig wurde. Man beachte die unchristliche Zeit des Aufstehens Oder muesste es hier "unbuddhistische" Zeit heissen?

4 am Morgedlich Glocke zum aufwecken
4:30 – 6.30 am Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
6:30 – 8:00 am Fruehstuecks-Pause
8:00 – 9:00 am Gruppenmeditation in der Halle
9:00 – 11:00 am Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
11:00 – 12:00 noon Mittagspause
12:00 noon – 1:00 pm Ruhepause und Gespraeche mit dem Lehrer
1:00 – 2:30 pm Meditation in der Halle oder im eigenen Zimmer
2:30 – 3:30 pm Gruppenmeditation in der Halle
3:30 – 5:00 pm Meditation in der Halle oder dem eigenen Zimmer
5:00 – 6:00 pm Tee-Pause
6:00 – 7:00 pm Gruppenmeditation in der Halle
7:00 – 8.15 pm Lehrer Diskurs in der Halle
8:15 – 9:00 pm Gruppenmeditaion in der Halle
9:00 – 9:30 pm Fragestunde in der Halle
9:30 pm Rueckzug ins eigene Zimmer – Lichter aus - Zapfenstreich

Ein hartes Programm. Fuer die Menschen, so wie ich, die Statistiken lieben, hier nochmal die Fakten im Ueberblick:

• 12 Stunden Meditation am Tag (11,75 um genau zu sein)
• kuerzeste Sitzung 45 Minuten
• laengste Sitzung 4 Stunden
• 6 Stunden Schlaf – der wohl haerteste Teil fuer mich

Das ganze ist also nicht nur eine geistige, sondern auch eine koerperliche Herausforderung. Ob man sich das gut ueberlegt hat, wird sich hinterher zeigen. Wohl kaum jemand, kann die Anforderungen im Vorfeld abschaetzen.
Um weiter den reibungslosen Ablauf zu ermoeglichen und Komplikationen zu vermeiden, sollte man den Lehrer und die Technik respektieren.
Teinehmer muessen sich dazu bereit erklaeren waehrend des gesamten Kurses den Richtlinien des Lehrers zu folgen, was beinhaltet, sich an die Regeln zu halten und genauso zu meditieren, wie es der Lehrer verlangt, ohne auch nur einen Teil der Aufforderung zu ignorieren oder etwas hinzuzufuegen.
Dies hat nichts mit blinder Unterwerfung zu tun, sondern viel mehr mit Verstehen.
Nur mit dieser Einstellung von Vertrauen kann der Schueler emsig und gewissenhaft arbeiten und dieses ist von essentieller Bedeutung fuer den Erfolg der Meditation.
Das nicht hinzufuegen bedeutet auch, andere Techniken und Rituale su unterlassen.
Somit ist es waehrend des Kurses absolut unumgaenglich, dass alle Arten des Betens, Verehren oder andere religioese Zeremonien, wie fasten, verbrennen von Raeucherwerk, Mantras rezitieren, singen, tanzen usw. ausgesetzt werden muessen.
Alle andere Meditationstechniken oder spirituelle Praktiken, sollte fuer diese Zeit entsagt werden. Diese Regel wurde nicht dafuer erstellt um andere Methoden schlecht zu machen, jedoch um der Technik des Vipassana in seiner reinen Form eine faire Chance der Erprobung zu geben.
Dem Schueler wird weiterhin strengstens empfohlen das Vermischen von anderen Techniken, mit der Vipassana-Methode zu unterlassen, da dies den Vortschritt behindern wird oder sogar ins Gegenteil umschlagen kann.
Trotz einiger Hinweise von Lehrern gab es Faelle in denen Schueler in der Vergangenheit intuitiv andere Techniken mit eingeflochten haben und sich dadurch grossen Schaden zugefuegt haben. Jede aufkommende Zweifel oder Verwirrungen, sollten immer waehrend der Besprechung mit dem Lehrer geklaert werden.
Um fuer solche Gesprache mit dem Lehrer in Kontakt treten zu koennen, wurde die Zeit zwischen 12 Uhr und 13 Uhr fuer private Interviews reserviert. Des weiteren koennen Fragen ebenso in der „Oeffentlichkeit“ zwischen 21 Uhr und 21:30 Uhr in der Meditationshalle gestellt werden.
Die Gespraeche sind einzig und allein dafuer da, um aktuelle Fragen zu Problemen bezueglich der Ausuebung der Praktiken, zu stellen. Sie sollen nicht als eine Moeglichkeit angesehen werden um zu philosophischen Diskussionen oder intellektuellen Argumentationen zu fuehren. Denn die einzigartige Natur der Vipassana-Meditation kann nur gewertschaetzt werden, wenn man sie in die Praxis umsetzt. Nur darauf sollten sich die Teilnehmer konzentrieren, und auf nichts anderes.
Dazu gehoert vor allem die sogenannte „Edle Stille“. Alle Schueler werden folglich darum gebeten “Edle Stille” zu bewahren, von Beginn des Kurses bis zum Morgen des letzten Tages. Dabei bedeutet „Edle Stille“ :
• Stille des Koerpers
• Stille der Sprache
• Stille des Geistes
Jede Form der Kommunikation mit Kommilitonen, sei es durch Gesten, Zeichensprache, Notizen usw. ist strengstens verboten.
Jedoch ist es den Schuelern gestattet jederzeit mit dem Lehrer oder dem Management zu sprechen, sofern es irgenwelche Probleme bezueglich des Essen, der Unterkunft, der Gesundheit usw. geben sollte. Aber selbst diese Kontakte sollten auf ein Minimum reduziert werden. Jeder sollte das Gefuehl entwickeln in voelloger Isolation zu arbeiten.
Duch das viele Meditieren und demzufolge Sitzen, kann der ein oder andere durchaus das Gefuehl bekommen etwas Yoga zu betreiben, oder sich anderweitig koerperlich zu betaetigen. Obwohl es theoretisch moeglich waere Yoga mit Vipassana zu verbinden, sollten sie dennoch unterlassen werden, da es keine dafuer geeigneten Raeume gibt. Joggen ist demzufolge auch nicht gestattet. Um sich dennoch etwas zu bewegen, ist es den Schuelern gestattet sich waehrend der Ruhepausen in den dafuer vorgesehenen Gebieten zu spazieren.
Um die hier oft zitierte Reinheit der Methode zu wahren, ist es nur konsequent und logisch, dass alle religioesen Objekte wie Rosenkraenze, Kristalle, Talismaenner usw. nicht mit zum Kurs gebracht werden. Sollten sie dennoch unvermeidlich mitgebracht werden, so muessen sie fuer die Dauer des Kurses beim Management abgegeben werden.
Es duerfte sich jawohl von selbst verstehen, dass keine Drogen, kein Alkohol, kein Kautabak oder andere Rauschmittel mit ins Gelaende gebracht werden duerfen. Dies gilt genauso fuer Beruhigungsmittel, Schlaftabletten und alle anderen sedierenden Medikamente. Diejenigen, welche Medizin nehmen muessen, sollten unbedingt den Lehrer darueber informieren. Fuer die Gesundheit und zum Wohle aller Studenten ist es nicht erlaubt alles Rauchbare, Kautabak und/oder Schnupftabak mitzubringen
Beim Essen ist es nicht moeglich fuer spezielle Wuensche oder Notwendigkeiten aller Meditierender zu sorgen. Die Schueler werden aus diesem Grund gebeten, fuer die Zeit des Kurses sich mit einfachen vegetarischen Gerichten zufrieden zu geben, welche vom Veranstalter gestellt werden. Das Management ist durchaus bemueht ein ausgewogenes, naehrreiches Menue zusammenzustellen, welches fuer Meditation geeignet ist. Sollte es aus gesundheitlichen Gruenden erforderlich sein eine bestimmte Diaet einzuhalten, so muss dies zum Zeitpunkt der Anmeldung angegeben werden.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kleidung. Sie sollte einfach sein, angemessen aber vor allem – bequem. Enge, durchsichtige, entbloessende oder anderweitig aufreizende Bekleidung wie kurze Hosen, Minirock, Leggins, aermellose oder Spaghettitraeger-Tops sollten nicht getragen werden. Sich in der Sonne zu braeunen oder teilweise Nacktheit ist nicht gestattet. Es ist von groesster Wichtigkeit die Ablenkung andere auf ein Minimum zu reduzieren.
Wie schon erwaehnt, sollte man so meditieren, als wuerde man sich irgendwo, komplett isoliert von allem, in einer Hoehle zum Beispiel, aufhalten. Schueler duerfen sich folglich nur innerhalb der Genzen des Meditationszentrums bewegen und nur mit spezieller Zustimmung des Lehrers das Gelaende verlassen. Bevor der Kurs zu Ende ist, ist jegliche Kommunikation nach draussen untersagt. Dies beinhaltet Briefe, Telefongespraeche und Besuche. Im Falle eines Notfalls kann ein Freund jederzeit das Management kontaktieren. Um den Geist nicht weiter zu trueben, ist das abspielen von Musik oder sogar das eigene Musizieren nicht gestattet. Weiterhin sollten keine Buecher, Zeitschriften usw., sowie Schreibzeug zum Kurs gebracht werden. Die Meditierenden sollten nicht unnoetig durch fuehren eines Tagebuches oder dem Aufschreiben von Notizen abgelenkt werden. Das Verbot von Lesen und Schreiben soll zum praktizieren der reine Methode ermutigen. Auch Tonbandgeraete und Kameras sollten nicht genutzt werden, ohne die ausdrueckliche Erlaubnis des Lehrers eingeholt zu haben.
Und wie viel kostet jetzt der ganze Spass?
Es ist die grundlegende Einstellung der Buddhisten, dass die Lehre nicht nur den Reichen vorbehalten ist. Jeder kann und soll sie erfahren. Doch in unser heutigen Welt spielt nun einmal Geld schon eine gewisse Rolle. Um also die Tradition zu wahren, werden die Vipassana-Kurse lediglich durch Spenden finanziert. Diese werden wiederum nur von alten Schuelern akzeptiert, zu denen nur Meditierende zaehlen, welche zumindest einen Kurs absolviert haben. Auf diese Weise wird das Zentrum durch jene unterstuetzt und gefoerdert, welche selbst von den Vorzuegen der Vipassana-Meditation ueberzeugt sind. Wuenscht man sich diese Erfahrung auch anderen zu gute kommen lassen, so gibt man so viel, wie es einem als richtig erscheint. Diejenigen, welche zum ersten Mal an einem Kurs teilnehmen geben ihre Spende am Ende des Kurses oder an irgend einem anderen Zeitpunkt danach. Diese Spenden sind die einzigen Einnahmen, durch welche Kurse um die ganze Welt finanziert werden.
Weder der Lehrer oder die Organisatoren erhalten irgend eine Art von Lohn fuer ihre Muehen, da die Verbeitung der Vipassana in seiner Reinheit, unbefleckt von kommerziellen Gedanken geschehen soll. Demzufolge ist es egal ob eine Spende gross oder klein ausfaellt, sie sollte dennoch immer mit dem Wunsch gegeben werden, anderen zu helfen, frei nach dem Motto: „Den Kurs, an welchen ich teilnehmen konnte, wurde durch die Spenden frueherer Teilnehmer ermoeglicht. Um es zukuenftigen Schuelern ebenfalls zu ermoeglichen in diesen Genuss zu kommen, moechte ich etwas geben.“
Um noch einmal klar und deutlich zu sagen, was der Gedanke hinter den Regeln und dem disziplinierten Verhalten steckt, moechte ich hier noch einmal zusammen fassen:
Man sollte bestmoeglich aufpassen, um andere nicht zu stoeren und auch keine Notiz von den Ablenkungen der anderen nehmen.
Es koennte passieren, das Schueler nicht die praktichen Nutzen von einer oder mehrerer Regeln verstehen. Sollte dies der Fall sein, sollte man sofort zur Klaerung den Lehrer aufsuchen, um es negativen Gedanken oder Zweifeln nicht zu ermoeglichen an Kraft zu gewinnen
Nur durch gute Disziplin und maximale Anstrengung, welche ein Schueler aufbringen kann werden bestmoegliche Ergebnisse erzielt. Vipassana ist harte Arbeit. Glueck kommt nicht von allein, man muss es sich verdienen. Eine goldene Regel ist es, so zu meditieren, als ob man allein waere, mit den Gedanken einwaerts gerichtet sollten jede Unannehmlichkeiten und Ablenkungen, welchen man ausgesetzt werden wird, ignoriert werden. Letztendlich sollte sich jeder Schueler darueber bewusst sein, dass der Fortschritt, welchen man waehrend der Vipassana macht, einzig und allein von den Qualitaeten des Einzelnen, der persoenlichen Entwicklung und den fuenf Faktoren – aufrichtigem Bemuehen, Zuversicht, Aufrichtigkeit, Gesundheit und Weisheit – abhaengt.
Des weiteren wuenscht der Veranstalter jedem maximale Erfolge, Friede und Harmonie welche man durch Vipassana erfahren soll – Danke lieber Veranstalter.
Dann kann es ja losgehen. Fuer den Zeitraum vom 15. – 26. Dezember des Jahres 2008, habe ich mich fuer einen solchen Kurs angemeldet. Ich werde also Weihnachten in diesem Jahr nur mit mir selber feiern, oder eigentlich ueberhaupt nicht. Dies ist eine bewusste Entscheidung und ich habe den Termin mit voller Absicht so gewaehlt. Ohne Familie, Freunde, weihnachtlicher Musik, Stollen, Lebkuchen, Schnupfen und Schnee ist Weihnachten fuer mich nun einmal kein Weihnachten. In Australien verbrachte ich die Feiertage auf „Fraser Island“, der weltgroessten Insel die nur aus Sand besteht. Wir sassen bei gefuehlten 40 Grad Celsius am Strand, und um wenigstens etwas Stimmung aufkommen zu lassen, setzten wir uns knallrote Zipfelmuetzen auf. Das einzige was in diesem Moment schneeweiss war, war der Sand. Auch der Schnupfen und eine tropfende Nase suchte man vergebens. Das einzige, was tropfte war der Schweiss von unserer Stirn. Der Stollen hatte Hot-Dog-Form angenommen und das Christkind kam im schicken Badeanzug, der allseits beliebten australischen Firma „Billabong“. Schon vorher, in der treffend bezeichneten Vorweihnachtszeit, fuehlte man sich permanent verarscht, als man mit Badehose, Flip-Flops und verschwitztem T-Shirt in den Supermarkt schlenderte und einem ein Weihnachts-Hit nach dem anderen aufs Trommelfell prallte. Dieses Mal wuerde ich das ganz anders angehen, auf eine dennoch besinnliche Art und doch etwas anderes. Um mich koerperlich, sowie geistig auf die definitiv kommenden Strapazen vorzubereiten, traf ich einige Vorkehrungen. Jeden Morgen um 7 klingelte der Wecker, Zeit zum Meditieren, bis Acht, denn dann klopfts immer an der Tuer und Chai wird serviert. Meistens stehe ich beim Klopfen auf. Ich liebe es zu schlafen und 12 Stunden Dauerschlaf sind durchaus kein Problem. Wenn ich nicht unbedingt muss, bleibe ich liegen, stelle den Wecker auf „Spaeter“ oder „Irgendwann“, drehe mich um und schlafe weiter. Alle, am Abend zuvor getroffenen guten Vorsaetze, werden kurzerhand ueber Bord geworfen. Mein innerer Schweinehund siegt, und das schon seit Jahren. Dennoch, vereinzelt schaffe ich es dennoch mich zur morgendlichen Meditation aufzuraffen. Dies gelingt meist nur an jenen Tagen, an welchen ich so dringend auf’s Klo muss, dass ich nicht mehr schlafen kann. Ich setze mich auf mein Kissen, welches auf der Matratze vor meinem „Altar“ liegt. Mein Altar ist nicht wirklich nach den Vorschriften aufgebaut. Er beinhaltet eine Art kleinen Wandteppich mit buddhistischem Abbild, einer kleinen Buddhastatue aus Ton, die mir ein Moench schenkte und zwei, der hier ueblichen kleinen Metalltassen, um Raeucherstaebchen abzubrennen. Sein Zweck ist es, fuer mich eine Art zusaetzliche Motivation zu schaffen, um mir Zeit zum Meditieren zu nehmen und um die dafuer guenstige Atmosphaere zu schaffen. Ich lasse mich also auf das Kissen nieder und zwinge meine Beine in die richtige Position. „Zwingen“ ist genau das richtige Wort, denn freiwillig wuerden sie nie im Leben solche Verraenkungen mitmachen. Meine Knie Schmerzen, wenn ich Versuche den sogenannten halben Lotussitz einzunehmen. Dabei soll die Ferse des einen Beines auf dem Oberschenkel des anderen Beines zum Liegen kommen. Beim vollen Lotussitz kommen dann beide Fersen auf dem jeweils anderen Oberschenkel zur Ruhe. Doch von Ruhe ist nicht zu reden. Ich bin so verkuerzt, meine Muskulatur sowas von ungedehnt, dass mein linkes Knie in der Luft haengt. Nur mit etwas Druck und ein wenig Geduld, beruehrt es endlich die Unterlage. Zwanzig Minuten halte ich so durch, spaetestens nach dreissig ist Schluss. Dann muss ich mich entknoten. Dies ist mindestens genauso unangenehm wie das gewaltsame Einnehmen der Position. Fuesse und Beine sind eingeschlafen und schmerzen bei jeder Bewegung. An schnelles aufstehen und los spazieren ist nicht im geringsten zu denken – Shanti Shanti. Doch ueber die Tage merkt man schon Vortschritte. Der Schmerz wird weniger, der Sitz „bequemer“, meine Knie koennen sich immer schneller entspannen. Auch wenn ich es nicht bis zum Kurs schaffen werde, den halben Lotussitz bequem ueber Stunden halten zu koennen, so bereitet er mich dennoch optimal vor, dass dies im allgemein bekannten Schneidersitz moeglich ist. Es ist wie eine Rangliste. Zuerst kommt der Schneidersitz, dann der halbe- und dann der volle Lotussitz. Erst wenn man einen bequem einnehmen kann, sollte man sich an den naechsten Wagen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, wenn ich den halben Lotus trainiere, mich damit dehne, ich ohne Probleme den Schneidersitz einnehmen kann. Und genau das ist mein Plan. Auch gehe ich regelmaessig Joggen un Dehne mich mindestens eine halbe Stunde, denn die Muskulatur ist nun optimal aufgewaermt. Ich uebe mich im Spagat, dehne meine innenrotatorisch wirkende Hueftmuskulatur und den an der Vorderseite des Oberschenkels liegenden Musculus quadrizeps femoris. Auch zum lesen nehme ich immer oefters den halben Lotus ein. Das Lesen lenkt von den Unannehmlichkeiten ab und gleichzeitig dehne ich alle notwendigen Muskeln. Dennoch, es ist und bleibt ein langer Weg um wirklich 4 Stunden am Stueck ruhig zu verharren und sich dabei, vom Schmerz unbeeinruckt, zu konzentrieren. Doch bis es soweit ist, geht noch einige Zeit ins Land, denn momentan, beim Schreiben dieser Zeilen, ist es Oktober.
Vom koerperlichen einmal abgesehen, scheint es mir am sinnvollsten eine einfache Atemmeditation zu praktizieren. Man nimmt Platz, wippt leicht mit dem Oberkoerper vor und zurueck, um seine Mitte zu finden in der man mit geringsten Kraftaufwand, die Schwerkraft nutzend, fuer laengere Zeit sitzen kann. Die rechte Hand legt sich in die Linke auf Hoehe der Blase. Zur Regulation der Waerme koennen die Arme nach belieben leicht abgewinkelt werden. Wie an einem, am Scheitel befestigten, unsichtbaren Faden, wird man nach oben gezogen. Die Wirbelsaeule richtet sich auf, das Kinn naehert sich dem Kehlkopf. Die Zunge liegt an der Innenseite der oberen Schneidezaehne um Speichel abzuleiten und so irritierendes Schlucken zu verhindern. Die Wangen sind entspannt und der Unterkiefer haengt locker herab, ohne dass sich dabei der Mund oeffnet. Der Blick ist etwa eine Koerperlaenge vor uns auf den Boden gerichtet. Wahlweise koennen die Augen geschlossen werden, wobei jedoch ein kleiner Spalt zum Lichteinfall, um dem Einschlafen und Ermueden vorzubeugen, offen bleiben sollte. Der Geist richtet sich auf die Nase, an jene Stelle, wo man die einstroemende Luft spuehrt und sie nach kurzem verweilen in der Lunge, den Koerper wieder verlaesst. So einfach wie dies erscheinen mag, so schwierig ist es. Unser Geist ist wie ein kleines Kind. Kaum spielt er mit etwas, verliert er schon bald die Lust daran und huepft wie ein junges Reh zum naechsten Objekt. Sollte man es schaffen sich bereits ohne Ablenkung fuer nur eine Minute auf den Atem konzentrieren zu koennen, so ist dies schon eine erheblich Leistung. Dieses fokusierte Konzentrieren ist die Vorraussetzung fuer alle weiteren Meditiationen, denn bei jeder lenkt man seinen Geist auf ein bestimmtes Objekt und verweilt darauf. Aus diesem Grund schien mir diese Meditation als die, zur Vorbereitung am geeignetste.
Ob sich dies alles auszahlt wird die Zukunft zeigen. Egal mit welchem Ergebnis ich aus dem Kurs raus geh, es wird in jedem Fall eine besondere Erfahrung sein. Mit der Einstellung kann man doch nur gewinnen, oder?

Dienstag, 9. Dezember 2008

Madurai












Stadt der Ruhe und Chai-Staende
Madurai – ein besonderes Erlebnis und jedem zu empfehlen der in Suedindien unterwegs ist. Ein Hauptgrund fuer diese schoenen Erinnerungen habe ich nicht zuletzt Simon zu verdanken, mit welchem es immer ein vergnuegen ist Zeit zu verbringen. Wo Simon ist, ist ein Lachen nicht weit. Er und die Atmosphaere dieser Stadt trugen dazu bei, dass ich am Wochenende die Zeit vergass und eintauchte in die ruhige Hektig dieser Metropole. Die Stadt verbreitet ihren ganz eigenen Charme. Hektisches Treiben wechselt sich mit ruhiger Tempelatmosphaere ab und nirgendwo sonst scheint es so viele kleine, gemuetliche Chai-Staende zu geben wie in Madurai. Es wimmelt nur so von Riksha-Fahrern, Bettlern und Pilger, nicht zuletzt wegen des beeindruckenden Sri-Meenakshi-Tempelkomplexes. Madurai gehoert zu den aeltesten Staedten Suedindiens und es war kein geringerer Ort als hier, wo sich Mahatma Gandhi im Jahre 1921 dazu entschied nur noch „khadi“ – im Land hergestellte Kleidung – zu tragen. Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt nur so ueberzogen zu sein scheint mit Schneiderlaeden. Sie zogen mich in ihren Bann, welches zu Ergebnis hatte, dass ich mit 4 neuen Hemden im Gepaeck aus Madurai zurueck kam. Die meiste Zeit des Tages verbrachten Simon und ich entweder an Chai-Staenden oder im Tempel. Es gab, nach langer Zeit des Nicht-Sehens, viel zu erzaehlen. Wir liesen uns treiben und genossen stundenlang die Atmosphaere am, von Menschen gesaeumten Tempelbecken mit seinem goldenen Lotus. Trotz dessen gibt es dennoch ein paar Kurzgeschichten zu erzaehlen. Lest einfach weiter.

Der umgedrehte Spiess
In Indien ist es unmoeglich sich auch nur wenige Meter auf der Strasse zu bewegen, ohne von aufdringlichen Strassenverkaeufern angesprochen zu werden. Im guenstigsten Fall bleibt es bei einem kurzen „Hello“ und einer Geste auf das anzupreisende Objekt – das ganze garniert mit einem Laecheln. Doch die Spannweite reicht durchaus bis zu mehrminuetigen „Nebenhergehens“ und Dauergrinsen. In Madurai ist lediglich letztere Variante vertreten. Auffaellig ist auch die ueberdurchschnittlich hohe Anzahl an oekologischen, mit Bio-Pruefsiegel versehenen Rikshas. Auch kurz Auto oder Scooter genannt. Angetrieben von zierlichen Indern, die es dennoch schaffen die schwergaengigen Fahrraeder, wohlgemerkt ohne luxurioese Schaltung, mit angeschweisster Passagierkabine mehr oder weniger sicher durch den Verkehr zu maneuvrieren.
Simon und ich machten es uns gerade nach einem Chai vor dem Tempel bequem und es sollte nicht lange dauern bis sich der erste Verkaeufer blicken lies. Mit Simon kommt man schnell auf verueckte Ideen und schnell waren wir uns einig, uns einen Spass zu erlauben. Anstatt der Tatsache, dass diese aufdringlichen Verkaeufer uns schon so manches mal genervt hatten, wollten wir diesmal die Rolle derjenigen einnehmen, welche den anderen in den Wahnsinn treibt. In unserem Fall handelte es sich um eine Frau, welche Taschen verkauft. „Do you want a bag?“ begann Sie das Verkaufsgespraech. „How much?“ kam prompt unsere Gegenfrage. „30 Rs., only!“ „Nein, nein, das ist zu wenig, ich geb dir 40 Rs.” war unsere Antwort. Unsere Strategie – einfach in die falsche Richtung verhandeln. Die Frau war sichtlich irritiert. „Only 30 Rs.“ startete Sie den zweiten Versuch. „Nein, das ist uns zu wenig. Wir geben Dir 50 Rs.“ So zog sich das Gespraech eine Weile hin und voellig irritiert gab die Frau schliesslich auf und zog weiter. Das schlecht Gewissen hatte schon laengst von uns Besitz ergriffen und plagte uns nun, als wir ihr hinterher schauten. Fanden wir es am Anfang noch lustig diese Frau auf die Schippe zu nehmen, sie etwas zu nerven, wie wir es sonst gewohnt waren, so mussten wir bald daran denken, dass sie einfach versuchte ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und sich keiner, ausser Touri’s, fuer ihre Taschen interessierte – das Lachen blieb uns im Halse stecken.
Sonntag Abend – Simon und Ich, geschafft vom stundenlangen Umherstreifen durch Madurai, genehmigten uns vor dem Tempel jeder eine Kokusnuss. Professionell aufgeschlagen, die Milch in Glaesern aufgefangen um dann in aller Ruhe das Fleisch fuer uns heraus zu schaben. Man mag es nicht glauben, aber eine Kokusnuss ist bei mittlerem Hunger, so als grosser Snack fuer zwischendurch, viel zu viel fuer eine Person. So standen wir da, jeder noch eine halbe Nuss in der Hand haltend, gefuellt bis zum Rand mit leckeren Stueckchen. Zum wegschmeissen war es viel zu schade. Um es bei der alten Frau wieder gut zu machen, ueber welche wir uns in gewissem Masse lustig gemacht hatten, wollten wir dem naechsten Bettler die Kokusnuss schenken. Nun ja, es wuerde nicht wirklich IHR helfen, aber zumindest im Universum das Gleichgewicht der Gerechtigkeit wieder herstellen. Jemanden zu veralbern – gibt einen Minuspunkt. Jemanden beschenken – gibt einen Pluspunkt. Nach Adam Ries (1492-1559) waere also alles wieder in Balance, denn (-1) + 1 = 0. Nicht ueberwiegt. Doch wieder ging unsere Rechnung dank der „variablen Konstante“ nicht auf. Wenn man sich einen Bettler wuenscht, sind sie wie ausgestorben. Kein Einziger war zu sehen. Da kam uns eine Idee. Diesmal wollten wir auf die Inder Jagd machen, ihnen die Kokusnussstueckchen andrehen. Der Gejagte wurde zum Jaeger. Unser Revier – die Fussgaengerzone vorm Tempel. Diesmal drehten wir den Spiess um – die Jagd war eroeffnet. Strategisch verteilten wir uns auf der Strasse und sprachen jeden Inder an, der uns ueber den Weg lief. „Kokusnuss – nur 5 Rs.“ schrien wir ins Dunkel der Nacht hinaus – ueberraschte Blicke. Wenn man so oft von Haendlern angesprochen wird, und in unzaehlige Verkaufsgespraeche verwickelt wurde, so wie wir, kennt man jedes nuetzliche Argument. „Fuer Dich, und nur fuer DICH – 5 Rs. Spezial-Preis.“ – sie mussten lachen. „Gute Qualitaet. Die Beste auf dem Markt.“ „Ein Stueck zum probieren, danach entscheidest du dich.“ – waren nur einige unserer Versuche, das Produkt an den Mann zu bringen. Die Inder waren sichtlich amuesiert. Noch Meter nachdem sie unseren Faengen entfleucht waren, drehten sie sich lachend um und schmunzelten immer mehr, als sie unser Schauspiel beobachteten. So trugen wir erheblich zur Verbesserung der Stimmung der Fussgaengerzone bei. Doch zum Verkauf kam es nicht. Unsere letzten klaeglichen Versuche waren „Alles, fuer 3 Rs.“ und letztendlich „Okay, umsonst, nimms einfach.“ – sie schlugen alle fehl. Ja, ja, das Leben eines Strassenverkaeufers ist eben nicht gerade leicht.
Da erblickten wir eine alte Frau, an der Ecke des Tempels, auf der Strasse sitzend. Zu schwach zum betteln sass sie einfach da, die Haende offen haltend. Ohne uns verstaendigen zu muessen waren Simon und Ich uns einig. Wir gingen auf sie zu und legten ihr die offenen Kokusnuesse in die Handflaechen. Dann stahlen wir uns davon in die Nacht. Ich blickte noch einmal zurueck. Langsam, in Gedanken versunken, schob sie sich ein Stueck nach dem Anderen in den Mund, und leise dachte ich bei mir: „(-1) + 1 = 0“. Doch ist es wirklich so einfach?


Eine Stunde rumsitzen
Zwischen 12.30 und 16 Uhr war der Tempel geschlossen. Auch Goetter brauchen ihren Mittagsschlaf. Simon war Sonntag-Abend zurueck in sein Projekt gefahren und ich blieb noch einen Tag laenger. Das Mittag-Essen war schon halb verdaut als ich mich gegen 3 Uhr vorm Tempel niederlies um eine Stunde das Treiben zu verfolgen. Waehrend ich so da sass, wurde ich von folgenden Menschen angesprochen:
- Frau mit starkem Pilzbefall im Gesicht
- Frau mit Elefantitis am rechten Bein
- Mann die mir kuenstlichen Blumen verkaufen wollte
- Ein Einarmiger
- Ein Chai-Verkaeufer
- Ein Drogen-Dealer
- Eine schwangere Bettlerin mit Baby
- Unzaehlige Bettler
Doch das lustigste war eine Frau, welche mir versuchte pech-schwarze Haarverlaenerungen, gelockt, anzudrehen. Sie glaubte selber nicht an ihren Erfolg, doch unversucht wollte sie es dennoch nicht lassen. Schon beim Versuch der Annaeherung musste sie laecheln.

P.S.: Der Inder, welcher 4 Meter neben mir sass wurde von keinen der oben genannten angesprochen.

The Muslim Butcher
Eine Seitenstrasse, wie aus „1001 Nacht“. Schmal, duester, voller Chaos und versteckten Geheimnissen. Planen ueberspannen unregelmaessig, in aeusserst unguenstiger Hoehe die Gasse. Passt man nicht auf, so verfaengt man sich wie eine Fliege im Spinnennetz, in diesem Gewirr aus Schnueren, Stricken und Sonstigem. Darunter hockten, lagen oder verrenkten sich die Verkaeufer. Vor ihnen, zu Tuermen aufgehaeuft, lag das Gemuese und durch kleine, von der Witterung gezeichnete Holztueren, erhascht man Blicke auf Szenen emsiges Handwerk. Leichter Nieselregen setzte ein – doch das interessiert das Treiben nicht weiter. Langsam, von nichts getrieben, den Blick umherschweifend, schlaengel ich mich vorbei an Kohl, Gewuerzen und Menschen. Waehrend ich so lang schlender bemerkte ich nicht, dass ungefaehr ein Duztend Augenpaare auf mir ruhten. Aus dem naechsten Raum, welcher zur Strasse hin offen war, schauten sie dem Treiben zu – unbeirrt, stoisch. Die Augenlieder halb geschlossen, fixierten sie nichts mehr. Ein Starren ins Leere. Beim Kinderspiel „Wer-zuerst-zwinkert-hat-verloren“ wuerde man mit Pauken und Trompeten untergehen. Diese Augen nehmen nichts wahr. Nicht jetzt, nicht nachher – nie mehr. Sie gehoeren zu Koepfen, welche vom Koerper unwiederruflich getrennt wurden. Aufgeschlichtet wie Kokusnuesse liegen die Schaedel, in welchen die Augen ruhen, auf dem kahlen, kalten Steinboden. Nebenan quaelt sich ein Rinnsaal aus Kot und Blut langsam gen Abfluss, nicht schnell, denn es hat Zeit. Darueber werden die noch gefuellten Gedaerme ausgestriffen. Wie zu lang gekochte Nudeln baumeln sie von der schuldigen Hand. „Klong, klong“ – Immer wieder rauscht das Beil herab – knadenlos, kalt und gefaehrlich. Die Klinge durchschneidet die Koerper der Koepfe, der Augen, der leeren Blicke. Entstellt, zerstoert, entfremdet. Vom Gestank angelockt tummeln sich Fliegen auf den rohen Muskeln. Ich schaue mich um. Spitze Haken haengen en masse von der Decke. Teils durchbohren sie Fleisch, teils blitzen ihre blanken Spitzen. Ich blicke weiter und sehe Beine. Beine, die niemand mehr tragen. Ich stehe noch immer in der Gasse, der Regen nieselt weiter und der Moslem neben mir hat soeben ein Kilo Fleisch bestellt, denn bei dem offenen Raum handelt es sich um eine Fleischerei, eine muslimische Fleischerei, nach den Richtlinien des „Hallal“. Die Koepfe, die Augen, die leeren Blicke gehoerten Ziegen. Morgen ist Feiertag – fuer Moslems, und heute wird gespeist. Als ich so da stehe, das Geschehen mit gemischten Gefuehlen beobachte und Fotos schiesse, werden die Koepfe fuer mich in Pose gebracht, die Gesichter zu mir gedreht – makaber, es wird dabei gelacht. Es dauert nicht lang und ich komme mit dem Kunde ins Gespraech – Dipl. Ing. Elektrotechnik, Moslem und freundlich. Er klaert mich ein wenig ueber das Fest auf. Um Gott – Allah – zu ehren, sollen Opfer gebracht werden. Wollte man einst Menschen opfen, so sprach Allah, man solle die menschlichen Seelen verschonen und ihm Tiere opfern – sofern ich das richtig verstanden habe. In jedem Haushalt eines Moslems warten soeben eine Ziege Morgen geschlachtet, entschuldigung, geopfert zu werden. Laut Glaube muss die Ziege jedoch noch 5 Minuten leben, nachdem die exakt 2,5 Schnitte gemacht wurden, damit ihr die Seele nicht entrissen wird. Das Tier behaelt also seine Seele und leidet ungeheure Qualen fuer die wohl laengsten 5 Minuten seines Lebens. – alles fuer Allah.
Ich lauschte gebannt seinen Worten. Als sie verstummten verabschiedeten wir uns. „Sallam Alaikum“ – „Alaikum a sallam“. Die Augen starrten weiter ins Treiben der Gasse.

Mit Muskelkraft durch Madurai
Wer Arbeit hat, arbeitet meist fuer jemanden. Es sei denn er ist selbststaendig, aber das sind die wenigsten. Keiner fuehlt sich dabei schlecht oder beschaehmt – weder Arbeitgeber noch –nehmer. Dies ist die Natur von Arbeit. Vielleicht ist es eine Sache der persoenlichen Naehe und/oder Art der Arbeit.
Grund zu diesen Ueberlegungen gab mir eine Riksha-Fahrt durch Madurai. Der Motor hatte 2 BS (BeinStaerken) und die Maximalgeschwindigkeit betrug geschaetzte 10 km/h. Der Gedanke, in einer Fahrradriksha durch fremde Laender chauffiert zu werden, hatte anfangs noch etwas romantisch-abenteuerliches an sich. Doch dies sollte sich bald aendern. Simon und ich nahmen auf der Rueckbank platz. Nun ja, eigentlich ist die Bezeichnung „Rueckbank“ nicht ganz korrekt, denn es gab jediglich nur diese eine Sitzgelegenheit. Ausatmen, duenn machen, reinsetzen und locker weiter atmen – nach dieser Divise quetschten wir uns auf die schmale Bank. Der Fahrer trat in die Pedale. Eigentlich war es mehr ein hin und her wiegen, eine Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das Andere. Sein gesamtes Gewicht lies die Pedale nur muehsam sinken. Langsam bewegten wir uns fort. Die umstehenden Leute hatten also genug Zeit uns zu fixieren. Es war mir unangenehm, wie auf dem Praesentierteller, in Kopfhoehe an ihnen vorbei geschoben zu werden. Regelmaessig drehte sich unser Fahrer um und – lachte. Uebers ganze Gesicht strahlte er. Von einem Ohr zum anderen. Und haette er diese nicht gehabt, so stuende es ausser Frage – er haette im Kreis gelacht. Sein Augen strahlten. Warum, konnte ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Die ganze Situation war mir auesserst unangenehm. Er begann zu schwitzen. Immer mehr schweiss lief seinen Ruecken herab und durchnaesste sein Hemd. Auch nannte er uns „Master“ – Bilder von Baumwollpflueckenden Sklaven kam mir in den Sinn. Ich bin nicht sein „Master“ und er nicht mein Sklave – ich will hier nur noch aussteigen. Am liebsten haette ich ihn hinten Platz nehmen lassen und selber in die Pedale getreten, aber das haette er nur als Beleidigung empfunden. Immer wieder drehte er sich strahlend, wie ein Honigkuchenpferd um und sagte ausserdem „Family-Man“. Er schien froh zu sein uns als Kunden zu haben. Es brachte ihm Geld, Essen fuer seine Familie. Dennoch, derAnblick des kleinen, schwitzenden Inders, welcher sich wegen uns fuer schlappe 20 Rs. abquaelte, wie als wollte er das Bergtrikot-Ticket am Alp d’Huez gewinnen, brachte wieder mein schlechtes Gewissen zum vorschein. Jemand anderen fuer mich arbeiten zu lassen ist einfach nicht mein Ding. Wie ein Pascha durch die Strassen gezogen zu werden, den Blicken derLeute ausgesetzt zu sein bereitete mir unbehagen. Doch ist dieses schlechte Gewissen berechtigt? Schliesslich sichert man seinen Arbeitsplatz und gibt ihm Geld. Trotz all dieser Ueberlegungen bleibt der Geschmack des Unwohlseins, wenn man mit Muskelkraft durch Madurai gezogen wird.

More Impressions



Einfach mal ueber die Schulter geschaut








Le Chef a la cuisine in meinem Lieblingslokal- hier kocht der Meister noch persoenlich


La Cuisine - Herz des Gourmet-Tempels und Produktionsstaette leckerster Pooris

Samstag, 29. November 2008

Impressionen eines Tages

Ohne Ziel schnappte ich mir meine Kamera und lief einfach die Strasse entlang. Und das kam dabei raus.....










Mittwoch, 26. November 2008












Tirupthi and Tirumala
Der Rucksack ist gepackt – alles steht bereit. Es ist 23 Uhr und in einer Stunde geht mein Bus. Die ganze Woche rede ich von nichts anderem mehr, Schon unzaehlige Anlaeufe sind wie Seifenblasen vor meinen Augen geplatzt. Doch nicht diesmal. Morgen werde ich in Tirupathi ankommen, um im „Venkateshwara-Tempel“ den „darshan“ – den Anblick des goettlichen – zu geniessen, ganz oben auf dem Huegel von Tirumala. Es is eines der bedeutensten Pilgerzentren in ganz Indien, vielleicht sogar der ganzen Welt – zumindest von der uns bekannten. Betrachtet man die Anzahl der Besucher, so soll der Venkateshwara-Tempel Rom, Jerusalem und Mekka bei weitem uebertrumpfen, denn dort tummeln sich zu keiner Zeit weniger als 5000 Pilger. Im Schnitt sollen 40.000 Pilger pro Tag den Tempel aufsuchen und manchmal explodiert diese Zahl sogar auf 100.000. Wen wird es dann noch verwundern, dass allein schon 12.000 Menschen zum Tempelpersonal gehoeren. Und an diesem Wochenende werden sie 39.999 Pilger plus einen Auslaender – das waere ich, denn eigentlich verirrt sich kaum ein Backpacker an diese Staette – ins Zentrum des Tempels fuehren.
In diesem Leben gibt es keine Gewissheit – lehrte schon der Buddha vor ueber 2.500 Jahren. Nirgendwo wird man ihm schneller zu dieser Erkenntniss beipflichten als hier in Indien. In letzter Sekunde kann sich hier – nein, wird sich hier alles aendern und alle Plaene ueber den Haufen geworfen. Doch in Wirklichkeit gibt es tatsaechlich zwischen all diesen Variablen, der Unberechenbarkeit und der Veraenderung - besonders der von Reiseplaenen - eine Konstante. Eine, die wie der Name schon sagt, sich wohl nie veraendern wird. Ich nenne sie der Einfachkeithalber einfach mal – die variable Konstante, die Gewissheit mit der eine Veraenderung eintreten wird, die Gewissheit, dass es keine Gewissheit gibt. Sie sorgt mit Sicherheit dafuer, dass nichts so kommt, wie es urspruenglich gedacht war. So sollte es mich nicht weiter ueberraschenn, was es dennoch tat, dass es Kumar, zu jener besagten Zeit – 23 Uhr, eine Stunde vor Abfahrt des Busses – einfiel, nachdem ich die ganze Woche davon gesprochen hatte, dass ich den falschen Bus nehmen wuerde. Wie jetzt, falscher Bus? Extra habe ich zweimal nachgefragt. Der Bus nach Tirupathi sollte Punk 0 Uhr von Gauribidanur aus starten. Letztendlich war alles ein einfaches Missverstaendnis. Anstatt den Bus NACH, verstanden die Inder VON Tirupathi. Die Zeit stimmte also, nur fuhr der Bus in die falsche Richtung. Jetzt hiess es wiedermal schnell umplanen. Das Problem lag darin, dass in Gauribidanur nicht allzu viele Direkt-Busse nach Tirupathi fahren. Dies waere der einzig zeitlich guenstig gelegene Bus gewesen. Also blieb mir keine Wahl, als den Umweg ueber Bangalore zu waehlen. Und von dort einen der unzaehligen Busse zum heiligen Huegel abzupassen. Wie es der Zufall so will, musste Kumar ebenfalls am fruehen Morgen nach Bangalore. So war auch das Problem rasch geklaert, wie ich frueh um 5 rechtzeitig zur 6km entfernten Bushaltestelle gelange. Noch schnell 5 Stunden Schlaf abgefasst und dann trieb es uns hinaus in die leeren, nur vom Nebel besiedelten Strassen. Es war noch dunkel und die Sonne wuerde wohl noch eine gute halbe Stunde benoetigen um am Himmel empor zu klettern. Am Strassenrand hockten eingehuellte Gestalten um ihre Notdurft zu verrichten, denn ein Klo kennen hier nur die wenigsten. Es blieb mir jedoch schleierhaft, ob sie sich wegen der Kaelte einhuellten oder aus Scham, einem Greifen nach ein Stueck Privatsphaere – denn wer laesst sich schon gern beim kacken zuschauen (hierbei moechte ich keinem zu Nahe treten, sollte es einige geben die diese Form des Exibitionismus praktizieren, so sollen diese nicht den Eindruck haben, dass ich mich hier ueber sie lustig mache). Die ersten Bauern trieben ihre Kuehe, Ochsen und Wasserbueffel auf die Felder und sogar eine Gruppe Schulkinder machte sich fein saeuberlich in Reih und Glied auf den Weg. Die Bushaltestelle – welche jediglich eine allgemein anerkannte und fuer Einheimische bekannte Stelle am Strassenrand darstellt – lies sich leicht ausmachen. In der typisch indischen Sitzhaltung – Fuesse etwa schulterbreit auseinander und das Gesaess locker dazwischen schwingend – in Decken gehuellt hockten sie alle auf einem Haufen. Kondensierte Luft stieg von ihrem Atem in die frische Morgenluft.
Die Fahrt nach Bangalore war unspektakulaer, und dies aus zwei Gruenden: erster Grund – weil nichts passierte. Zweiter Grund – falls doch was spannendes passierte, sollte ich es nicht mitbekommen, da ich schlief – nun ja, vor mich hindoesen triffts wohl besser, bei dem geholper. Fuer die Fahrt brauchten wir jediglich eineinhalb Stunden. Normal sind zweieinhalb, doch unser Fahrer peitschte den Bus nur so durch die leeren Strassen. Nahtloas wechselte ich von einem Bus in den naechsten und schlief weiter. So kam ich gegen 15 Uhr relativ ausgeruht in Tirupathi an. Der Regen hatte schon vor einer ganzen Weile eingesetzt und verwandelte den Busbahnhof in einen befahrbaren Swimmingpool. Trotz des herabfallenden Nass’s klapperte ich verschiedene Lodges ab – doch alle Einzelzimmer waren ausgebucht. So entschied ich mich letztendlich fuer das geringste Uebel, nachdem unzaehlige Betrunkene versuchten mich in jene Hotels zu locken won welchem sie wahrscheinlich eine laecherliche Provision kassierten – es grenzte schon fast an Belaestigung und nicht wenige boese Blicke durchbohrten meinen Ruecken als ich nicht in das gewuenschte Etablissement ein-checkte. Ich packte aus, bezog mein Bett und machte mich auf, meine neue Umgebung zu erkunden. Mein Weg fuehrte mich vorbei an unzaehligen Chai-Staenden, wo ich nur den wenigsten widerstehen konnte, an Tempeln und gemuetlichen Maerkten mit einladendem Flair.
Jedesmal wenn ich diese Maerkte besuche beneide ich all unsere Grosseltern. Es ist nicht wie in einem Supermarkt, wo man sein abgepacktes Obst und Gemuese auf eine elektrische Waage stellt und ein Etikett bekommt. Es ist mehr. Es ist soziale Kontakte pflegen, seinem Lieblingshaendler einen Besuch abstatten, sich von den natuerlichen Dueften verzaubern lassen, die Qualitaet der Gemuese im Mondschein pruefen und nicht im Neonlicht. Hier pappt noch Dreck an der Kartoffel, die einem vor Augen fuehrt, dass diese waechst und gedeiht und nicht in Fabriken hergestellt wird. Kurz um – ich liebe diese Maerkte aufgrund ihrer Natuerlichkeit. Oder wem hat schon einmal die nette Verkaeuferin an der Kasse einen Kohlkopf extra in die Tuete gepackt, nachdem man sich bei einer Tasse Tee mit ihr stundenlang unterhalten hat? Ein Markt ist Treffpunkt des Dorfes, die Grenze zwischen Verkaeufer und Kaeufer ist fliessend. Dieses romantische Flair verschwand mit der Generation unserer Grosseltern und machte Platz fuer sich elektronisch oeffnende Supermarkt-riesen in denen zu jeder Jahreszeit ein konstantes Klima herrscht.
Es sind diese kleinen Momente die einen Indien lieben lassen und meine Theorie bestaetigen, dass Geld im Leben nicht gluecklich macht sondern der Zusammenhalt, die Geborgenheit einer Gemeinschaft. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Waehrend ich so durch die Stadt traeumte setzte ab und an Regen ein. Wie sollte es auch anders sein, als das mein Regenschirm in meinem Zimmer lag – ein herzliches Dankeschoen an die variable Konstante. So verging der Abend und nach einem ausreichendem Mal legte ich mich schnell schlafen. Gut ausgeruht wollte ich mich unter die Pilger mischen. Doch machte ich die Rechnung ohne – wie aufmerksame Leser sicherlich schon ahnen werden – die variable Konstante. Zuerst von Muecken heimgesucht – an dieser Stelle sei der Verdacht geaeussert, dass dieses ganze Malaria-Gerede eine pure Panikmacherei ist. Am Morgen zaehlte ich 10 Stiche an einer Hand, die am Arm, Fuss und Ruecken nicht mitgezaehlt und das in einer hoch gefaehrdeten Region. Glaubt man den Aerzten so muesse man schon nach einem Stich die 50 Euro Tabletten schlucken – aber ich will mich mal lieber nicht soweit aus dem Fenster lehnen, denn Hochmut kommt bekanntlich vor dem Sturz. Jedenfalls war es zu keiner geringeren Stunde als 3.34 am Morgen als mir das Blut in den Adern gefrohr. Der Grund war ein klingel – nicht weiter schlimm, aber es war an meiner Tuer. Zuerst dachte ich „Okay, verwaehlt, Lichtschalter gesucht und daneben gegriffen – doch dabei sollte es nicht bleiben. Es klingelte wieder – und wieder – und zu dem Klingen der Glocke gesellte sich ein Klopfen. Noch nie zuvor war ich so hellwach. Meine Augen weit aufgerissen, den Puls im Hals spuehrend und mit zitternden Knien stand ich wie angewurzelt im Zimmer. Von der Strasse her war kein Geraeusch zu hoeren. Von dort konnte ich also im Falle eines Falles keine Hilfe erwarten. Ich war auch mich allein gestellt. Das Klingeln wurde immer energischer, das Klopfen heftiger. Es gab keinen Zweifel mehr – jemand oder mehrere befanden sich vor meiner Tuer und versuchten in mein Zimmer zu gelangen – wohlgemerkt um halb vier Uhr morgens. Das es sich dabei um den Zimmerservice handeln sollte war ein letzter hoffnungsvoller Gedanke der sich soeben verfluechtigte. Horrorgeschichten von Backpackern schossen mir durch den Kopf und Angst lies meinen Puls auf Maximalwerte ansteigen. Adrenalin schoss in meine Blutbahn und die Muskeln gewannen an Spannung. Was tun? Es ist wohl klar, dass „Tuer oeffnen“ keine der gewuenschten Optionen war. Ich schlich zur Tuer. Mittlerweile klopfte es auch am Fenster, welches sich gleich daneben befand und gluecklicherweise von aussen vergittert war. Ich schob den zweiten Riegel in seine Verankerung und konrollierte den Ersten. So sicher mir das Zimmer schien – Gitter vor den Fenstern, zwei Riegel an der Tuer – so beaengstigend kam es mir nun vor. Sollte sich dieser Jemand tatsaechlich gewaltsam Zutritt verschaffen war es eine perfekte Falle – kein Auswegm keine Versteckmoeglichkeiten. Schon bald war ich mir nicht mehr so sicher, ob die zwei Riegel den Attacken standhalten wuerden, denn nun wurde heftigst an der Tuer geruettelt. Das Klingeln und Klopfen an Fenster und Tuere vermischte sich mit wuetend klingendem indischen Gemurmel – oder war es ein Fluchen? Wut und Aggression drang durch die Ritzen von Aussen in mein Zimmer. Meine Sinne waren hell wach. Nicht wissend was vor sich ging hatte ich die Hosen gestrichen voll. Die Uhrzeit der Stoerung und die aggressive Art und Weise der Versuche die Tuer aus den Angel zu heben liesen keine Frage ueber die Absichten meines Besuchers offen – Ueberfall. Wie ich schon anfangs erwaehnte gab es hier viele Betrunkene, viel Armut und kaum Auslaender. Wen verwundert es also, dass ein Europaer gespickt mit schickem Rucksack und teurer Kamaera DIE Loesung fuer alle finanziellen Familiensorgen darstellt.
Sollte die Tuer nachgeben musste ich schnell handeln. Angriff war die beste Verteidigung und der Ueberraschungseffekt war auf meiner Seite. Nicht umsonst hatten meine Eltern mir 7 Jahre Karate-Unterricht ermoeglicht und nicht umsonst hatte ich mich einmal fuer die Deutsche-Meisterschaft qualifiziert. „Wer kaempft kann verlieren, wer nicht kaempft hat schon verloren.“ – diese mutig klingenden Worte klangen alles andere als beruhigend. Ich entschloss mich dazu mein Bett vor die Tuer zu schieben um diese zusaetzlich zu verrammeln.
Das ganze Spektakel dauerte ca. zehn Minuten. Gefuehlt handelte es sch hierbei jedoch um Stunden. Das schlimmste war die Unwissenheit. Was will der von mir? Oder sind es sogar mehrere? Wie lang wird das so weiter gehn? Komm ich hier heil aus der Sache raus?
Ploetzlich - Stille. Neue Fragen kamen auf – Wird jetzt Verstaerkung geholt? Soll ich einen Blick vor die Tuer riskieren (diese Frage wurde sehr schnell und sehr stark von meinem Unterbewusstsein mit einem klaren „Nein“ eantwortet). Ich fixierte das Bett so gut es ging vor der Tuer und legte mich wieder hin. Fuer die naechste halbe Stunde war ich unfaehig zu schlafen. Doch es gibt wohl nichts was mich vom schlafen abhalten sollte – und so schlummerte ich mehr oder weniger gut ein. Was hatte die variable Kontante noch alles mit mit vor?
Der Rest der Nacht verlief – von den Muecken einmal abgesehen – ruhig. Dennoch schob ich nur widerstrebend und vorsichtig am naechsten Morgen das Bett zur Seite und spaehte den Korridor entlang.
Ich hatte bereits schon ein Ticket und so ging es direkt nach dem Fruehstueck zum Busbahnhof. Unzaehlige Busse fahren hier zum Tempel um dem Ansturm der Pilger gerecht zu werden, welche Venketeshwara sehen moechten. Dieser Reinkarnation Vishnus werden naemlich allerlei Faehigkeiten zugesprochen. Die wohl beliebteste ist jene, Wuensche wahr werden zu lassen. Dieser muss vor dem Abbild der Gottheit geaeussert werden. Um ihrem Wunsch etwas Nachdruck zu verleihen und dessen Wichtigkeit zu unterstreichen, bringen viele Pilger ihr Haar als Opfergabe dar. Auf dieseWeise wollen sie sich auch fuer einen bereits erfuellten Wunsch bedanken oder ihrer selbst entsagen. Aus diesem Grund soll ein ganzes Heer von Friseuren die Pilger begleiten – leider hab ich davon nichts mitbekommen. Doch sieht man unzaehlige von Glatz-Koepfen in Tirupathi sowohl als auch in Tirumala, egal ob Mann, Frau oder Kind. Alles war jedoch wohl organisiert. Serpentine um Serpentine schlaengelten wir uns den Berg empor. Ein Stueckchen blauer Himmel lies am Morgen auf einen sonnigen Tag hoffen, doch schon bald befanden wir uns wieder, umgeben von Wolken. Was liegt da wohl am naechsten, als sich bei Ankunft ersteinmal mit einem Chai aufzuwaermen und die Massen auf sich wirken zu lassen. Aus dem LP wusste ich, dass bei einem gewoehnlichen „darshan“ mehrere Stunden in einem Metallkaefig, eingequetscht wie in einer Sardinenbuechse zubringen wird. So taten mir die 100 Rs. (2 Euro) nicht weiter weh, die man fuer ein VIP-Ticket bezahlen musste, um die Wartezeit erheblich zu verkuerzen. Ja, auch Goetter kennen Very Important People. Von Geschaeft zu Geschaeft hangelnd fragte ich mich bis zum Ticket-Schalter durch. Die Atmosphaere, welche vor diesem herrschte ist wohl am besten mit den Woertern gespannt und aggressiv zu beschreiben. Nicht umsonst hatten drei Polizeibeamte alle Haende voll zu tun die aufgebrachte Menge im Zaum zu halten – Mischa mittendrin. Doch wie immer gibt es eine gute Seele die einen weiterhilft. Auch in diesem Fall sollte sie nicht lange auf sich warten lassen. Alles andere haette mich auch verwundert an einem so goettlichen Platz. Wenige Minuten spaeter haendigte ich dem zur Hilfe herbeigerufenen Polizeibeamten meinen Reisepass aus – mit welchem dieser in der Menge verschwand. Boeser Fehler dachte ich, doch zu unrecht. Mit dem Antragsformular kam er zurueck. „Hab etwas mehr Vertrauen in die Menschen.“ – scholt ich mich. Ja, fuer VIP-Tickets gibt es ein Antragsformular, in dreifacher Ausfuehrung bei niederen Goettern puenktlich zur Apokalypse einzureichen. Der hilfsbereite Polizist half mir wieder beim ausfuellen und schlaengelte sich sogar an den Massen vorbei, nachdem ich ihm die 100 Rs. in die Hand gedrueckt hatte. So kam ich ohne Probleme zu meinem Ticket. Doch damit nicht genug. Im Tempel ist stricktes Verbot fuer alle elektronischen Geraete und Kameras. So wurde ich gleich noch zur kostenlosen Gepaeckaufbewahrungsstelle gefuehrt und nochmals an den Massen vorbei gleich zum Schalter geleitet – perfekt.
Aus diesem Grund war es mir leider versagt euch die beeindruckende Atmosphaere in Bildern etwas naeher zu bringen. So muss ich es mit Worten versuchen, doch ich habe die Befuerchtung, dass diese nicht ansatzweise dem erlebten gerecht werden.
Zum dritten Male wurde ich unter polizeilichen Schutz zum VIP-Eingang geleitet. Vorbei an dem ewig langem Metall-Tunnel in welchem Pilger schon unzaehlige Stunden zubrachten und noch nicht einmal dem Eingang des Tempels nahe waren. Ein schlechtes Gewissen ergriff mich, als ich ihre neidischen Blicke spuehrte, die sie mir zuwarfen. War es ihnen versagt, sich das teure Ticket zu kaufen, so konnte sich dieser „reiche“ Nicht-Glaeubige einfach vorne anstellen. Die Freude der Inder war unbeschreiblich – wie kleine Kinder huschten Erwachsene in angeregten Rennen an mir vorbei, immer wieder die Worte „Gowinda“ rufend. Dies war der Name des Gottes wie ich spaeter erfahren sollte. Doch nach schon wenigen Metern war Schluss mit VIP. Wie die Pilger vor dem Tempel fand ich mich in einem Metallkaefig wieder. Von allen Seiten wurde geschoben und gedrueckt. Mit Eisenstangen wurde der Gang in zwei Bereiche geteilt, jener fuer die gluecklichen Besitzer eines VIP-Tickets, und dem Rest. Nichts tat sich. Die Minuten verstrichen und es ging nicht vorwaerts. Nur langsam, quollen die Massen vorwaerts. Die Hoffnung auf Erloesung verschwand um jede Ecke und flammte kurz vor erreichen der Naechsten wieder auf. Ein endloses Labyrinth schien sich durch den Tempel zu ziehen, in welchem man schier verloren gegangen waere, wuerde man nicht durch knadenlos nicht-nachgebenden Stahl in die richtige Richtung geleitet. Vorbei an Gebetsraeumen in denen mit Feuer, Gesang und Weihrauch Zeremonien abgehalten wurden schlaengelte sich die Karawane. Der Weg schien immer schmaler zu werden und kein Platz blieb in den Massen ungenutzt – jedes freie Volumen wurde gefuellt. Der Druck war enorm. Die Mauern veraenderten sich. Je tiefer man in den Tempel vor drang, umso mysthischer erschienen sie. Russ bedeckte ihre Oberflaechse und Muenzen fuellten die Ritzen. Von den nach Halt suchenden Pilgern, welche sich wie ich am Rand der Massen befanden, waren sie blank poliert. Die Haende zum Gebet gefaltet sich in euphorische Gesaenge steigernd schoben sich die Pilger unaufhlatsam durch die Gemaeuer. Der Gang verengte sich ein letztes Mal – ein silbernes Tor wie aus einem Maerchen tat sich vor uns auf. Die Stimmung explodierte, der Eingang zum heiligsten war erreicht. Jeder war sich selbst der naechste, nur ein Ziel vor Augen – Venketeshwara. In einer Schleife wurde man vor den Schrein gefuehrt und ploetzlich befand man sich auf der Zielgeraden. Ein Tuer in der massiven Steinwand vor uns erlaubte den Blick in einen dunklen langen Flur an dessem Ende, in einer kleinen dunklen Kammer das Abbild Venkateshwaras thronte. Ich hatte mir vorher in keinster Weise Gedanken ueber einen Wunsch gemacht, doch diese Atmosphaere hatte etwas enorm magisches. Ich vermag es nicht in Worte zu fassen, aber aus der fernen Kammer schien eine gewisse Kraft auszugehen, eine Mysthik die einen in ihren Bann zog und fesselte. Ich tat es den Pilgern gleich, blieb stehen, faltete die Haende wie zum Gebet, schloss die Augen und murmelte meinen Wunsch – Ich hoffe dieser indische Gott versteht deutsch, ansonsten war der ganze Aufwand umsonst. Ich hatte die Augen noch nicht richtig geoeffnet, wurde ich schon am Arm gepackt und nach draussen gezogen. Noch einen letzten Blick in den langen dunklen Flur erhaschend, verschwand Venkateshwara aus meinem Sehfeld. Da wiedersteht man allen stundenlangen Strapazen des Wartens fuer zehn Sekunden – doch ich bereue keine Sekunde. Wie bei der Muendung eines Flusses ins grose Meer, so fiel mit einem Mal der ganze Druck von einem ab. Man konnte sich bewegen – frei, ungezwungen, atmen. Doch dieser Zustand sollte nicht lange andauern. In einem geschlossenen Kreislauf herrschen die gleichen Gesetze, sei es ein Strom-, Wasser- oder Menschenkreislauf. Das was reinfliesst muss auch wieder rauskommen. So fand man sich am Ausgang in der gleichen Sardinen-Buechsen-Situation wieder. Noch schnell den vom Tempelpersonal auf einem Blatt-Teller servierten Reis hinunter geschlungen und schon stuerzte ich mich todesmutig in die Fluten um von ihnen nach draussen gespuehlt zu werden.
Ich sog die Ruhe in mich auf. Von aussen betrachtet schien der Strom der Glaeubigen dem eines Gefangen-Tracks in keinster Weise nachzustehen. Ihre Haende schlossen sich um die goldenen Gitterstaebe als wollten sie rufen „Lasst mich hier raus.“ Im Nebel der Wolken umrundete ich den Tempel, auf der Suche eines geeigneten Platzes um wenigsten einen kleinen Blick auf das Gold des Gebaeudes erhaschen zu koennen. Die einzige Moeglichkeit schien mir eine jener Pilger-Herbergen zu sein, welche auf einem winzigen Huegel ruhte. Von ihrem Dach sollte ich den best moeglichsten Blick bekommen. Doch wie dort hin gelangen? Am besten Fragen. Selbstverstaendlich, als ob ich einen Schlafplatz reserviert hatte betrat ich das Gebaeude. „Wo geht’s zum Dach?“ fragte ich. „Zur Terrasse geht’s da rauf.“ kam die Antwort. Ich eilte die Treppen empor, vorbei an verbluefften Pilgern und oeffnete die Tuer. Leichter Nieselregen setzte ein. Ich lies meine Flip-Flops stehen und erklomm vorsichtig die rutschigen Stufen der Metall-Leiter. Geduckt unter einem Betontraeger krabbelte ich auf das erste Plataeu. Von dort fuehrte eine weitere Leiter zum hoechsten Punkt des Gebaeudes. Et voila – eine gute Aussicht auf den Tempel. Nicht die Beste – aber man sollte zufrieden sein mit dem was man bekommt. Und das war ich.
Noch vorsichtiger kletterte ich wieder hinab und war heil froh wieder sicheren Boden unter den Fuessen zu haben. Am Rande des Tempels, an einem riesigen Kerzenstaender-Aehnlichem Objekt wurde heftig gebetet und Opfergaben dar gebracht. Schwarzer Qualm umwehte die Glaeubigen. Nur der einsetzende Regen schaffte es mich aus dieser malerischen und so unreal erscheinenden Szene zu reisen. Ich lies noch eine Weile den Huegel auf mich wirken. Und zwei Chai spaeter setzte ich mich in den Bus. Eine gute Entscheidung, denn schon wenige Minuten spaeter oeffnete der Himmel seine Tore und versuchte die Suenden der Welt abzuwaschen.
Anfangs fand ich es Schade, einen so faszinierenden Platz im Regen besuchen zu muessen, doch rueckblickend war es eine Wohltat. Wuerde man die Stunden des Wartens in einer Menge von tausenden, schwitzenden Pilgern verbringen muessen – so waere es mit Sicherheit kein schoenes Erlebnis. Das Atmen wuerde zur Tortur werden. Manchmal hat eben die variable Konstante auch ihre guten Seiten.
Danke Mr. Venkateshwara

Sonntag, 9. November 2008

Mysore - Gokarna












Love at first sight
I just can’t point my finger at it – aber da gab es etwas, was mir Mysore von Anfang an sympathisch macht. Eigentlich mag ich es nicht am fruehen Morgen, oder am spaeten Abend – obwohl der fruehe Morgen noch das geringere Uebel ist – in fuer mich unbekannten Staedten anzukommen. Die Dunkelheit macht es schwer Menschen zu beurteilen, ihre Absichten zu erkennen. Auch fuehlt man sich auf eine befremdende Art genoetigt, sich schnell nach einer Bleibe umzusehen, bevor sich zu der Dunkelheit auch noch die Stille eines endenden, langsamer fliessenden Stromes emsigen Treibens auf der Strasse gesellt.
Doch Mysore erzeugte nicht wie erwartet diese Art von unbehagen. Der Regen hoerte rechtzeitig auf, kurz bevor wir ankamen und den, vom kuehlen Nass beschuetzenden, Bus verliessen. Ein absoluter Pluspunkt. Genau gegenueber vom Busbahnhof befand sich ein sauberes Restaurant, in welchem auch Frauen, Kinder und Familien speisten. Ein recht zuverlaessiger Indikator fuer saubere Kueche und ordentliche Mahlzeiten. So war es auch. Noch ein Pluspunkt. Doch jetzt war etwas Eile geboten. Vor 10.30 pm musste ich in der Jugendherberge einchecken, danach wurden die Tore geschlossen – Zapfenstreich. Die einmalige Gelegenheit fuer nur schlappe 45 Rs. – umgerechnet nicht einmal 90 Cent – die Nacht ein Bett zu bekommen, wollte ich mir bei aller Gemuetlichkeit nicht entgehen lassen. Rucksack geschultert und flinken Fusses ging’s zur erstbesten Riksha. Ohne grosse Vorrede kam ich gleich zur Sache – „Youth Hostel – Wieviel?“ riss ich den vor sich hin traeumenden Fahrer aus seinen Gedanken. „Keine Ahnung – wir gehen nach dem Zaehler.“ kam die ueberraschende Antwort und brachte mich komplett aus dem Konzept. Hatte ich mich soeben verhoert? Hat mir gerade der Rikshafahrer angeboten, ich korrigiere, freiwillig angeboten, den Zaehler zu verwenden? Der Zaehler wird von Rikshafahrern ungefaehr so sehr gemieden, wie die Katze das Wasser, so sehr gehasst wie ein Einlauf und ueber kein anderes technisches Geraet in Indien ranken sich so viele Geschichten, warum gerade heute, just in diesem Augenblick dieses nicht funktioniert. Kurz um – es ist das meist gehasste Instrument dieses Berufsstandes – gibt es doch unumstritten den richtigen Fahrpreis an. Keine Chance zur Abzocke. Aber Indien waere nicht Indien, wenn sich nicht doch ein Weg finden liesse. Gerade als Ortsfremder, wird man sinnlos durch die Labyrinthe der Stadt gefahren, um die Distanz kuenstlich zu verlaengern und den Preis in die Hoehe zu treiben. Geld mach eben erfinderisch. Doch Mysore war fuer solche Spielereien nicht gross und verworren genug.
Doch dieser Fahrer schien sich an’s Gesetz zu halten – er hatte mein vollstes Vertrauen. Auch die Tatsache, dass man aufgrund der spaeten Stunde das 1,5-fache vom Preis bezahlen muss, sagte er mir im Vorraus. Durchaus korrekt und sehr aufmerksam. So gewann Mysore, ohne es zu wissen, seinen dritten Pluspunkt auf meiner Liste. Waehrend der Fahrt sollten sich noch weitere Punkte auf’s Konto dazu gesellen aufgrund von „absoluter“ Sauberkeit – natuerlich nach indischen Massstaeben - ,wenig Verkehr und der unzaehligen gruenen Parks. Wenn das nicht Liebe auf den ersten Blick ist – schon nach zehn Minuten hatte ich die Stadt in mein Herz geschlossen. In der Herberge angekommen fragte ich wie immer nach, ob ich dem Rikshafahrer zuviel gezahlt hatte – diesmal keinen Cent. Nach dem ausfuellen unzaehliger Formulare, so das ich schon dachte ein Einbuergerungsformular in mehrfacher Ausfuehrung wuerde vor mir liegen, bezog ich mein Bett in einem der 20-Mann Zimmer und legte mich schon bald schlafen. Zumindest startete ich den Versuch. Im Bett neben mir schaute man noch lautstark einen Film, das Licht vom Flur schien mir direkt ins Gesicht und Stimmen drangen aus allen Winkeln der Etage an mein Ohr. Ein grosses Respect an alle Lehrer die dazu verdammt sind Schueler auf Abschlussfahrten zu begleiten. So begann die Nacht wie sie enden sollte – beschissen – und das meine ich im woertlichen Sinne. Puenktlich aller zwei Stunden wurde ich von heftigem Durchfall geweckt, so dass ich vermutete, mein Urin war einfach zu faul den Umweg ueber die Blase zu machen. Ein Einlauf entpricht ungefaehr der Konsistenz von langsam trocknenden Zement im Vergleich zu dem erbaermlichen Bild welches ich auf der Toilette abgegeben haben muss. War es nicht der Durchfall, so waren es unzaehlige Muecken die mich wie Kamikaze-Flieger bombardierten. Puenklich zu ersten Tiefschlafphase wurde ich dann frueh um fuenf von einsetzendem Teenager-Enthusiasmus geweckt. Hypermotiviert starteten sie in den Tag und liesen keine Gelegenheit aus, es jedem mizuteilen – 45 Rs. schoss mir durch den Kopf, es musste ja einen Haken geben.
Jedenfalls kam ich so puenktlich um Acht aus dem Hostel. Bei Tage betrachtet ein durchaus idyllisches Plaetzchen, und die Busfahrt ins Zentrum sollte nur 6 Rs. kosten. Als erstes stand die Reservierung eines Bustickets nach Kundapur auf der Tagesordnung, denn dies war der eigentliche Grund meiner Reise.
Um euch nicht mit langweiligen Themen zu belaestigen, mache ich es kurz. Laut meinem Visum muss ich mich innerhalb der ersten 14 Tage meines Indienaufenthaltes polizeilich registrieren lassen. Laut Aussage meines Betreuers, muss dies allerdings in dem Ort geschehen, in welchem man wohnt. Trotz energischer Hinweise meinerseits, dass ich in meinem Projekt ankommen werde, nachdem die 14 Tage-Frist abgelaufen ist, schien ihn nicht aus der Bahn zu werfen. Dennoch fuhr ich innerhalb der Frist zur Polizeistation, wurde jedoch abgewiesen. Nach weiteren unzaehligen besuchen der Polizei wurde ich von einer Behoerde zur anderen geschickt – keine fuehlte sich zustaendig. So wurde ich von Gauribidanur nach Bangalore und von dort zurueck nach Kundapur geschickt – 2 Monate zu spaet. Das ist indische Buerokratie. Es sei mir verziehen, die unzaehligen Momente in denen ich ueber unsere Agentur fuer Arbeit fluchte.
Ich weiss nicht woher er kam, doch ploetzlich war er da. Ein junger, drahtiger, mit Cowboy-Stiefeln besohlter Inder mit gepflegtem Aeusserem, und bot mir seine Hilfe an. Um eines sofort klar zu stellen, teilte er mir freundlich mit, dass er kein Geld wollte, er sei kein Guide, nur auf Urlaub, deswegen hilft er mir – anstatt am Strand zu liegen, de Tag zu geniessen, rennt er im Urlaub durch Staedte um Europaern zu helfen, okay, durchgeknallt sind diese Inder, aber auch bequem und das war alles andere als bequem. Ausserdem wolle er sich mit mir unterhalten, um sein Englisch etwas aufzubessern. Dieser Grund schien mir durchaus nachvollziehbar. Zielsicher fuehrte er mich zum Ticketschalter. Bevor ich jedoch so richtig anfangen konnte nach einem Ticket zu fragen, kam schon die Antwort, wie aus der Pistole geschossen – „Ausgebucht.“ Hatte er mir ueberhaupt zugehoert? Dies jedoch als Startschuss wertend, startete mein Hintermann durch, kurzer Sprint zum Schalter – durchaus Olympiareif. Unbeeindruckt fuehrte mich mein neuer Begleiter zu einem Reisebuero. „Namaste“ – nicht ‚Namaste’ er ist Moslem, kein Hindu, wurde ich fluesternd korrigiert. Okay, dann eben „Salam alaikum“. Ein Reisebuero ist in Indien die beste Moeglichkeit um Tickets jeglicher Art zu buchen, und alles praktisch an einem Ort, ohne Stress. Und siehe da, ein Platz war noch frei. Da er auf meinen 500 Rs. Schein nicht rausgeben konnte, schlug er vor ich solle ersteinmal Fruehstuecken und dann mit dem Wechselgeld bezahlen. Da er mir geholfen hatte, spendierte ich, grosszuegig wie ich nun einmal bin, meinem Begleiter einen Chai. Das Geld wechselte den Besitzer und ich hielt das Ticket in meinen Haenden, nun konnte der Tag beginnen. „Was willst du tun?“ – wurde ich gefragt. Ich ueberlegte nicht lang, ich brauchte einen Schal. Dies mag fuer den ein oder anderen verrueckt klingen, aber es wird tatsaechlich Winter. Am Abend fallen die Temperaturen auf bis zu 15 Grad Celcius. Aber davon einmal abgesehen traegt man hier immer einen Schal, egal wie heiss, egal welche Zeit. Es ist einfach Mode, schick, man geht mit dem Trend. Diejenigen, die sich keinen Schal leisten koennen, tragen ein Handtuch und mutieren somit zum indischen Ebenbild von Erkan und Stefan. Da Mysore fuer Sandelholz und Seide beruehmt ist, wollte ich es mir nicht nehmen lassen einen Seidenschal zu ersteigern. Natuerlich wusste er sofort einen Laden, gleich um die Ecke. Auf den Weg dorthin gruessten meinen neuen „Freund“, der hier, ich wiederhole, nur Urlaub macht, recht viele Leute. So so, Urlaub. Wahrscheinlich wurde er hier geboren und hat Mysore nie nennenswert verlassen. Recht bald kam das Gespraech auf ein altbekanntes Thema zu sprechen – Drogen. Es stellte sich heraus, dass er weltweit – laut eigenen Aussagen – mit Drogen dealte. Natuerlich bot er mir sogleich etwas Haschisch an. „Rauchst du?“ – „Nein!“ – „Ich hab auch Oel. Riecht nicht, ist gut zum reisen. Keiner wird es finden!“ – „Nein, danke!“ So ging es noch eine Weile hin und her. Nicht aufdringlich, fast wie ein Eisverkaeufer bot er mir sein Sortiment der Reihe nach an und versuchte es mir schmackhaft zu machen. Auch sollte es hier, wie in Amsterdam, ein sogenanntes „Coffe-House“ geben – ein Cafe in welchem Mann legal Marijuana kaufen kann. Dies sei aufgrund der vielen Sadhus – heilige Maenner – hier erlaubt, da diese zur Ausuebung ihrer Religion jeden Tag eine ordentliche Portion weg-kiffen,um Gott oder der Erleuchtung ein Stueck naeher zu kommen, denn schliesslich ist es der Erleuchtung egal, wie man sie erlangt.
Jedenfalls wusste ich jetzt, woher sein gepflegtes Aeussere stammt – er hatte Geld. Und noch etwas gutes hatte das Gespraech – es war unterhaltsam. Es war ein netter Kerl. So nett wie man eben ist, wenn es sein Beruf ist „nett“ zu sein. Er war die perfekte Ein-Mann-Entertainment-Kombo fuer Unterwegs.
Die Zeit verging wie im Flug und flux stande wir im Laden – ach ja richtig, der Schal. Ueberall hingen edle Stoffe – sofern dies mein Kenner-Blick beurteilen kann – und Gewaender. Innerhalb von wenigen Sekunden, wurden tausende – mindestens – Schals (was ist eigentlich der Plural von „Schal“?) vor mir ausgebreitet. Einer schoener als der andere. Die Entscheidung war alles andere als einfach – doch ich hatte sie getroffen. Jetzt ging es ans Feilschen, und ich konnte noch ein paar Rupie rausschlagen. Wie so oft zahlte ich dennoch zu viel – werde ich es jemals lernen, mich nicht uebers Ohr hauen zu lassen? Mein Personal-Guide meinte, ich muesse mir unbedingt die Fertigung von Incense-Sticks – zu deutsch „Raeuscherstaebchen“ – anschauen. Hierbei handelt es sich um das indische Gegenstueck zum Raeuchermaennchen, oder wie die Einheimischen im Erzgebirge es betonen wuerden – „’s Racher-Maennl“. Ein Stueck Heimat also in der Ferne. So kam es, dass ich mich schon bald im muslimischen Teil der Stadt wiederfand und eifrigen Handwerkern dabei zuschaute, wie sie Sandelholz mit der Axt spalteten. Eine Mischung aus eben jenem Sandelholz, Raeucherstaebchen und Oelen lag in der Luft, und nicht zu vergessen einer Nuance von Abgasen – dem ‚Echt koelnisch Wasser’ Indiens.
Ohne es zu wissen hatte ich mich bereits fuer diesen Tag entschieden. Heute wollte ich mich einfach mal mit dem Strom treiben lassen, nichts planen, es auf mich zukommen lassen, schauen was passiert, oder „just go with the flow“ wie man in Australien sagen wuerde. So fand ich mich, ohne recht zu wissen wie ich dort hin kam, in Dr. Ansam’s Praxis wieder – oder war es doch bloss das Hinterzimmer? Eins war jedoch klar, es war eine gigantische Freude fuer die Augen. So lagen in der einen Ecke unzaehlige Raeucherstaebchen in den verschiedensten, knallbunten Farben, so standen fein saeuberlich geordnet, kleine und grosse Flaeschen gefuellt mit Oelen in der anderen und dazwischen – Dr. Ansam. An der Wand hing ein Schaubild vom menschlichen Koerper mit all seine Blutgefaessen und der Raum war erfuellt mit dem Duft der Oele. Ein Franzose wickelte noch schnell ein Geschaeft ab, und verschwand anschliessen mit riesigen Flaschen etherischer Oele aus der Tuer gegenueber jener, durch die ich ins Zimmer getreten war. Zureuck blieben der Doktor und ich. Sein Laecheln legte die Sicht auf seine goldenen Zaehne frei. Der Mann war nicht nur reich, er war stinkreich. Laesst man sich vom Lebe treiben, passieren die skurilsten Dinge. Hatte ich die letzten Tage mit heftigem Durchfall zu kaempfen, fuehrte mich mein Schicksal zu einem aryuvedischen Arzt. So nutzte ich die gunst der Stunde und erkundigte mich nach einer geeigneten Medizin. Er gab mir ein Flaeschchen mit Zitronengrasoel. Sollte es nicht helfen, so riecht es jedenfalls gut und man kann es zu verfeinerung von Tee’s verwenden. Fuer den Augenblick gab er mir ein Pulver zum schlucken. Den Geschmack konnte ich in keine mir bekannte Kategorie einordnen. Wahrscheinlich weil alle 20 Bestandteile – wie er mir beschrieb – aus mir unbekannten Gewuerzen, Kraeutern und Pflanzen gewonnen wurde. Doch Dr. Ansam war nicht nur Arzt, sondern auch Geschaeftsmann. So fuehrte er mir noch weitere Oele vor und rieb sie professionell in meine Haut. Ploetzlich platzte es aus ihm heraus: „Bist du Buddhist?“ Wie kam er bitteschoen darauf? Ich wuerde mich nicht als Buddhist bezeichnen, dafuer befolgte ich nicht die Regeln ernsthaft genug, doch fuehlte ich mich in den letzten Jahren immer mehr zu dieser Religion hingezogen. Zu faul, lange Erklaerungen zu geben, bejahte ich der Einfachkeithalber seine Frage. Zuerst war ich von seiner Menschenkenntnis beeindruckt, doch schon bald wurde der Zauber gebrochen. Sein Satz „Du hast das Gesicht und die Ausstrahlung eines Buddhisten.“ hiess uebersetzt nichts anderes als wie folgt: „Aufgrund meiner hervorragenden Gabe Menschen zu beobachten zaehle ich einmal Eins und Eins zusammen. Du hast kurze Haare, fast Glatze und auf deinem linken Unterarm gebinnt gerade das beliebteste Mantra Tibets, Heimatland seiner Heiligkeit des Dalai Lamas, ‚Om mani padme hum’ zu verblassen, weches du dir die Muehe gemacht hast mit Henna in tibetischer Schrift aufzumahlen.” Seine Beobachtung und sein Verstand waren vorzueglich – daran bestand kein Zweifel. Doch Auren sehen, Gedanken lesen oder in die Zukunft blicken konnte er nicht – trotz aller Mystik um seine Person. Eben noch felsenfest davon ueberzeugt, war ich mir im naechsten Augenblick schon nicht mehr so sicher. „You are mixed polish.“ Haehh, wie bitte, ‚Ich soll gemixte Politur sein.?’ missverstand ich ihn. Dann daemmerte es mir. Polnisches Blut soll durch meine Adern fliesen, dem Land in welchem Teile meiner Wurzeln liegen, glaubt man Dr. Ansam. Das war ja mal voll daneben. Aber Moment mal. Meine Grosseltern vaeterlicher Seits stammen aus Schlesien und wurden aufgrund der Auswirkungen des II.WK von dort vertrieben. Ich bin keine Leuchte in Geographie, geschweige denn in Geschichte, aber wenn mich nicht alles taeuscht, gehoerte dieser Teil des damaligen Deutschlands, das Dorf meiner Grosseltern, zum heutigen Polen. Spricht man also aus jetziger Sicht, habe ich tatsaechlich Wurzeln in Polen und bin demzufolge zu gewissen Anteilen polnisch, also „mixed polish“. Jetzt wollte ich wissen, wie er darauf kam. „Deine Haut verraet es. Ich kann es fuehlen. Du Hast die Haut eines Polen. Und die Nase eines Franzosen“ fuegte er hinzu und stupste mir auf meinen Riechkolben.
Schnitt
„Kannst du etwas fuer mich tun?“ fragte mein Guide, der die ganze Zeit vor der Tuer wartete. Irgendwie hatte ich scho mit sowas gerechnet. Doch ich wollte ihm wenigstens die Chance geben mir seinen Vorschlag zu unterbreiten. „Was ist es denn?“ – „Es gibt da einen Seide-Shop. Die geben mir 50 Rs., wenn ich jemanden hin fuehre.“ Er hatte mir durchaus schoene Plaetze gezeigt, mich gut unterhalten und immer die Riksha bezahlt. Es war also nur fair – ich willigte ein. Schon von Aussen betrachtet wusste ich, dass der Laden fuer Leute bestimmt war, die nicht gross ueberlegen, ob sie sich einen Zweitwohnsitz zulegen, sondern sich eher den Kopf zerbrechen wo dieser Wohnsitz anzusiedeln sei. Zehn Minuten sollte ich mich beraten lassen, ja nichts kaufen und dann mit einer Ausrede wieder verschwinden. Ich wickelte meinen Schal laessig um den Hals, um ein wenig edel zu wirken und betrat den Empfangsraum – ja es gibt Geschaefte die haben Empfangsraeume oder Eingangshallen. Ich liess mir so einiges an Schmuck zeigen und trank genuesslich einen Tee, das einzig preiswerte in diesem Laden – er war umsonst. Durchaus fuer mich ein Genuss und obendrein noch interessant. Ich kam mir vor wie ein kleiner Edelmann. „Koennen Sie den Schmuck zurueck legen? Ich pruefe nur meinen Kontostand und bin in dreissig Minuten wieder hier.“ log ich, um mich rauszuwinden. Die Situation hatte sich geaenert – zumindest fuer mich. Das schlechte Gewissen plagte mich. Schliesslich stand es schon fest, dass ich nichts kaufen wuerde und ich sorgte dafuer, dass der Mann mit mir seine Zeit verschwendete. Aber das schlimmste war – ich musste Luegen. Und es war keine Luege um mich vor irgendetwas zu schuetzen – es war eine Luege von Anfang an – und das stoerte mich enorm. So verlies ich den Laden und verabschiedete mich auch von meinem Begleiter, der seine 50 Rs. erhalten hatte – wie abgemacht.
Den Rest des Tages lies ich mich wieder treiben. Spazierte umher, bestaunte den Palast von aussen und ass hier und da einen Happen, natuerlich immer sicherstellend, dass sich ein Klo in reichweite befand. Immer noch hatte ich Durchfall.
Manche Leute trifft man zweimal im Leben, und damit man es gleich hinter sich bringt, sollte ich Dr. Ansam noch ein zweites Mal an diesem Tag begegnen. Ohne die Dinge gesehen zu haben, welche ich mir vornahm fuer diesen Tag, ging er zu Ende. Doch das war nicht weiter schlimm – „Just go with the flow“ dachte ich.
Wie lang versucht man eigentlich noch jung zu bleiben, Erlebnissen aus der Jugend hinterher eifernd, sie zu wiederholen? Wann akzeptiert man, dass man nicht mehr 16 oder 18 ist? Wann gehoert man einfach nicht mehr in JUGENDherbergen? Diese und aehnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich zuerst am Ein- und spaeter am Weiterschlafen gehindert wurde. Wenigstens verlief die Nacht ohne Zwischenfaelle.
Am naechsten Tag war Kultur pur angesagt. Programmpunkt Eins war der beruehmte Mysore-Palace. Schon die Anlage selber eine Augenweide. Das Innere war farbenbraechtig, wie man es von Indien gewoehnt war. Bunte Mosaike, ueberwiegend in Tuerkis – meiner Lieblingsfarbe – zierten den Boden sowie die Waende. Dazwischen versteckte sich die ein oder andere, in handwerklicher Perfekion geschaffene Silbertuer. Der Palast schien einzig und allein aus langen Fluren zu bestehen.
Danach machte ich mich auf, den Anfang der 1000 Treppen empor des Chamundi-Hills zum Sri-Chamundeswari-Tempels zu suchen. Stufe fur Stufe erklomm ich den Berg. Von Normstufen und physiologischen Treppenabstaenden hatte hier anscheinend keiner etwas gehoert. Schwitzend oben angekommen lies ich das Treiben auf mich wirken. Eine riesige Schlange von Menschen wand sich um den Tempel. Ab und zo stoben sie auseinander um herumtollenden Affen nicht in die Quere zu kommen. Diesen Stress wollte ich mir nicht antun. Nach und nach verlieren auch die Tempel ihren Reiz – wiederholen sich doch meist die architktonischen Elemente. Dafuer noch Stunde anstehen und Geld bezahlen – Nein, danke! Dann lieber in Ruhe das Treiben wirken lassen.
Den Abend verbachte ich in dem Gewirr des Devaraja-Markts und sog die Atmosphaere in mich auf. Duefte von Oelen, Blueten und Fruechten mischten sich. Alle Sinne wurden angesprochen – nun ja, fast alle. Geschmeckt habe ich nichts. Das letzte Highlight – im wahrsten Sinne des Wortes – war die bendliche Beleuchtung des Palasts. Tausende von Gluebirnen rahmten in einem maerchenhaften Licht ein und unzaehlige Besucher stroemten herbei, um sich an diesem Glanze zu ergoetzen. So ging auch dieses Wochenende schnell vorbei und man fragt sich – „Wer hat diesmal an der Uhr gedreht?“
Die naechste Etappe stand bevor – 7 Stunden Busfahrt nach Kundapur. Ich kann es nicht oft genug wiederholen – mit Durchfall. Um auf Nummer sicher zu gehen, schmiss ich mir 3 Immodium Akut ein – ohne nennenswerte Wirkung. Ich hoffte und wechselte im Minutentakt die Konfession, um alle Moeglichkeiten auszuschoepfen. Meine einzige Hoffnung, war der Schlaf. Er sollte mich vor allem Unangenehmen bewahren. Ausser einer Situation, wo ich schon die Wasserflasche in der einen und die Seife in der anderen Hand hielt und einen Sprint zum Busfahrer hinlegen wollte, meisterte ich die Fahrt mit Bravur.
Der Professionalitaet meines Betreuers zu verdanken, wobei ich mir immer noch unsicher bin ob es an seiner indischen Gelassenheit oder einfacher Faulheit liegt, kam ich genau zu jener Zeit in Kundapur an, in welcher das Polizeibuero aufgrund von Feiertagen geschlossen hatte – durchaus Vorhersehbar.
Nach kurzem Ueberlegen, entschloss ich mich nach Gokarna zu fahren, einem kleinen heiligen Ort, kurz unterhalb Goa’s mit durchaus schoenen Straenden. Durch meine Tagtraeumerei verpasste ich die Station und stieg eine zu spaet aus. Dabei handelte es sich um satte 75 km und 2 Stunden fahrt. Also das ganze nochmal zurueck. Diesmal ginmg ich auf Nummer sicher, und waehlte einen Bus, dessen Endstation mein Ziel war. So konnte ich nicht zu spaet aussteigen. So brachte ich den Tag anstatt am Strand im Bus zu und kam mitten in der Nacht in Gokarna an. Meine Lektion hatte ich gelernt – keine Jugendherberge. Das es hier keine gab stoerte mich nicht weiter. Ich buchte ein nettes Einzelzimmer. Als ich am naechsten Morgen mich auf den Weg machte, die Umgebung zu erkunden war ich verbluefft. Durch die Dunkelheit versteckt, erstreckte sich der Strand direkt vor meiner Tuer. Okay, ein langsam dahinkreuchendes, vom Muell durchtraenktes Gewaesser trennten uns, aber immerhin behielten wir Blickkontakt. Immer wieder ist es eine Freude dem Meer zu begegnen und erfuellt einem mit Ruhe. Doch die wird einen von Gokarna sowieso augezwaengt. Ueberall tummeln sich die Brahmanen, die Prister, durch die verwinkelten Gassen, an deren Ecken sich meist ein Tempel befindet. Ohne es zu wissen, wuerde ich die Behauptung aufstellen, dass Gokarna die hoechste Dichte an Tempeln hat, von ganz Indien. In jedem blieb ich haengen und genoss die Atmosphaere, die Ruhe. Vielleicht lag es auch an der zunehmenden Schwaeche, welche mich ueberkam. Seit einem Tag fastete ich. Die Theorie: den Magen leer halten, alle Essensrueckstaende welche sich im Verdauungstrakt befinden rausschwemmen lassen und dann wieder mit dem Essen beginnen. Zweit Tage hatte ich mir vorgenommen – es sollten knappe 24 Stunden werden. Am heiligen Waschbecken beobachtete ich die heiligen Maenner wie sie sich rituell wuschen und gleich daneben die Frauen ihre Waesche. Ein bizarrer aber auch harmonischer Anblick.
Der Hunger uebermannte mich, und der andauernde Durchfall lies vermuten, dass meine Theorie sich nicht auszahlen wuerde. Also beschloss ich, jeder Vernunft zum Trotze, mir eine ordentliche Portion Spaghetti mit Tomatensauce zu goennen. Auch wenn alles sogleich wieder aus meinem Koerper quellen wuerde, so wollte ich wenigstens die wenigen Minuten des Geschmackes von Nudeln mit Kaese auskosten. Ausserdem haben Nudeln viel Energie und Kaese soll ja auch stopfen – redete ich mir die Sache schoen. Es dauerte nicht lange und ich fand mich fuer die naechste Stunde auf dem Klo wieder. Es ist erstaunlich und erschreckend wie viel Wasser man verliert. Und das fatale, je mehr man trinkt, umso mehr spuelts es wieder heraus.
In der Nacht wachte ich, gebeudelt von heftigen Schuettelfrost-Attacken und leichtem Fieber auf. Doch zu erschoepft schlief ich wieder ein. Am Morgen fuehlte ich mich jedoch unverhofft gut und so beschloss ich den Tag am Strand zu verbringen. Ueber eine kleine unscheinbare Seitengasse, gelangt man zu dem Trampelpfad, welcher ueber die Landzunge zum Kodi-Beach fuehrt. Der Strand direkt vor meier Tuer moechte ich keinem zum Baden empfehlen. Ausserdem bietet der Weg eine schoene Aussicht auf die Kueste. Von da gelangt man weiter, ueber den naechsten Pfad zum OM-Beach, welcher sehr ruhig und entspannt ist – bis auf die unzaehligen Verkaeufer welche einen staendig versuchen irgendwelche Ketten zu verkaufen. Abwechselnd kuehlte ich mich in den kalten Fluten ab und entspannte beim Lesen. Zu was anderem hatte ich keine Lust – einfach mal die Seele baumeln lassen. Am Abend fing ich wieder an, leicht zu fiebern. Durch den permanenten Wasserverlusst wird man systematisch muerbe gemacht. Langsam aber sicher trocknet man aus. Die Sonne raubt einen die letzte Energie. Erkennend, dass ich etwas unternehmen musste, schleppte ich mich am naechsten Morgen zum Arzt. Mein Blutdruck war im Keller, zu wenig Fluessigkeit, denn ich merkte wie viel Kraft mich das aufrechte Stehen kostete. Mit einigen Pausen, um ein schwarz vor Augen werden zu verhindern, erreichte ich den Arzt. Das Wartezimmer war gefuellt. Ohne grosses Anmelden, Chip-Karte zuecken oder Praxisgebuehr nahm ich Platz. Ein Plastik-Vorhang hinter mir, trennte mich vom Behandlungsraum. Es roch nach Jod und Desinfektion – na wenigtens etwas. Ansonsten wuerde man nicht vermuten einen Arzt hier zu suchen. Eins stand fuer mich fest – eine Spritze kommt nicht in Frage. Tabletten oder sonst nichts. Ein Mann, mit blutdurchtraenktem Lumpen um den Fuss, wurde durch den Vorhang hinter mir geleitet. Kurz darauf spaeter erhallten mehrere Schreie durch die Praxis. Der Geruch von Jod verstaerkte sich und legte die Vermutung nahe, dass seine Wunde so eben ordentlich desinfiziert wird – es muss hoellisch brennen. Danach kam ich an die Reihe. Das Zimmer war einfach kahl und praktisch mit Fliessen ausgestattet. Die Liege war zerfetzt, und Loecher im Lederbezug legten den Blick auf den gelb gefaerbten Schaumstoffbezug frei. Ich vermisste ein hygienisches Bettlagen, ein Tuch, irgendetwas. Am Fussende war die Liege mit einem Puder bedeckt. Von meinem Vorgaenger? Oder dem davor? Von Gestern? Es widerstrebte mir mich auf diese Keim-Schleuder zu legen. Also lehnte ich mich dagegen. „Bitte legen sie sich hin.“ vernahm ich die gehassten Worte. Mit so wenig Kontakt wie moeglich legte ich mich hin. Die Beine angestellt um nicht in die Naehe des Pulvers zu gelangen.
Die Diagnose dauerte nicht lang. Kurze Anamnese, abhoeren des Bauches, der Lunge – das wars. Bakterielle Infektion. Sowas hatte ich vermutet. Er gab mir Antibiotika mit und Tabletten, welche helfen sollen, die natuerliche Darmflora wieder herzustellen. Ich zahlte 200 Rs. – 4 Euro – und machte mich auf den Weg ins Hotel. Ab jetzt hiess es nur noch Reis mit Joghurt. Schon nach 2 Malzeiten konnte ich es nicht mehr sehen. Aber die Gewissheit ein Ende in Sicht zu sehen, ein Licht am Ende des Tunnels machte mich froh. Ich verbrachte einen Tag im Bett und schlief.
Trotz alledem ist Gokarna ein wunderschoenes Fleckchen Erde und die Heiligkeit dieses Ortes reist einen foermlich mit.
So endete dieser Trip letztendlich mit der gelungenen Registrierung und meiner Genesung. Zehn Tage Dauer-Durchfall nehmen einen doch ganz schoen mit und es sollte ein paar Tage dauern bis der Hunger zurueck kehrte.
Als letztes moechte ich noch ein paar Gedanken loswerden zu einer ganz besonderen Spezies, welche mir in Gokarna ueber den Weg lief.

Eine ganz besondere Spezies
Sie leben unter uns, teilweise unerkannt, teilweise befremdlich anmutend. Sie sind keine grossen Herdentieren, doch kann es zuweilen schon einmal vorkommen, dass sie in kleinen, nicht mehr als 3-4 Mann - denn dies ist schon das Maximum an Gesellschafft – starken Gruppen auftreten. Nomaden, rastlos, auf der Suche – nach was weiss keiner, manchmal sogar sie selber nicht. Gekleidet mit einem Misch-Masch aus Unterschiedlichem, ist es schwer zu sagen woher sie kommen, doch viel unmoeglicher ist es zu bestimmen, wohin sie gehen werden. Unsichtbar ist ihre Verbindung zu einem Stueck Stoff auf ihrem Ruecken, welcher sich links und rechts, neben dem Kopf, die Schultern hinab windet, um wieder in selbigen zu muenden. Die meisten haben viele Geschichten zu erzaehlen, ein paar bleiben fuer immer geheim und was Wunsch oder Realitaet an ihnen ist, wird wohl keiner erfahren. Die meisten werden nicht aelter als 30, denn dann ist die Zeit gekommen in welcher sie sich fest binden und Wurzeln schlagen. Nichts desto trotz wurden schon einige Exemplare gesichtet, welche durchaus bis zu 60-70 Jahre alt wurden. Es handelt sich hierbei um - Backpacker.
Anlass zu diesen Zeilen gibt meine Reise nach Gokarna. Kurz unterhalb von Goa, noch im Bundesstaate Karnataka befindlich, liegt dieses kleine heilige Dorf genau am Strand. Ein Magnet fuer Backpacker, denn wo vereint sich Mystik, Abenteuer und Urlaub mehr, als an solchen Plaetzen?
Der Grund zu folgenden Ueberlegungen war ein Gefuehl, was mir einreden wollte, ihnen in gewisser Weise ueberlegen, einfach anders und ihnen immer einen Schritt voraus zu sein – doch auf welchem Weg? Sich besser als jemand anderes zu fuehlen, heisst immer bewerten Doch welches Bezugssystem legt man an? Muss es immer ein besser oder schlechter geben? Fakt ist jedoch, dass dieser Gedanke praesent war. Ein gefaehrlicher Gedanke – ist er doch vom Daemon der Arroganz durchtraenkt. Umso groesser mein Interesse mich mit ihm zu beschaeftigen. Unbehandelt, wuerden sich solche Gedanken fest in unser Bewusstsein einweben, wie ein verschmutztes Stueck Baumwolle beim Spinnen. Nicht rechtzeitig bemerkt wird es mit eingewebt. Solange, bis ein Geflecht entsteht, dessen Fasern man nicht mehr voneinander trennen kann. Ist der Faden jedoch noch klar ersichtlich, ist es leicht ihn durch den Stoff des Bewusstseins zu verfolgen und ihn zu entfernen.
Systematisch, um keinen Schmutz zu uebersehen, naeherte ich mich meinem Daemon. Die erste Frage die ich mir also stellte war die nach dem Unterschied. Was ist denn nun eigentlich so anders an mir oder an denen, was trennte uns? Die Beurteilung von charakterlichen Merkmalen lag ausserhalb meines Ermessens, also blieb mir nur der Weg der Aeusserlichkeiten, um Rueckschluesse zu ziehen. Der wohl markanteste Unterschied waren – Brueste. Klar, mag sich der ein oder andere denken, das ihm sowas wieder zuerst auffaellt. Aber betrachtet man einmal die Lebensweise der einfachen Bevoelkerung, so ist das zur Schau stellen der weiblichen Brust in Form eines Bikini’s, tiefen Dekoltee’s oder Spaghettitraeger-Top’s absolut Tabu. Doch genau so praesentierten sich die Backpacker-Weibchen. Zu meiner Verteidigung - sieht man sonst nur Frauen, welche bei jeder Hitze, mindestens in einen Sari eingewickelt sind, so ist dies durchaus ein einem entgegenspringendes Merkmal, welches man nicht leugnen kann. Auch Beine und Schultern waren meist, wie bei einem Strandurlaub in Italien entbloest. Man kleidete sich also so, wie es in der Heimat gang und gebe war, es war ja auch zugegebener Massen recht heiss, aber in dieser Kultur eben nicht geduldet.
Doch wie konnte man sich in einem fremden Land bewegen und die dortige Kultur so verachten? Ist es ein Zeichen von Arroganz, ein symbolischer Akt um zu unterstreichen, dass die eigene Kultur die bessere sei und man deswegen nicht Willens ist sich anzupassen? Fragen wie diese schossen mir durch den Kopf. Doch sind sie berechtigt? Fuehlte sich der Inder von solcher Freizuegigkeit nicht respektiert oder war es meine eigene Interpretation? Also galt meine naechste Beobachtung den Einheimischen. Diese zeigten in keinster Weise ein Anzeichen dafuer, dass es ihnen unangenehm war. Aber auch nicht das Gegenteil. Da gab es keine verstohlenen Blicke, kein stieren, kein Tuscheln. Oft beobachtete ich in Restaurants, die ihre Gaeste mit lautstarkem Fernsehprogramm waehrend des Essens unterhielten, wie die Blicke gebannt auf den Flimmerkasten gerichtet wurden. Der Grund war leicht zu erraten. Gut gebaute Bollywood-Schoehnheiten tanzten, sangen und zeigten mehr als es der einfache indische Buerger gewohnt war. Solch eine Reaktion waere also durchaus zu erwarten – doch nichts. Den Grund dafuer musste also in der Gewoehnung liegen. Durch die staendig herbei stroemenden Massen an Touristen, waren es die Einheimischen gewohnt, es war fuer sie normal. So normal wie fuer uns. Sie waren also mit der westlichen Kultur mehr als vertraut. Die naechste Frage die sich mir hier anschloss war die: Ist dies denn dann noch das wahre Indien oder ist es genau so viel Indien, wie man vertraegt, ohne sich gross anpassen zu muessen, ohne zu entbehren, sich umzugewohnen?
Eine schwierige Frage. Der Grund warum sie aufkam war mir sofort klar. Ohne zu hinterfragen ging ich davon aus, dass jene Gesellschafft, jene Menschen, jene Regeln in welcher ich mich aufhielt, DAS Indien sei. Es schien fuer mich logisch, dass die Basis, die Reinheit einer jeden Kultur in der einfachen, baeuerlichen Bevoelkerung zu finden sei. Doch warum? Wenn man in Indien ein Bauer ist, so ist man arm, wenn man arm ist, ist man ungebildet – so einfach ist das. Wenn ich versuche, sofern mir dies moeglich ist, mich in die Lage eines solchen Bauerns zu versetzen, so wuerde ich nicht in der Lage sein, meine Religion zu hinterfragen, mein Handeln zu hinterfragen, meine gesellschaftlichen Regeln in Frage zu stellen. Warum auch? Mein Vater hat mich so erzogen und ihn wiederum mein Grossvater und so weiter und so fort. Das nennt man Tradition. So bleibt ueber die Jahre hinweg diese Tradition erhalten, denn keiner wuerde die Notwendigkeit sehen, diese zu veraendern, selbst dann nicht, wenn dies von Vorteil waere. Warum sollte man auch. Jeder aus meiner Familie hat es ueber Jahrhunderte so praktiziert. Unwissen und Religioesitaet, welche in enger Verbindung stehen, sind die besten bewahrer von Traditionen – von Kultur. Bildung und das Hinterfragen von Traditionen gehen Hand in Hand. Fehlt das eine, erlischt das Andere.
An dieser Stelle moechte ich unbedingt erwaehnen, dass ein Mensch ungebildet oder unwissend sein kann, dies aber nicht heisst, dass er dumm ist. Es sind zwei vollkommen verschiedene Aspekte, wo ich viel Wert darauf lege, dass diese nicht als gleichwertig betrachtet werden. Dem einen ist es nicht moeglich Bildung zu erfahren, der andere ist trotz Bildung einfach dumm. Aber zurueck zum Thema.
Aus diesem Grund glaubte ich also an der Wurzel der indischen Kultur, oder zumindest nah dran, naeher als Backpacker, zu leben und diese zu erfahren. Doch dies ist in Indien nicht so leicht zu sagen. Innerhalb weniger Kilometer aendert sich alles. Von der Vegetation ueber die Sprache bis hin zur Kultur. Selbst in einem Bundesstaat kleiden sich die Menschen im Norden komplett anders als die Menschen im Sueden – jeder hat seine Tradition. Wie kann man also in so einem Land davon ausgehen, an DER Wurzel DIESER Kultur zu leben? Es ist schlichtweg unmoeglich, denn, und hier beginnt das wirklich schwierige, wo zieht man kulturelle Grenzen? Und wo ist dieses wahre, das wirkliche Indien ueberhaupt?
Ohne Frage herrschte, um am Beispiel von Gokarna zu bleiben, ein grosser Einfluss westlicher Kultur – die Zeichen konnte man nicht leugnen. Die letzten Zweifel sollten beim Blick in die Speisekarte beseitigt werden, denn selbst der hartgesottenste Backpacker soll nicht auf seine Spaghetti mit Tomatensauce, seinem Vanille-Pudding oder seinem Schnitzel verzichten muessen, waehrend er fremde Laender bereist auf der Suche nach Andersartigkeit. Dies war das Schlagwort. Der Antrieb eines jeden Reisenden, ist nach meiner Auffassung nach die Suche nach der Andersartigkeit, neue Eindruecke, neue Impressionen, neue Geschichten. Doch wie anders ist ein Ort eigentlich noch, wenn man sein Lieblingsgericht frisch zubereitet serviert bekommt, in klimatisierten, kuschlig –weichen Betten schlaeft und selbst die Bevoelkerung sich nur Aeusserlich als Anders abzeichnet? Ist dies eine Illusion, ein besseres Unterhaltungsprogramm vom bequemen Sessel aus?
Das gute ist, je mehr man sich in diesem Fragengeflecht verliert, umso mehr erkennt man die Sinnlosigkeit dieser Gedanken. Man dreht sich im Kreis. Und genau dies ist der Punkt wo der Daemon seine Kraft verliert. Warum – schauen Sie sich doch einfach mal an. Betrachten Sie ihre Haende und vergleichen Sie sie mit ihrem Kopf. Beides ist vollkommen unterschiedlich. Aber Sie muessen zugeben, dass alles zu Ihrem Koerper gehoert. Genauso verhaelt es sich mit dem wahren Indien. Viele Orte sind unterschiedlich, wie Haende und Koepfe, doch sie gemeinsam und nur gemeinsam bilden einen Koerper, ein Indien. Wuerde man etwas entfernen oder leugnen, wuerde ich sagen Gokarna ist nicht das wahre Indien, da es ist viel zu westlich gepraegt ist, so koennte ich genauso gut behaupten, meine Hand ist nicht Teil von mir. Beide Aussagen waeren Schwachsinn. Gokarna ist eben eine Facette von Indien, aber definitiv Indien. Moechte man das wahre Indien also beschreiben, so gehoert jedes Fleckchen dazu, egal wie andersartig es ist. Und wie durch Ihre Haende und Ihren Kopf das gleiche Blu fliesst, so fliesst letztendlich durch die noch so unterschiedlichsten Regionen die gleiche Kultur. Schliesslich wurden die Einheimischen in Indien geboren und erzogen. Das spaeter etwas Neues, etwas westliches hinzu kam, bedeutet nicht, dass das Alte verschwindet, auch wenn dies auf den ersten Augenblick so aussehen mag. Es mag verdeckt sein, aber es ist durchaus vorhanden. Eine perfekte Adaptation um beiden Kulturen gerecht zu werden, um flexibel genug zu sein sich in der indischen, sowohl als auch in der westlichen Kultur zu Hause zu fuehlen.
Doch wenn das wahre Indien letztendlich viele Facetten hat, so bleiben jenen Backpackern, die nicht bereit sind sich anzupassen, einige Bruchstuecke dieses Diamanten versagt. Doch wenn sie nur eine Facette auslassen bzw. sich der Moeglichkeit berauben diese zu erfahren, so koennen sie nicht das wahre Indien finden – denn dies beinhaltet nunmal alle Facetten – von konservativen Traditionen bis hin zur kompletten Verschmelzung mit westlichen Kulturen wie es in Grossstaedten der Fall ist – Gokarna ist da nur eine Zwischenstufe.
Aber dies kann ich nicht beurteilen, schliesslich berufen sich meine ganzen Schlussfolgerungen auf der Beobachtung von Aeusserlichkeiten, und wie viel die ueber einen Menschen aussagen soll jeder selber entscheiden. Vielleicht sind eben jene Backpacker in Gokarna so flexibel und angepasst, dass sie sich in jedem Ort angemessen kleiden und verhalten – in touristischen touristisch, in laendlichen laendlich. Denn das Ziel eines jeden Reisenden sollte es sein, so wenig wie moeglich aufzufallen. Nur so dringt man tief in die Kultur ein und erfaehrt die Andersartigkeit, die jeder sucht der sich auf Reisen begibt.