Donnerstag, 16. Oktober 2008













Dinge die ich nicht wusste

Um die Spannung gleich vorweg zu nehmen – hier die Dinge, die ich an jenem Morgen nicht wusste. Ich wusste nicht, dass ich an diesem Tag innerhalb von zehn Minuten in zwei Busunfaelle verwickelt werden sollte, dass ich von einer der weltweit groessten freistehenden Buddhastatuen enttaeuscht sein wuerde und ich wusste nicht ob ich ueberhaupt noch ei Zimmer in Hyderabad bekommen wuerde – denn es war Festival-Zeit.
Als ich diese Zeilen verfasste, sass ich in einem Zimmer, von welchen ich wie gesagt am Morgen noch nichts wusste, mit freiem Oberkoerper auf dem schmalen Balkon, die kuehle Abendluft geniessend, den, von der Ferne herangetragenen, Klaengen von Bollywood-Musik lauschend und liess den Tag noch einmal Revue passieren.
Es ist Montag Morgen – kaum zurueck vom Klettern verkuendete mir Shivakumar, dass in jener Woche ein grosses Fest anstehen wuerde – Dussehra. Das mehrere Tage andauernde Fest bietet eine gute Moeglichkeit fuer alle zu ihrem Familien zu fahren, um mit ihnen zu feiern. Ich wuerde also mit Hanumandaba, unserem Nachtwaechter und einer Art Bediensteten, allein im Projekt sein, was mich prinzipiell nicht stoeren wuerde. Doch wollte ich mir nicht die Chance entgehen lassen um fuenf Tage am Stueck zu reisen. Das war einfach perfekt – fuenf Tage am Stueck frei zu haben, ohne Urlaub nehmen zu muessen. Meine Zahnraeder liefen auf hochtouren, Mysore sollte das Ziel sein. Dort soll eine ordentliche Show auf die Beine gestellt weden. Abends ist alles beleuchtet und den ganzen Tag ueber finden Konzerte, Tanzauffuehrungen und andere kulturelle Events statt. Abgerundet wird das ganze durch eine glitzernde Prozession am letzten Tag. Reich geschmueckte Elefanten, ein mit Blumen verziertes Goetzenbild, livrierte Bedienstete und eine Menge Reiter werden zum Rythmus der Musik vom Palast bis zum Bannimantap-Paradeplatz stolzieren. Ein Feuerwerk beendet das Ganze. Ich hing diesen Gedanken eine Weile nach, und malte mir das Bild im Kopf schon farblich aus – frei nach dem Motto „Malen nach Zahlen“ solange bis, ja bis einer Sand ins Getriebe kippen musste – „Alle Hotels werden ausgebucht sein.“ meinte Shivakurma. Kurz innehaltend, war es nicht wirklich ein Argument – schlafen kann man immer und ein Plaetzchen wird sich schon finden. Soweit so gut – sollte dies die einzige Befuerchtung sein, waere ich dennoch gefahren. Doch Shivakumar meinte weiter – du wirst nichts sehen, es sind zu viele Menschen. Letztendlich ueberstimmte mich Naik – „Vier Jahre lebte ich in Mysore und hab kein einziges Mal das Fest gesehen oder die Paraden, so viele Menschen tummeln sich dort.“ Das sass. War es der ganze Aufwand wert – fuer nichts? Ein Alternativplan musste her – schnell – die Zeit draengte. Unter keinen Umstaenden wollte ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen. Also schaute ich im Lonely Planet nach ruhigen, etwas abgelegeneren Plaetzen, wo sich keine Menschenmassen aufhalten werden. Schnell fiel mein Blick auf „Nargajunakonda“, 150 km suedoestlich von Hyderabad. Hier entdeckte der Archaeologe A.R. Saraswathi im Jahre 1926 eine alte Ruinenanlage. 1953 wurde dann bekannt, dass dieses Gebiet in absehbarer Zeit von dem gigantischen Stausee Nargajunasagar ueberschwemmt werden wuerde. Um die buddhistischen Ruinen vor den Fluten zu retten, wurde eine grossangelegte Ausgrabungsaktion gestartet. In den darauffolgenen Jahren wurden viele viharas, chaityas (Tempel) und mandapas (Saeulenpavillons) von dem Erdreich befreit. Des weiteren stiess man auf einzigartige weisse Marmorplatten aus Buddhas Leben. Die praehistorischen Ueberreste lassen darauf schliessen, dass Menschen bereits vor ca. 200.000 Jahren in dieser Region lebten. In diesem Gebiet sollen sich insgesamt rund 30 Kloester erhoben haben – klingt doch ganz gut, oder?
Der Name „Nagarjunakonda“ ist nach Nagarjuna, einem buddhistischen Moench benannt, welcher im 2. Jh.n.Chr. die Madhyamika-Schule gruendete. Viele bezeichnen ihn heute als den Stammvater des Mahayana-Buddhismus und seine Schriften trugen massgeblich zur Entwicklung des Buddhismus, wie wir in heute kennen, bei, wie z.b. durch sein Werk „Siebzig Ferse ueber die Leerheit“.
Wenn das nicht Musik in meinen Ohren war. Begeistert von meinem Vorhaben berichtete ich Devindra. „Dann faehrst du am Besten ueber Hyderabad. Da mus ich auch hin.“ Ich und Devindra „on the road“ – eine klasse Vorstellung – der Plan stand fest. Just in time – denn es war bereits Dienstag. Noch schnell eine Puja – eine Art Zeremonie, Gebet wo das Buero kurzerhand zum „Tempel“ umfunktioniert wurde – mit dem hauseigenen Priester, einem Festessen mit allen Mitarbeitern und dann ging es auch schon los – erster Stop – Bangalore. Wenn ich vorher schrieb, dass der „Majestic-Busstand“ von Menschen ueberfuellt ist , so habe ich eiskalt gelogen. Das Bild, welches sich uns diesmal bot war verblueffend. Ein Meer von Menschen. „Wo soll’s hingehen?“ – ist die hier uebliche Begruessung. Herzlich wurden wir empfangen. Wir ignorierten den Sender der Nachricht. Doch dieser blieb hartnaeckig. „Ihr werdet keine Plaetze mehr bekommen – alles voll. Ich kann euch helfen.“ Ein uebler Trick? Ein gesundes Misstrauen ist in Indien durchaus angebracht und hat nichts damit zu tun, das schlechte im Menschen zu suchen, oder ihm boese Absichten zu unterstellen. Lediglich das objektive, selbstaendige abwaegen von Informationen, bevor man sich auf Geschaefte einlaesst. Auf dem Basar, in den Rikshas holt man sich erst mehrere Angebote ein, um eine ungefaehre Ahnung davon zu bekommen, wieviel man bezahlen sollte – so macht das Feilschen auch viel mehr Spass.
Diesmal war sogar selbst Devindra, als gestandener Inder, misstrauisch. Doch wir merkten schnell uns blieb keine Chance. Entweder wuerde uns dieser Typ helfen oder wir bleiben in Bangalore – also gingen wir mit. Tatsaechlich fuehrte er uns zu einem Buero, ganz in der Naehe des Busbahnhofs, fuer Busse der KSRTC, der Karnataka State Road Transportation Corporation. 750 Rs pro Person – reiner Wucher. Sie wussten, dass alle zu ihren Familien wollten – Angebot, Nachfrage – wir hatten schlechte Karten. Normal wuerde die Fahrt 400 Rs kosten. Froh ueberhaupt noch einen Platz ergattert zu haben, zudem noch in einen der komfortablen Busse, in welchen es durchaus moeglich ist waehrend der 12 Stunden dauernden Fahrt etwas Schlaf abzufassen. Die Zeit bis zur Abfahrt vertrieben wir uns – mit was auch sonst – mit Chai. Endlich – 11 Uhr – der Bus setzte sich in Bewegung – ich sitze am Fenster, Devindra am Flur. Draussen zieht Bangalore, halb schlafend an uns vorbei – wir schlafen ein.
Wiedereinmal wurde ich aus meinem Sitz gehebelt. Man kennt es ja bereits. Soweit ist dies bei Busfahrten nichts neues. Kurze Zeit befand ich mich wieder einmal ohne jeglichen Kontakt zum Bus in der Luft. Draussen regnete es und es war 6.30 Uhr am Morgen, die Sonne war gerade aufgegangen, trotzdem war es noch recht kuehl. Doch von alldem bekam ich nichts mit – noch nicht. Erst als beide Knie, gefolgt von linker Schulter und dem Rest meines Koerpers gegen den Vordersitz prallten, wachte ich auf – was blieb mir auch anderes uebrig. Verdutzt schaute ich mich um. Ein mindestens genauso irritierter Devindra schaute zurueck. Was war geschehen?
Da ich die Spannung bereits aus der Geschichte genommen habe, duerfte wohl jedem klar sein, was sich ereignete. Ich blickte nach vorn und erkannte den Grund meines ploetzlichen Erwachens. Nahtlos ging der Bus in einen LKW ueber – wie als haette man ihn vorne angeschweist. Frontalzusammenstoss par excellence – frontaler gehts nicht. Ein Kind weinte und einige Insassen hielten sich das Gesicht vor Schmerzen, etwas Blut tropfte aus ihrem Mund, Nase oder beidem. „Devindra, wie geht’s dir?“ – „Alles bestens, und dir?“ Ich inspizierte meinen Koerper – ausser den Knien und der linken Schulter tat mir nichts weh, und die „Schmerzen“ waren lediglich auf ein paar leichte Kratzer und Prellungen zurueck zu fuehren. Alle Bewegungen waren schmerzfrei. „Ich bin OK!“ Wir stiegen aus. Ernsthaft zu Schaden kam zum Glueck niemand. Ich schaute die Strasse zurueck, leichter Nieselregen bedeckte die Strasse und meine Kleidung war alles andere als warm. Ein weiterer Bus, nur wenige hundert Meter hinter uns war in den Graben gerauscht. Was fuer ein bizarrer Zufall – zwei Busunfaelle in so kuerzer Zeit. Doch dabei sollte es nicht bleiben. „Der Bus faehrt nirgendwo mehr hin, lass uns nach einem neuen suchen.“ Im Regen liefen wir die Strasse entlang, auf der Suche nach einer Moeglichkeit die letzten 150 km nach Hyderabad zurueck zu legen. Es sollte nicht lange dauern. Aus unserer Not wurde geldgierig noch einmal Kapital geschlagen. 125 Rs – oder wieder aussteigen, und das fuer zwei Stunden stehen – der Bus war voll. Wir zahlten. Ein Paerchen auf der ersten Reihe rutschte zusammen und Devindra ueberlies mir mit den Worten „I’m more used to stand than you.“ den Vortritt mich hinzusetzen. Ich nahm Platz. Es war so ziemlich der schlechteste Platz im Bus, den man haben kann, ueberlegte ich. Bei einem Frontalzusammenstoss wird die Wucht des Aufpralls nicht von einem relativ weichen und nachfedernden Vordersitz gebremst, sondern man rauscht knadenlos in den Stahlkaefig, welcher den Fahrer umgibt – eine Platzwunde waere wohl das geringste Uebel. Solchen Gedanken nachhaengend beobachtete ich nun den Verkehr auf’s genauste. Eine Schikane – die klassische Variante, eine rechts-links Kombination, verlangte nach eine Reduzierung der Geschwindigkeit – diese Gesetze der Logik wurden von unserem Busfahrer mit naiver Ignoranz missachtet – er setzte zum Ueberholen an, wie Ralf Schumacher zu seinen besten Zeiten. Mit der Brechstange versuchte er den Bus an einem LKW vorbei zu peitschen. Jedoch war der Geschwindigkeitsueberschuss verschwindend gering – aber auf den Versuch kam es ja an – wer nicht wagt der nicht gewinnt oder dabeisein ist alles. Mit dem zweiten sieht man besser – haette ihm lieber durch den Kopf gehen sollen, denn aus mir unerfindlichen gruenden sah er nicht den kleinen silbernen Wagen, welcher auf uns zu kam, oder er ignorierte ihn selbstverstaendlich, in der Hoffnung, er wuerde sich vielleicht in Luft aufloesen. Schon beim Ansetzen des Ueberholvorgangs sah ich „Das wird nie was.“ Ohne zu ueberlegen griffen meine Haende nach dem Stahlgelaender vor mir. Das Weisse der Knoechel kam zum Vorschein, als sich mein Griff verstaerkte, die Fuesse suchten im Boden nach halt – dann passierte es – Ruuuummmms. Ein kleiner, kurzer, dumpfer Knall hallte durch die Luft und bestaetigte die Gewissheit, welche ich noch nicht bereit war anzunehmen. Im Bus spuehrte man den Aufprall verhaeltnissmaessig kaum und er war, sofern man sich festhielt, fuer keinen eine Gefahr. Ich schaute zu Devindra – er stand ja schliesslich im Flur und hatte es irgendwie geschafft nicht aus der offenen Tuer geschleudert zu werden. „Schnell raus. Schnapp dir die Sachen.“ rief er mir geistesgegenwaertig zu. Wir waren die Ersten aus dem Bus. Gelaehmt starrte ich auf das unter den Bus geschobene Auto. Meine Blicke fixierten den leblosen Fahrer, welcher ueber des Lenkrad gebogen, eingequetscht zwischen knadenlos, nicht nachgebend wollenden Metall, lag. „Fahr zurueck!!!“ war wahrscheinlich die Uebersetzung von den Schreien, welche die Insassen des Busses, die nun ebenfalls nach draussen stroemten, dem Busfahrer zuriefen. Es knarrte, Spannungen im Metall gaben nach, Glas splitterte als der Bus zurueck setzte. Langsam drangen Schreie aus dem Auto. Das Wimmern von Kindern und Frauen war zu vernehmen – von Sekunde zu Sekunde intensiver werdend. Auch ihnen wurde so langsam bewusst was geschehen war. Wie viele im Auto sassen konnte man nicht sagen, dei Rueckscheiben waren getoent. Einer versuchte mit einem Fausstoss die Scheibe zu zertruemmern – ihm fehlten einige Stunden im Fitnessstudio. Irgenwie helfen wollend, eilte ich und holte einen Stein, mit welchem ich die Scheibe zum bersten bringen wollte. Bevor ich auch nur irgendetwas tun konnte wurde mir der Stein aus der Hand genommen. Seine potentielle Energie wurde in kinetische umgewandelt und in relativer Beschleunigung zur Erdoberlfaeche naeherte er sich verdammt schnell der Scheibe – Nichts.
Irgendwie gelang es jedoch die Tuer zu oeffnen. Zum Vorschein kamen drei Kinder und drei Frauen – alle unter Schock, kreidebleich, ihren Blick in andere Welten richtend und apathisch wimmernd. Sie setzten sich auf die nasse Fahrbahn. Ein Kind sass ruhig da, sagte nichts, schaukelte jediglich mit dem Oberkoerper vor und zurueck, vor und zureuck, vor und ... Der Mann war noch immer eingeklemmt. Suchend blickte sich eine Frau um. Eingerahmt von zersaustem Haar erinnerte ihr Gesicht an den Schurken von Batman – Twoface – der Mann mit zwei Gesichtern. Eine Seite ansehlich, war die andere umso mehr entstellt. In riesigen Fetzen hing ihr Gesicht, wie abgehangenes Fleisch, herab. Die Szene schien aus einem schlechten Horrorfilm geklaut – leider war sie es nicht.
Ausser zuschauen blieb uns nichts uebrig, was konnten wir auch schon tun? Hier wollten wir nicht bleiben – wir liefen los. Schliesslich kuemmerten sich mehr als genug Helfer um die Verletzten. Devindra wollte zur naechsten Busstation laufen. Fuenf Kilometer – laut aussagen von Einheimischen. Doch Schaetzungen in Indien sind mit Vorsicht zu geniessen. Egal ob einer bescheid weiss oder nicht – er wird eine Antwort geben. „Lass uns umdrehen und im Stau nach einem Bus suchen.“ Meinte ich. Wir kehrten um. Erneut vorbei an jener Stelle, wo der lang ersehnte Feiertag fuer eine Familie, kaum begonnen, schmerzlich beendet wurde – Happy Dussehra. Ich blickte noch einmal zum Auto – der Mann war befreit und lag roechelnd auf der Rueckbank. Wahrscheinlich, von uns nicht wahrnehmbar, sass ein weiterer Gast im Auto und schaerfte, mit, durch lange Zeit erprobten, eingeuebten Bewegungen seine Sense.
Entgegen den Massen der Schaulustigen, liefen wir in den Regen, den Stau entlang und stiegen in den dritten Bus an diesem Tag.
Wut breitete sich in mir aus, beim Anblick dieser Sensationsgeilen Menschen. Ich wollte ihnen noch hinterherrufen „Enjoy the view.“ – „Geniesst die Aussicht.“ Oder „Have fun“ – „Habt Spass“ doch ich verkniff es mir.
Der Bus in welchem wir uns jetzt befanden, sollte uns letztendlich heil nach Hyderabad bringen. Ersteinmal was essen – schliesslich waren wir seit 15 Stunden unterwegs. Ohne grosse Umwege ging’s ins naechstbeste Restaurant. Danach trennten sich unsere Wege. Ich suchte nach einem Hotel und fuer Devindra ging es ins vier Stunden entfernte Bidar zu seiner Familie.
Zur Stadt selber gibt es einiges zu sagen. Hier residierten einst die maechtigen Adelsfamilien der Qutb Shahi und der Asaf Jahi. Im Kontrast zur „Software-Dynastie“ steht das charmante, alte muslimische Viertel, dessen Monumente schon mehrere hundert Jahre auf den Buckel haben. Ueberall trifft man auf Moscheen. Einst war Hyderabad ein wichtiges Zentrum der muslimischen Kultur. Noch heute betet ein grosser Teil der Bevoelkerung gen Mekka. Somit vereint sie hinduistische und islamische Traditionen.
Sowie ich im Hotel angekommen war, ging es auch schon weiter. Die Abid Rd nach Norden folgend – immer der Nase nach. Das Ziel – Hussain-Sagar, ein See in dessen Mitte sich eine der weltweit groessten, freistehenden Buddhastatuen erhebt. Das steinerne Abbild Buddhas wurde 1990 nach fuenfjaehriger Arbeit fertiggestellt. Als man den 17,5 m hohen Monolithen zu seinem angedachten Platz transportieren wollte, sank der Lastkahn unter den 350 t Gewicht. Erstt zwei Jahre spaeter – 1992 – wurde er vom Grund des Sees geborgen und auf seinen Sockel gestellt, wo er jetzt noch ruht.
Schon vom Ufer aus konnte man die schwachen Umrisse erkennen. Vom Limbini Park aus, was einem kleinen Freizeitpark gleichkommt, fahren alle paar Minuten Schiffe zu der kleinen Insel. Ich buchte ein Ticket und betrat kurz danach den Landungssteg. Die Statue kehrte mir den Ruecken zu. In den Sockel waren verschiedene Bilder aus Buddhas Leben eingraviert. Eins erkannte ich als jene Szene, kurz bevor Shakyamuni die Erleuchtung erlangte, als Mara – Herr der Finsternis – noch einen letzten Versuch unternahm ihn vom rechten Weg abzubringen, indem seine Toechter aufreizend um ihn tanzten. Heute wuerde man die Szene wie folgt beschreiben: Some fucking hot chicks, dressed up like some naughty bitches, where shaking what their mama gave them to seduce one nerd.
Auf dem Sockel stand er nun, die linke Hand in Hoehe der gleichen Schulter, die Rechte mit der Handflaeche nach vorn weisend sah er fast aus wie ein ueberdimensionaler Verkehrslotze – Buddha. Das ueberwaeltigende Gefuehl, wie ich es mir vorgestellt hatte beim Anblick der Statue blieb aus. Vielleicht lag es an dem Freizeitpark, von welchen die Boote ablegten, an den vielen Menschen, welche im Akkord dorthin gefahren wurden, vielleicht lag es aber an der vorgegebenen Zeit, welche man dort zubringen durfte oder dem Wissen sich in einer Grossstadt zu befinden und nicht in einem entlegenen Tempel, welches den Zauber fuer mich nahm. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lag es aber auch an den Ereignissen des fruehen Morgen, welche sich wie ein Schleier ueber den Tag legten.
Auf dem Rueckweg entdeckte ich zwischen den Haeuserzeilen einen Tempel. Gespannt suchte ich einen Weg durch das Gewirr von Strassen. Nach wiederholten nachfragen, fand ich mich in einem kleinen Gaesschen wieder. Den Weg folgend stieg ich empor zum – wie ich spaeter erfahren sollte – „Birla-Mandir-Tempel“. Der Tempel ist vollkommen in weiss gehuellt. Der dafuer benoetigte Marmor wurde 1976 aus Rajasthan hergebracht. Wie aus einem Maerchen ziert das Bauwerk den Kalabahad, den schwarzen Berg. Der Tempel selber ist Sri Venkateshwara geweiht und von daher ein wichtiges Pilgerzentrum fuer Pilger.
Doch all diese Dinge wusste ich nicht, als ich dem Gaesschen weiter folgte. Habe ich schon erwaehnt, dass ich kleine verwinkelte Gaesschen mag? Schon in Barcelona, die wenigen Male in welchen ich Ehre hatte diese Stadt besuchen zu duerfen, zog es mich von den grossen Strassen weg in die kleinen Nebenstrassen. Links und rechts tummelte sich ein Souvenir-Shop nach dem anderen. Gewitterwolken zogen auf und der Himmel faerbte sich schwarz. Ein schoener Kontrast zu dem bluetenweisen Marmor. Schuhe und Kameras mussten am Eingang abgegeben werden. Ich steckte mir heimlich meine Kamera in den Hosenbund und versuchte sie so mit reinzuschmuggeln. Am Metalldetektor, am Fusse der Treppe, wurde ich aehnlich wie am Flughafen kontrolliert. Die Frage, ob ich ein Handy dabei haette, bejahte ich aus dem Affekt heraus und wurde postwendend zurueck geschickt. Wenn ich ein Gott waer, und einige tausend Jahre alt, waeren mir auch diese kleinen Geraete suspekt, mit welchen man um die ganze Welt sprechen kann – ist dies doch ein Privileg der Goetter.
Diesmal gab ich jedoch meine Kamera mit ab, was sich im weiteren Verlauf beim Passieren von drei weiteren Metalldetektoren, als sehr kluge Entscheidung herausstellen sollte. Beim Betreten des Tempels laeutete ich die Glocke – dem Beispiel der Inder folgend. Besucher klingeln ja schliesslich auch, bevor sie es sich im Haus des Gastgebers gemuetlich machen. Alles war in weiss gehuellt. Vom Tempel selber hatte man einen herrlichen Ausblick ueber Hyderabad. Zwischen den schwarzen Wolken zuckten Blitze, leichter Regen benaetzte den glatten Marmor, machte ihn noch glatter und schmieriger und jeden Schritt zu einer Herausforderung fuer jedes Vestibularorgan. Ich genoss die Aussicht – ein wahrhaft goettlicher Anblick.
Zu Fuss lief ich die 4 km zum Hotel zurueck, welche durch unzaehlige Zwischenstopps in kleinen Handwerkerlaeden gespickt wurden. Endlich im Hotel angekommen, zog ich mein Hemd aus, setzte mich auf den schmalen Balkon, die kuehle Abendluft geniessend, den, von der Ferne herangetragenen, Klaengen von Bollywood-Musik lauschend und liess den Tag noch einmal Revue passieren. Dabei dachte ich an all die Dinge, welche ich an diesem Morgen nicht wusste.


Nagarjunakonda

Frueh verliess ich das Hotel um mich auf den Weg zum „Charminar“ zu machen, welches das 56 m hohe und 30 m breite Wahrzeichen der Stadt ist. Mohammed Quli Qutb Shah – einen Respekt an jeden der diesen Namen in einem Ritt aussprechen kann – lies das imposannte Gebaeude mit seinen vier Tuermen 1591 errichten. Jeder Torbogen weisst in eine der vier Himmelsrichtungen. Wie findige Leser daraufhin schlussfolgern werden, handelt es sich exakt, nicht mehr und nicht weniger, gtenau genommen um vier Torboegen. Im 2. Stock befindet sich Hyerabads aelteste Moschee.
Das Leben auf der Strasse war gerade im Begriff zu erwecken. Ueberall lagen noch schlafende Haendler auf ihren Waegelchen und selbst die Bettelr waren noch zu muede einen nach Geld zu fragen. Ich muss dazu sagen, dass ich sehr selten, um nicht zu sagen nie, solang es sich vermeiden laesst – zeitig aufsteh. Umso mehr geniesse ich die wenigen Morgende wo ich dieses Erwachen erlebe. Einmal ueber den Fluss war es nur noch ein Katzensprung. Von weitem konnte man es schon erkennen – Charminar. Da ich zu zeitig da war, und der Einlass noch geschlossen hatte, stattete ich der „Mecca Masjid“, neben dem Charminar eine der groessten Moscheen der Welt, gleich um die Ecke einen Besuch ab. In ihrem Inneren finden bis zu 10.000 Glaeubige Platz, Maenner wohlgemerkt – Frauen muessen draussen bleiben. 1614 wurde der Grundstein gelegt. Die Bauarbeiten dauerten jedoch bis 1687 an. Der Name der Moschee kommt von den Backsteinen ueber dem Eingangsportalm, welche aus Mekka gebrannt wurden.
Der Platz innerhalb der Moschee war gesaeumt von unzaehligen Tauben. Inmitten stand ein Inder, welcher sich als lebende Statue anbot. Die Moschee selber war verschlossen und man konnte nur durch die Gitterstaebe einen Blick ins Innere erhaschen. Gemuelich fruehstueckte ich im Schatten der Charminar und erklomm gestaerkt die Stufen in einem der vier Tuerme. Von hier hatte man einen herrlichen Ausblick. Traeumend verfolgte ich die Karawane von Kamelen, welche sich den Weg durch den Laad Bazaar bahnte. Nach einem kurzen Abstecher zum Gerichtsgebaeude, welches aus Sicherheitsgruenden nicht besichtigt werden konnte, aber dennoch eine beeindruckende Architektur besass, ging es vorerst zum Hotel zurueck und ohne Umschweife weiter zum Busbahnhof. Mit der freundlichen Hilfe eines Jungen, welcher am Bahnhof angestellt war, fand ich schnell den richtigen Bus.
Die naechsten vier Stunden verbrachte ich halb schlafend, halb wach im Bus. Wenn ich wach war, schaute ich aus dem Fenster. Die Landschaft zog an mir vorbei und beim Anblick dieser wurde ich stark an Australien erinnert – es war die gleiche Art Vegetation, ich schwelgte wieder einmal in guten Erinnerungen. In Nagarjunasagar angekommen quetschten wir uns zu acht in eine Riksha – bei weitem noch nicht das Limit der Moeglichen Anzahl an Inder, welche sich hier stapeln koennen – fuer mich war es allerdings vollkommen ausreichend. So legte ich de letzten Kilometer meiner Reise an diesem Tag zurueck. Direkt gegenueber des Landungssteges, wo ich praktischer Weise auch von der Riksha abgesetzt wurde, befindet sich laut Lonely Planet ein empfehlenswertes Hotel. Die Zimmer welche noch frei waren kosteten ab 600 Rs pro Nacht aufwaerts – dies sprengte den Rahmen dessen, was ich bereit war auszugeben. Schliesslich konnte mir der Rezeptionist noch ein weiteres Hotel oder besser gesagt eine sogenannte Lodge, wohl den Hostels in Australien entsprechen, empfehlen, die auf den vielversprechenden Namen – „Golden Lodge“ – getauft wurde – dabei sollte es aber auch bleiben. Womit ich nicht sagen moechte, dass es ein schlechtes Hotel ist, aber der Name „Golden“ impliziert etwas anderes. Auch daran gewoehnt man sich, alles, ist es auch noch so schaebig hat irgend einen pompoesen Beinahmen, wie „Royal“, „Palace“ oder eben „Golden“ so und so.
Jedenfalls bekam man hier ein Zimmer fuer 150 Rs, nichteinmal 3 Euro die Nacht – dies lag genau in meinen Vorstellungen. Die Zimmer waren klein, stickig aber dafuer sehr abenteuerlich anmutend – ich war ueberzeugt. Ich checkte ein und machte mich auf den Weg die Gegend zu erkunden – viel zu sehen gab es letztendlich nicht, was vielleicht auch daran lag, dass so langsam die Nacht herein brach.
Einen kleinen Tempel besuchend, angelockt von Gesaengen und Trommeln, lies ich mich von der Atmosphaere eine Puja mitreisen. Schnell knuepfte ich „Freundschaft“ mit den Kindern, welche ganz gierig drauf waren mit mir englisch zu reden. Als mich der Hunger vom Tempel fort lockte, wurde ich mit, in Zeitungspapier eingehuellten, Reis ueberhaeuft. Somit hatte sich die Frage nach dem Abendbrot auch geklaert. Manche Probleme loesen sich eben doch von selbst. Ich genoss das Essen und schlief beruhigt in meiner Kammer ein.


Natural Shower

Ein erneut frueher Start und eine munter machende Dusche lies mich den Tag beginnen. Ich fruehstueckte ausgiebig und machte micht auf den Weg zur Ablegestelle der Boote nach Nagarjunakonda. Schon wieder war ich zu zeitig. „Der fruehe Vogel... faengt sich gleich eine, wenn er nicht sofort die Klappe haelt“, dachte ich mir und verbrachte wartend die Stunde bis zum Abfahrt. So langsam tummelten sich die Touristen vor dem Schalter fuer die Tickets, ich gesellte mich zu ihnen. So wie ich in der Schlange stand, bemerkte ich, wie sich eine zweite Schlange bildete, jedoch an einem Schalter, an welchem es keine Tickets fuer das Boot gab – ich kam ins gruebeln. Vorsichtshalber fragte ich nach – „Das ist der Schalter, wo man die Eintrittskarte fuer die Insel erwerben kann.“ kam als Antwort. Gut zu wissen. Das Ticket, welches ich im Begriff war zu kaufen, war also bloss fuer das Uebersetzten. Dort angekommen wuerde man wahrscheinlich wieder zurueck geschickt, sofern man nicht den Eintritt fuer die Insel bezahlt hat. Da offensichtlich jeder die Insel besichtigen wollte, fragte ich mich nach dem Zweck von zwei verschiedenen Tickets – schnell gab ich auf. Die indische Logik ist noch ein rotes Tuch fuer mich, und wuerde mir nur Kopfschmerzen bereiten.
schmalen Balkon, die kuehle Abendluft geniessend, den, von der Ferne herangetragenen, Klaengen von Bollywood-Musik lauschend und liess den Tag noch einmal Revue passieren. Von einer Schlange zur naechsten fand ich mich vor dem Einlass wieder. Schnell kam ich jedoch ins Gespraech mit einigen Umstehenden. Ich erfuhr, dass sie im folgenden Monat nach Deutschland kommen, um dort in Muenchen fuer einen bayrischen Autohersteller zu arbeiten. Auf der einstuendigen Fahrt gesellte ich mich zu ihnen und die Zeit verging wie im Flug. Auf der Insel angekommen entschloss ich mich trotzdem diese alleine zu erkunden und bog schon schnell ab. Alte Ruinen, Statuen und Stupas waren ueberall verstreut. Die Atmosphaere war ruhig und einfach zum dahinschmelzen, was allerdings an den unmenschlichen Temperaturen lag. Die Uhr tickte – nach einer Stunde Aufenthalt mussten wir leider schon wieder auf dem Schiff sein. Kurz vor knapp traf ich dort meine indischen Begleiter wieder. Ohne Umschweife wurde ich eingeladen sie auf einen Trip zu nahegelegenen Wasserfaellen zu begleiten – ohne gross zu ueberlegen sagte ich zu. So ging es, kaum festen Boden unter den Fuessen habend mit einer Riksha auf die Reise. Erster Zwischenstopp war ein Strassenhaendler. So ein Saftladen. Im Akkord wurden Orangen geschaelt, gepresst, der Saft auf Wunsch mit Zucker versetzt und an Durstige, von denen es an diesem Tag nicht wenige gab, verkauft. Ein Feuerwerk der Sinne. Noch einen kurzen Blick auf die Staumauer geworfen ging es weiter. Der Wasserfall lag in einer wunderschoenen, mit saftigem gruen gezeichneten Umgebung. Einem ausgetretenen Weg folgend naeherten wir uns dem Gewaesser. „We want to take a shower – will you join?“ – „Wir moechten duschen – was ist mit dir?” – was war das fuer eine Frage, es waren gefuelte 50.000 Grad Celcius, mindestens und im Schatten. Wir entledigten uns unserer Kleider, nunja fast. Vorsichtig balancierten wir ueber die klitschigen Steine auf allen Vieren. Die Muehe wurde durch eine herrlich erfrischende, mit Massage-Effekt versehene, die Durchblutung anregende Dusche belohnt. Schon was feines so eine „Natural Shower“.
Freunde kommen und Freunde gehen – so trennten sich auch diesmal wieder unsere Wege. Mich fuehrte mein Weg zurueck zur „Golden Lodge“, wo ich meinen Rucksack schulterte und mich auf den Weg zum Bus machte. Noch keinen Schritt vor die Tuer gesetzt wurde ich vom Nachtwaechter des Hotels angesprochen – wie sollte es auch anders sein – er wollte Geld. Schliesslich sorgte er ja dafuer, dass mir waehrend der Nacht nichts geschah. Diese Aufgabe schien er gut zu meistern, denn das einzig annaehernd gefaehrliche an diesem Ort schien nur er selber zu sein. Sein Job bestand also darin, Reisende hoechstens vor sich selber zu schuetzen – diese Aufgabe war nicht weiter schwer. Zur Vorsicht wechselte ich dennoch die Schloesser zu meinem Zimmer aus, sobald ich dieses verlies. Aus einer Vorahnung heraus kaufte ich mir in Hyderabad eines der guten alten, runden Vorhaengeschloesser. Die Ganesha-Gravur, der Waechter und Beschuetzer in der hinduistischer Philosophie, ueberzeugte mich. Schon am ersten Tag stellte ich mich dumm als er mich um eine Spende bat. Ich war mir nicht so sicher ob er sich nicht selber bedienen wuerde, denn das es einen Zweitschluessel fuer das Schloss zu meiner Tuer gab stand ausser Frage, und so wachte Ganesha ueber mein temporaeres, kleines Reich. Wie nicht anders von einem Gott zu erwarten gab es keine Probleme. Noch waehrend ich ueber den freien Platz vor dem Hotel lief, spuerte ich die wuetenden Blicke des Nachtwaechters.
Der naechste Bus sollte 5.30 pm fahren, noch eine halbe Stunde Zeit. Ohne gross suchen zu muessen fand ich mich schon bald in einem kleinen Strassen-Chai-Stand wieder. Ich liebe diese kleinen Spilunken. Nun ja, eigentlich sind es viel mehr fahrbare Wagen, von welchen man tagsueber Planen abspannt, die einem dann das Gefuehl von gemuetlicher Atmosphaere vermittelt. Manchmal scheinen sie wie aus dem Nichts aufzutauchen und immer genau im richtigen Augenblick. So schluerfte ich meinen Chai und verfolgte das Strassenleben. Als ich so da sass, sagte man mir, dass der Bus erst 6.30 pm faehrt – indische Puenktlichkeit. Um sicherzugehen lief ich zu dem kleinen Kontrollposten, vor welchem der Bus halten sollte, direkt an der Strasse, welche ueber die Staumauer fuehrt. Aus Angst vor Terroranschlaegen darf keiner mehr die Mauer betreten und Auslaender werden schon beim Versuch sich zu naehern skeptisch beaeugt. Um nun auf die andere Seite zu gelangen muss man den umstaendlichen Weg durchs Tal vor der Mauer in Kauf nehmen – zur Freude aller Riksha-Fahrer. Am Posten angekommen verwickelte ich die beien Polizisten in einen Smalltalk. Beide wetteiferten um die Wette, wer am besten mit mir englisch sprechen kann. Der juengere Polizist gewann eindeutig um Laengen, hielt sich aber anscheinend aus Ehrfurcht gegenueber seinem Vorgesetzten zurueck. Die Polizisten hier in Indien scheinen aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein. Sie strahlen eine Selbstsicherheit und Macht aus, die ma sonst von keinem Inder kennt. Mein Gefuehl sagt mir, dass man sich am besten nicht mit ihnen anlegen sollte.
Es wurde 7 pm. Man gab mir den Rat zu einer anderen Bushaltestelle zu fahren, an welcher alle 15 Minuten Busse abfahren. Aus dieser Viertel-Stunde wurden nochmal 2 Stunden. Endlich froh im Bus zu sitzen ging es zurueck nach Hyderabad, wo ich schliesslich 1 am Samstag Morgen ankam. Es war nicht einfach mit den Riksha-Fahrern am Busbahnhof zu verhandeln. Schliesslich ueberzeugte mich einer mit dem Argument „Es ist Nacht“ – er wusste das nicht viele Taxis unterwegs waren und es relativ unwahrscheinlich war, dass man den Weg zum Hotel in der Dunkelheit zurueck legt. Ausserdem war ich zu muede um noch eine Stunde laufen zu wollen. Im Hotel angekommen hiess es, alle Zimmer seien Ausgebucht. Doch was hat das schon zu bedeuten. Ich erklaerte dem netten jungen Mann an der Rezeption das es mir nicht auf Komfort ankommt. „Ich moechte kein Zimmer, sondern nur einen Platz zum schlafen. Laesst sich was arrangiere.“ Zoegernd schaute er mich an. „Eine Matratze auf dem Boden ist vollkommen ausreichend.“ nahm ich ihm die letzten Zweifel und er willigte ein.
Fuer eine gute Nacht braucht man meiner Meinung nach zwei Dinge – etwas Platz um sich zu betten und das relative Gefuehl von Sicherheit um ruhig zu schlafen – und dies tat ich.


Bidar

Den Morgen und zeitigen Nachmittag verbrachte ich in Hyderabad umherstreifend. Diesmal fuehrte mich mein Weg in den Laad Bazaar, welcher sich westlich vom Charminar erstreckt. Sein Angebot reicht ueber Parfuems, welche eigens auf Wunsch abgefuellt werden, wohlriechednen Oelen, Stoffe bis hin zu Schmuck fuer jeden Geldbeutel. Kurz dachte ich ich waere in jenen Kung-Fu-Filmen gelandet in welchen Ninjas, die Elitekaempfer des alten Japans, die Hauptrolle spielen. Ueberall tummelten sie sich. Doch weit gefehlt. Es handelte sich lediglich um die, in komplettes Schwarz gehuellten, islamischen Frauen. Das einzig unbedeckte waren ihre Augen. Schon beim puren Anblick kam ich ins Schwitzen. Es herrschten gefuehlte 50.000 Grad Celcius, mindestens – und im Schatten. Fuer mich war es unvorstellbar in so einem Klima wie Batman rumzulaufen. Vielleicht haben sie besondere Druesen oder High-Tech-Materialien mit Cooling-Effekt, wer weiss. Auf dem Bazaar kam man von einer kleinen Gasse in die Naechste. Ohne sich gross anstrengen zu muessen kann man sich hier verlaufen – es gibt keinen besseren Ort wo man dies koennte. Nachdem ich Henna und Parfuem nach harten Verhandlungen ersteigert hatte – und trotz Preissenkung um 50 % immer noch einen unwesentlichen Betrag zu viel zahlte – hier geht es ums Prinzip – bog ich ab Richtung Chowmahalla-Palast. Der Name ruehrt von den vier (char) Palaesten (mahalla), also Char-Mahalla, umgewandelt in Chowmahalla. Ende des 18 Jh. Wurde mit den Bauabeiten begonnen und in den darauffolgenden 100 Jahren staendig erweitert. In den Gebaeuden wurde u.a. persische, indo-sarazenische und europaeische Architektur vereint. In der wunderbar gepflegten Anlage kann man Ausstellungen mit Fotos, Waffen, Gewaendern und Zimmer bewundern. Ich genoss die, im Kontrast zum hektischen Treiben des Laad Bazaars, herrschende Ruhe und tankte etwas Energie. Hyderabad nun endgueltig „Good-Bye“ sagend – zumindest fuer diesen Trip – setzte ich mich in den Bus nach Bidar. Von Andhra Pradesh (einem Staat in Suedinden) ging es nun wieder nach Karnataka, wo ich mich wenigstens etwas verstaendigen kann. Devindra hatte mich eingeladen eine Nacht in seinem Haus zu verbringen, seine Familie kennen zu lernen und mich in der Umgebung rumzufuehren. Ein besonderes Highlight sollte fuer mich noch der Kauf eines Dothis werden. Eigentlich bloss eine 5 m lange Stoffbahn, welche geschickt gewickelt zu einer eleganten „Hose“ umgewandelt werden kann. Ausserdem kann man Abends den Stoff als Bettbezug benutzen oder als Decke – zum Reisen also ideal.
Bevor ich mich in Bidar bei Devindra meldete stuermte ich die naechstbeste Baeckerei – ich hatte Kohldampf nach Zucker. Mit einem Chai in der Hand wartete ich am Busbahnhof auf Devindra, der sogleich um die Ecke bog. Nachdem ich einem der 5 Brueder, einem befreundeten Haendler und weiteren Freunden vorgestellt wurde ging es zu ihn nach Hause. Die gesamte Familie war versammelt – herzlich wurde ich empfangen. An diesem Abend passierte nicht mehr viel, wir besuchten weitere Verwandte, assen Abendbrot und gingen ins Bett.
Nach einem leckeren frisch zubereiteten Fruehstueck aus Erdnuss-Chutney, Omlett und Rothi, einer Art Fladenbrot, ging es zu der friedvollen Festung aus dem 15. Jh. Ueber sanft geschwungene Huegel erstreckt sie sich 2 km oestlich der Udgir Rd. Um die Festung selber wurde ein dreifacher Burggraben – sicher ist schliesslich sicher, lieber man hat als man haette – aus dem roten Felsen gehauen. Mit seinen 5,5 km Laenge ist der Verteidigungswall der zweitlaengste Indiens – und wehe ein Streber fragt jetzt wer der laengste ist. Der Eingang ist wirklich maerchenhaft und erinnert an die Geschichten aus 1001 Nacht. Hier verbrachten wir den ganzen Tag. Schon fast so viel Zeit, dass wir uns beeilen mussten um den Bus zu erwischen. Noch schnell in den Textilladen – zwei Dothis gekauft fanden wir uns im Bus wieder.
Um die Spannung vorweg zu nehmen – wir kamen gut und sicher ohne Zwischenfaelle in Bangalore an.

Montag, 6. Oktober 2008

Shanti Climbing













Der erste Bus der nach Bangalore fuhr war hoffnungslos ueberfuellt. Jeder freie Platz war mit der maximalen Anzahl an Inder besetzt. “Come, come!” vernahm ich die Rufe Kumars durch das Getuemmel der Menschen, welche nur schwach durch die unzaehligen Hupen zu hoeren war. Ein zweiter Bus nach Bangalore hielt direct hinter dem Ersten - Kumar erspaehte ihn und schob mich in den Bus. “Bis Sonntag Kumar.”. Ich hatte sogar Glueck – ein Platz war frei – letzte Reihe – das Katapult. Egal, lieber im Sitz hochgeschleudert zu warden als stehen. Einige Busstationen weiter stiegen ein paar Inder zu. Unter ihnen befand sich auch ein recht wohlgenaehrter. Es gibt nich viele beleibte Inder auf dem Land, die meisten sind drahtig. Wie sollte es auch anders sein – der Dicke nahm genau neben mir Platz. Mein klaustrophobisches Ich meldete sich zu Wort und gesellte sich zu mir. Gemeinsam ging es weiter. Je laenger die Fahrt dauerte, desto uebler wurde mir. Der Magen schmerzte leicht und eine Schuessel Kloese steckte mir im Hals. Ich wechselte ans Fenster um zur Not einen nichtsahnenden ueberholenden Motorradfahrer zu begluecken.
Ohne es zu sehen wusste man – Bangalore, wir kamen naeher. Die Luft verdickte sich, was meinem subjektiven Wohlbefinden nicht zum Vorteil verhelfen sollte. Kaum am Majestic Busstand – dem Hauptbusbahnhof in Bangalore – ausgestiegen flitzte ich auf’s Klo. Durch meine fundierte, medizinisch gepraegte Ausbildung war die Diagnose schnell gestellt – Diarrhoe, und zwar in Perfektion. Great – genau an dem Wochenende wo wir klettern gehen wollten musste ich die Scheisseritis kriegen. Kaum hatte ich das Klo verlassen, drehte ich um und stattete ihm einen erneuten Besuch ab – Wiedersehen macht Freude. Als der Darm endlich Ruhe gab meldeten sich meine Kloese. Durch die Massen schlaengelnd suchte ich nach einem ruhigen, idyllischen Platz im Freien, wo ich gelassen erbrechen konnte. Soweit sollte ich jedoch nicht kommen. Wie auf Erdoel gestossen schoss es aus mir heraus, platschte auf den Boden und spritzte mir auf die Fuesse – ich trug Flip-Flops – “Welcome in Bangalore” dachte ich mir. Wenigstens ging es mir danach etwas besser. Ich wartete auf Simon – Platform 4. Gemeinsam nahmen wir den Bus nach Whitefield, dem Stadtteil Bangalor’s wo Shugo – unser Kletterguide – wohnte. Shugo rief mich ueberraschend vor einige Wochen an. Von Lasya – meiner Betreuerin – hatte er gehoert, dass ich vorhatte in Indien zu klettern. Er selber arbeitete professionell als Guide fuer Touren durchs Himalaya und Klettern ist seine Leidenschaft, sein Leben – das spuehrt man ganz deutlich. Ich stellte ihn mir als grossen, athletischen, von Muskeln strotzenden Inder vor. Als dann dieser kleine, etwas untersetzte, eine Zigarette im Mundwinkel balancierende Inder vor mir stand, verschwand dieses Bild wie ein Schneemann in der Saune. Von Anfang an mochte ich ihn, und das sollte sich auch nicht aendern. Er wirkte sympathisch, sehr gebildet, freundlich und nett. Momentan verdient er ein geld als Programmierer fuer Animationsfilme. Nach einer kleinen Vorfuehrung war ich schwer beeindruckt – ich verstand nicht einmal nichts, ich verstand rein gar nichts. Da es bereits Elf war, gab es Essen von der Strasse. Nicht fuer mich. Mir war immer noch uebel und ich begnuegte mich mit Keksen. Sein Appartement lag in einem Komplex, welcher komplett, wie eine Festung, von einer Mauer umzaeunt wurde, in welche man jediglich durch kleine, gesicherte Durchgaenge gelangte. Nach dem Essen und viel Gelaechter ging es schnell ins Bett. 4.30 Uhr sollte es los gehen. Die Nacht war alles andere als Erholsam. Regelmaessig wachte ich auf um entweder zu brechen oder dem immer wiederkehrenden Durchfall Platz zu machen. Am naechsten Morgen war mir immer noch leicht uebel, doch ich entschied mich dafuer, dennoch mitzugehen – schliesslich spielt es kaum eine Rolle, ob es mir im Appartement oder in der Natur schlecht geht, oder doch? Es sollte sich al seine gute Entscheidung heraus stellen, denn im Laufe des Tages verschwand meine Unwohlsein weitestgehend.
Durch die leeren Strassen Bangalore’s hetzten wir von einem Bus zum anderen –der reinste Marathon, und das am Morgen. Die letzten Kilometer dann zu Fuss.
Herrlich frische Luft, ueberall Boulder und eine leichte Prise rundeten das Bild ab, welches uns sich auf dem “Gipfel” eines Felsbrocken sitzend und Bangalore im Morgengrauen beobachtend, bot. Der Ausblick war herrlich – da war es also, dieses stinkende Bangalore. Es erstreckte sich ueber den gesamten Horizont. “What you wanna do?” – “Was wollt ihr machen?” – fragte Shugo. “Erstmal nur Bouldern.”. Bouldern ist das Klettern an Felsbrocken. Man befindet sich immer in Absprunhoehe und kann somit sehr gut Techniken ueben, ohne Gefahr zu laufen sich ernsthaft zu verletzten – fuer den Anfang perfekt. Er zeigte uns verschiedene Techniken. Wie man seine Fuesse am Besten einsetzt, wie man seine Balance nicht verliert und vieles mehr. Dann wechselten wir zu einer Wand. Shugo baute einen Stand um uns zu sichern und wir legten unsere Klettergurte an. Nun ging es 20m hoch und runter. Eine letzte Runde bouldern sollte den Rahmen um diesen Tag schliessen.
Zurueck im Appartement hatten alle nur noch eins im Sinn – ESSEN. Ja wir dachten tatsaechlich in fettgedruckten, Grossbuchstaben. Haette auch nicht gedacht, dass es klappt, aber es scheint zu funktionieren – somehow. Diejenigen, die diesen Gedanken nicht teilten, zu welchen ich zaehlte, eigentlich nur ich, hatten andere Gedanken – DUSCHEN. Spaetestens danach waren jedoch alle der gleichen Meinung – ESSEN. Der Gedanke verformte sich tatsaechlich zu kursiv. Auf dem Gaskocher auf dem Balkon bereiteten wir Omletts, Reis, eine Art Kartoffelsalat und eine leckere, aber verdammt scharfe Sosse, zu. Rasch verschwand alles in unseren Baeuchen.
Am naechsten Morgen ging es etwas weniger zeitig mit dem Zug zu einem anderen Oertchen. Stehend und eingeklemmt verharrten wir im Wagon. Endlich vorm sicheren Tod durch Erquetschung befreit, liefen wir zum Fusse des Berges. Auf den Weg dorthin fiel mir ein kleiner Laden ins Auge, welcher mit Huehnern handelte, oder besser gesagt mir ihrem Fleisch. Im Vordergrund throhnte ein grosser Baumstamm, als Schlachtfeld dienend. Die Huehner, an den Beinen gepackt, wurden aus einem dunklen Hinterzimmer nach vorn getragen. Gackernd und mit den Fluegeln schlagend wurde ihnen Kopfueber die Kehle aufgeschnitten, um dann anschliessend in eine Holzkiste zu ihren todgeweihten Artgenossen geworfen zu warden. Mir kam die Szene aus dem Film “Gladiator” in den Sinn, in welcher die Krieger in einer Reihe vor ihrem Imperator stehen und diesen mit “Wir, die Todgeweihten gruessen euch.” Ansprachen. Ich stellte mir die gleiche Szene mit Huehnern vor – witzig und bizarre zugleich. In dieser Kiste rannten sie, solang es der Platz zulies, in ihrer Panik noch solange herum, bis sie erschoepf zu Boden sanken und ihr Leben aushauchten. Ueberall lagen Huehnerkoepfe und starrten einen aus ihren kalten Augen an. Durch die gestapelten Gedaerme machte sich ein uebler Geruch breit. Ein was gutes hatte der Laden – man konnte sicher sein, dass man frisches Fleisch bekam. Langsam verstummte das Todesgegacker der Huehner als wir weiterzogen.
Verblueffend – der Gipfel erinnerte mehr an einen Haufen Murmeln als an einen Berg. Riesige Felsbrocken – oder Boulder – lagen aufeinander und bildeten ein Labyrinth von Hoehlen, Gaengen und unterschiedlich grossen Kammern, in welche sich nur aengstlich das Licht vor wagte. Klettern, kriechend und keuchend schoben wir uns durch die Spalten, von einem Lichtstrahl zum Anderen. Belohnt wurden wir von faszinierenden Felskonstruktionen und seltsamerweise gedeihenden Auslaeufern der Vegetation.
Mit vielen schoenen Eindruecken ging auch dieser Tag zuende – nun, noch nicht ganz. Nebenbei bemerkt war es mein Geburtstag und so ganz ohne Feiern wollte ich ihn doch nicht verstreichen lassen. So packten wir schnell unsere Sachen und machten uns auf den Weg zur Mahatma-Gandhi – oder kurz MG-Road. Diese Strasse ist die wohl westlichst gepraegte Strasse in ganz Bangalore. Hier reihen sich Shops mit Markenware wie Reebok, Puma, Adidas und wie sie alle heissen an Fast-Food-Ketten wie KFC, McDonalds und anderen Gourmet-Tempeln. Auch die Inder erinnern mehr an Hollywood Schauspieler wie Tom Cruise und Kate Hudson. In einem netten Lokal mit fetziger Rockmusik liesen wir uns nieder. Ich schmiss eine Runde Bier – das Uebliche – “Kingfischer Strong”.
Die naechsten Zeilen sollen bitte nur diejenigen weiterlesen, welche ein Geheimnis fuer sich behalten koennen. Sollte irgendeine Information nach aussen dringen, so koennte dies fatale Folgen fuer mich haben. Unter gar keinen Umstaenden solltet ihr zu irgendjemand darueber sprechen.
Zur Feier des Tages goennte ich mir Beef – Rindfleisch, die Hohe Kunst des Fleisches – aus den Lenden einer heiligen Kuh geschnitten. Doch daran verschwendete ich keinen Gedanken, als ich hastig die Bissen hinunter schlang – ich dachte nur in kursiv, fett gedruckt. Doch in dieser so westlich anmutenden Strasse schien es auch nicht weiter schlimm zu sein. Wir diskutierten noch eine ganze Weile ueber Sinn und Un-Sinn an Traditionen fest zu halten oder allgemein gesprochen, das Reinhalten einer Kultur. Diese jungen Inder schien nichts mehr mit ihrer Kultur zu verbinden. Nehme man ihr Verhalten und subtrahiere ihr Erscheinungsbild wie Hautfarbe – man koenne nicht sagen welcher Kultur sie angehoeren.
Noch im Bus stellte ich mir die Frage, wie weit Veraenderung, Globalisierung gehen kann, darf? Wie wichtig ist die Bewahrung einer Kultur? Kommt es vielleicht zum Kultur-Wechsel, so wie man am Ende eine Fussballspiels sein Trikot mit der anderen Mannschaft tauscht? Viele Eropaer sind fasziniert von der indischen Kultur, ihrer Mystik, mit all ihren Vorzuegen wie Yoga, Aryuveda und Meditation. Auf der Suche nach spiritueller Befriedigung oder gar Erleuchtung, nach den Weisheiten alter Sadhus wie man sie aus Buechern kennt streben viele danach sich mehr und mehr der indischen Kultur zu naehern, durch Kleidung, Verhalten und Gedanken. Aber auch das Gegenteil passiert. Die Inder orientieren sich am Westen – tragen Hosen statt Lungis und schicke Hemden, wie man es von den Darstellern in Hollywoodfilmen gewohnt ist. Als Gegenpol sieht man Europaer mit weiten Baumwollhemden und schlapper Hosen – zu welchen ich mich momentan auch zaehlen muss – im asiatischen Stil. Der Austausch oder besser gesagt der Wechsel der Kulturen hat bereits vor einiger Zeit begonnen. Das Ergebnis sind Inder die Aussehen wie Europaer und Europaer die Aussehen wie Inder. Jeder ist der Schatten des Anderen und doch etwas Neues. Doch was? Jeder traeumt von der Andersartigkeit der Fremden. Das Gras auf der anderen Wiese ist eben immer gruener als auf der Eigenen.
So neigte sich mein Geburtstag dem Ende zu.
Der Bus entfuehrte mich in die Nacht – Ziel Gauribidanur.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Hampi

















Am Freitag den 26.09. oder besser gesagt, Samstag am fruehen Morgen ging es mit dem Zug nach Hospet. Hospet ist das geschaeftige Zentrum dieser Region. Von hier aus startet man nach Hampi, denn hier laufen alle Strassen zusammen.
Nun zu Hampi. Fuer alle kulturell, geschichtlich Interessierten unter euch, hier ein paar Fakten.
Hampi ist laut dem “Lonely Planet” eine Ruinen Stadt der Vijayanagar aus dem 15. Jh. Die Landschaft ist bestueckt mit Granitfelsen, ueppigen Reisfeldern und einigen Bananenplantagen. Die Stadt selber gehoert zum Weltkulturerbe. In den Hindu-Legenden des Ramayana war diese Gegend das Reich der Affengoetter. 1336 wurde hier die Stadt Vijayanagar gegruendet, von welcher eines der groessten Hindu-Reiche der Geschichte heran wuchs. Im 16. Jh, umgaben den groessten Teil des Gebietes 7 Befestigungsmauern. Die Basare in dieser Zeit waren Zentren der internationalen Wirtschaft. Es kamen Haendler aus fernen Laendern um ihre Waren anzubieten. 1565 wurde jedoch diese bluehende Stadt von so einem miesen Sultan gepluendert – der nicht mehr aufzuhaltende Verfall began.
Obwohl es seit 1986 zum Weltkulturerbe gehoert, stehen lediglich 58 von 550 Monumenten unter jenen Schutz.
Aufgrund seiner Granitfelsen ist Hampi die unbestrittene Boulder-Hauptstadt Indiens. Manche Steine sollen sogar noch die Spuren der antiken Steinmetze enthalten.
Am Freitag ging es los. Und hier beginnt die Geschichte.

The Farting Conductor
Nachdem mich Shivakumar kurz vor Mitternacht am Bahnhof absetzte, machte ich es mir am Bahnsteig bequem. Auf einem Sockel, an einer Saeule gelehnt, mit dem Rucksack als Polsterung wollte ich dir vierzig Minuten auf den Zug wartend verbringen. Ich war deswegen so zeitig da, weil ich der indischen Puenktlichkeit nicht vertraute. Erfahrungsgemaess dauert es, wenn es heist “Jetzt geht’s los”, noch gute 20 – 30 Minuten, bevor sich irgendjemand in Bewegung setzt. Aus diesem, eben genannten Grund, stresste ich Shivakumar ein wenig, mich schnell zum Bahnhof zu fahren. Leider kommt man wohl in Indien niemals zu zeitig, sondern meistens zu spaet. So wartete ich und doeste vor mich hin. Die Arme vor der Brust verschraenkt und die Aermel herunter gekraempelt – denn es war kuehl. Von einer Bank neben mir aufstehend, schwankte ein Inder auf mich zu. Ich wusste nicht ob er lallte oder einfach nur in klarem Cannada mit mir sprach – ich hoerte keinen Unterschied. Seine Augenbrauen waren zu einer vertikalen Falte, direkt ueber der Nase zusammen gezogen. Sein Gesicht erschien wuetend – worueber wusste ich nicht. “English” – versuchte ich ihm zu verstehen zu geben, doch er sprach weiter in Cannada. Nach einer Uebersetzung suchend, schaute ich einen nebenan Stehenden an. Durch Mimik gab dieser mir zu verstehen, dass der Mann wohl nich mehr alle Tassen im Schrank hat – soweit war ich auch schon. Es passte. Diese Info plus seine schwankende Erscheinung legten die Vermutung nahe – wie einige von euch sicherlich schon gemutmasst haben – dass jener, mich immer noch mit energischer Stimme ansprechende Mann, betrunken sei. Ein Hobby, welchem hier viele Maenner in Gauribidanur, und wohl in jedem anderen Doerfchen, froehnen. Erst kuerzlich wurde ich fast Zeuge, wie einer in einen LKW rannte, nachdem er auf die Mitte der Strasse sprintete, um unserem hupenden Motorrad auszuweichen. Den entgegenkommenden LKW schien er nicht zu sehen. Doch wie von Geisterhand gestoppt, blieb er auf der nicht vorhandenen Mittellinie stehen. Nur Millimeter entfernt brauste der LKW an ihm vorbei und verschwand in der Nacht. Mit den englischen Worten “Station Master” wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich schaute verdutzt. Der Betrunkene forderte mich mit jenen Worten und einem Winken auf, ihn zum Station Master zu begleiten. Der Station Master ist der fuer den Bahnhof verantwortliche Beamte. Ich sprach zu ihm zuvor, um die genaue Abfahrtszeit meines Zuges zu erfragen. Er sprach gutes Englisch und ich vertraute ihm. Um den Betrunkenen nicht weiter zu veraegern – man weiss ja nie welche Gedanken einem in solchen Momenten durch den Kopf schiessen – und in der Hoffnung der vertrauenswuerdige Station Master wuerde schlichten, ging ich mit, nachdem ich zuerst mit “No, I just want to sit here!” und “Why?” seiner Aufforderung entgegnete. In seiner ruhigen Art ging der Station Master gar nicht weiter auf den Betrunkenen ein, als wir in seiner Tuer standen und er den Tumult mitbekam. Er gab mir zu verstehen, ich solle mich in aller Ruhe wieder hinsetzen. Doch so leicht wollte sich der Betrunkene nicht geschlagen geben. Energisch zeigte er auf einen Stuhl und forderte mich mit dem Befehl “Sit!!!” energisch auf dort Platz zu nehmen. Das reichte – ich war doch kein Hund, dem man willkuerlich irgendwelche Befehle gibt. Zu keinen Kompromissen mehr bereit sagte ich “No, I want to sit up there!” und zeigte auf meinen alten Platz. “Sit!!!!!” wiederholte er. Der Station Master schaute aus seinem Buero, sprach zu dem Mann und gab mir mit einer freundlichen, winkenden Geste zu verstehen, dass ich mich getrost dahin setzen koenne, wo ich will. Der Betrunkene lies von mir ab und schenkte nun seine gesamte Aufmerksamkeit den beiden anderen Maennern am Bahnsteig – mir sollte es nur recht sein. Bald fingen sie an zu lachen. Wer weiss was er ihnen alles aus dem Naehkaestchen erzaehlte.
Es laeutete die Glocke – eine Form aus Lehm gebrannt…. Dies bedeutete, dass man sich auf den Weg machen musste, um an die passende Stelle des langen Bahnsteigs zu gehen, um moeglichst direkt vor seinem Wagon, beim halten des Zuges, zu stehen. Die einzelnen Wagons sind nicht miteinander verbunden. Steigt man also in den falschen Wagen ein, kann man erst am naechsten Bahnhof wechseln. Die Zuege sind auch verdammt lang, und man hat keine Zeit alle Wagons abzuklappern.
Der Betrunkene verschwand in einer Tuer, zog sein Hemd aus, setzte eine Art Cowboy Hut, wobei eine Seite nach oben geklappt war, auf und griff nach einen Holzstock. Nun trug er die typische olive-braune Uniform eines staatlich angestellten indischen Beamten. Urploetzlich schien er auch wieder nuechtern zu sein – sofern er denn jemals betrunken war. “Come, I show you.” bot er mir freundlich an ihm zu folgen, um mich zur richtigen Stelle des Bahnsteiges zu begleiten. Er schien wie ausgewechselt. Wir lachten. Es freude ihn mein Cannada zu hoeren und als er meinen Namen vernahm sagte er nur “Like Michael Jackson.” Genau, wie Michael Jackson. Waehrend wir so auf dem Bahnsteig entlang liefen, lies er voellig ungehemmt, in allen moeglich Toenen der Tonleiter, mal lang, mal kurz, mal Sopran, mal Bass, einen nach dem anderen Furz los. Dies schien fuer ihn so selbstverstaendlich wie das Atmen. Unbeirrt, ohne Scham sprach er weiter. Der Zug kam, hielt und wir sprinteten zum richtigen Abteil. Er wuenschte mir noch eine gute Reise. Ich stieg ein. Im Zug konnte ich endlich lachen. Ich hatte es mir in Gegenwart des furzenden Schaffners verkniffen, obwohl dies bei jener Situation fast nicht moeglich war. Wirklich ein komische Typ dieser “Farting Conductor”.

Im Zug nach Hampi
Zugfahren ist in Indien ein kleines Abenteuer fuer sich. Die sogenannte Sleeper-Class ist die wohl am komfortabelste Klasse, mal von den klimatisierten Nobel-klassen abgesehen, und wie folgt aufgebaut. Auf der einen Seite befinden sich Abteile mit jeweils sechs Liegen quer zur Fahrtrichtung. Drei auf jeder Seite uebereinander. An der Decke, zwischen den Liegen befinden sich drei Ventilatoren um die stickige, warme Luft etwas umzuruehren. Auf der anderen Seite des Wagons befinden sich die sogenannten Side-Upper und Side-Lower Liegen. Da es lediglich nur zwei “Betten” sind, welche laengs zur Fahrtrichtung angeordnet sind, hat man, im Gegensatz zu den sechser Abteilen, deren Betten man in Upper-, Middle- und Lower-Berth unterteilt, wenigstens Platz sich hinzusetzen, ohne mit den Kopf anzustossen. Bucht man einen Schlafplatz auf den Middle- und Lower-Berth’s laeuft man Gefahr frueh morgens aus dem Bett geschmissen zu werden, denn die mittlere Liege wird, auf Wunsch, zur Rueckenlehne der unteren Liege herunter geklappt. Auf den Weg zu meinem Platz schlaengelte ich mich an all den Fuessen, Koepfen oder anderen Gliedmassen vorbei, welche in den Flur hinein ragten. An meiner Liege angekommen breitete ich einen Lungi auf ihr aus, um nicht auf der, vom Schweiss getraenkten Unterlage liegen zu muessen. Da es keinen Abstellplatz fuer den Rucksack gab und ich ihn auch nicht unbeaufsichtigt lassen wollte, wurde er kurzerhand als Kopfkissen missbraucht. Ich schluepfte sogleich unter einem zweiten Lungi, welcher als Zudecke diente. Es sollte nicht lange dauern, bis ich einschlief. Die Nacht verlief ohne Vorfaelle. Im Gegensatz zum Bus wurde man hier nicht von Schlagloechern wach gehalten. Durch den neu heranbrechenden Tag wachte ich auf. Ich schaute mich um. So viele Menschen passten in einen Wagon – es war verblueffend. Die Fenster waren vergittert, damit die Verkaeufer, welche auf jedem Bahnhof auf den Zug warten, nicht in die Abteile klettern, um einen Ihre Produkte zu verkaufen. Auch schuetzt dies vor Dieben, welche sonst versuchen wuerden Wertgegenstaende durchs Fenster zu stehlen. Als ich zum Klo ging stellte ich fest, dass die Tueren des Wagons bei voller Fahrt offen standen. Ich erledigte mein morgendliches Geschaeft, schnappte meinen Rucksack und nahm im Tuerrahmen platz. Ein Bein auf der aeusseren Stufe, das andere im Wagon, lies ich mir den Fahrtwind durch’s Haar wehen. Ich kam mir vor wie in jenen amerikanischen Filmen, wo der freiheitsliebende Hauptdarsteller, in einer offen Tuer eines Zuges sitzend, seinen Traum vom Abenteuer beginnt.
Ich wurde angestupst. Ich drehte den Kopf und erblickte die Person, zu welcher die Hand gehoerte, welche mich stupste – oder sollte ich besser “Stumpf’ sagen? Auf den Boden vor mir sass ein Bettler. Hoechstens Anfang zwanzig. Bis auf einen gesunden Fuss war er verstuemmelt. Das linke Bein war kurz ueber dem Knie, die eine Hand am Handgelenk amputiert und der andere Unterarm fehlte komplett. In seine schmutzigen und zersausten Lumpen gehuellt schaute er mich erwartungsvoll an. Mit dem Fuss schob er mir eine Sandale zu, und gab mir zu verstehen, dass ich darin meine “Spende” deponieren sollte. Ich lehnte ab.Wieder stupste er mich an, nicht aufdringlich, nur nach meiner Aufmerksamkeit suchend. Doch ohne es zu wissen, hatte er sie schon laengst, auch wenn ich mich von ihm abwand.
In Indien soll es eine Mafia geben, die arme Leute verstuemmelt, sie bewusst entstellt, um sie dann auf die Strasse zum Betteln zu schicken. Es gibt Geschichten wo Reisende gesehen haben, wie ein Krueppel – sorry fuer dieses Wort, aber mit Behinderung hat das nicht mehr viel zu tun – ohne Beine aus einem noblen Auto an einer Hausecke ausgesetzt wurde. Bei anderen zeigte das Fehlen der Schleifspuren im Boden eindeutig, dass jener entstellte Bettler nicht aus eigener Kraft ihren verformten Koerper zu diesen Platz geschleppt haben konnte. Natuerlich muessen diese armen Seelen das erbettelte an ihre Bosse abtreten und werden mit nur so viel Nahrung versorgt, dass sie den morgigen Tag ueberleben, um weiter fuer sie betteln zu gehen. Wenn man diesen Menschen also etwas gibt, haelt man diese ganze Maschinerie aus Korruption und Brutalitaet am Laufen. Man tut ihnen also nichts gutes, oder? Wie handelt man richtig und was ist falsch? Diese Frage sollte mich noch eineWeile beschaeftigen, als ich immer noch in der Tuer sass und er Bettler sich durch den engen Flur schleppte.
Dennoch ist erschreckend, wie schnell man sich an solche Begegnungen gewoehnt und mit welcher relativer Gelassenheit und Gleichgueltigkeit man solche Szenen beurteilt. Es ist also doch alles nur eine Frage der Gewoehnung.

In Hampi
Nachdem der Zug in Hospet hielt, musste ich noch gute 30 Minuten warten, bis der Schalter zum Kauf eines Rueckfahrtickets oeffnete. Inzwischen wurde ich von einem hartnaeckigen Riksha-Fahrer belagert. Fuer 150 Rs wollte er mich nach Hampi fahren – der Bus kostet jediglich 12 Rs. Fuer Sonntag war der Zug bereits ausgebucht. So war ich “gezwungen” erst am Montag abend zurueck zu fahren. Ich buchte das Ticket und suchte eine Riksha – oder besser gesagt – die Riksha suchte mich. “30 Rs zum Busbahnhof.” – das war diesmal nicht nur doppelt so teuer, wie sie es sonst versuchen, sondern gleich 3 Mal so viel. Aus dem “Lonely Planet” wusste ich, dass ich nur 10 Rs zu bezahlen hatte. Letztendlich siegte meine Hartnaeckigkeit. Am Busbahnhof angekommen, stieg ich sofort in den Bus ein, und ab ging’s. Durch kleine Doerfer und vorbei an alten Ruinen bahnten wir uns den Weg nach Hampi. Der Busbahnhof dort war lediglich ein fussballfeldgrosser Dreckplatz. Von da war man sofort auf dem Hampi-Bazaar. Staende leglicher Art tummelten sich links und rechts von einem. Man lief direkt auf den 50 m hohen, pyramidenfoermigen Eingang des Virupaksha-Tempels zu, in welchem sich einige Frauen zum Verkauf von Bananen tummelten. Am Tempel vorbei fuehrte mich mein Weg durch kleine Gassen, welche mit den verschiedensten Geschaeften geziert waren, zum Fluss. “You wanna fly? Something to smoke?” – “Moechtest du fliegen? Was zum rauchen?” wurde ich freundlich von der Bevoelkerung empfangen. Wirklich gastfreundlich diese Inder – dennoch lehnte ich schmunzelnd ab. Treppen fuehrten den Hang hinunter. Auf ihnen wurden Lungis, Saris, Hemden, Hosen und andere Stoffe ausgebreitet um von der Waerme der Steine und der prallen Sonne getrocknet zu werden. Eins von beiden haette auch gereicht. Einige stellten sich auch, mit ausgestreckten Armen den Stoff haltend in den Wind. Wenn dieser jedoch mal nach lies, fiel der Stoff wieder in den Dreck – aber darueber macht sich hier keiner Gedanken. Mein Blick schweifte ueber die Ufer, ausschau haltend nach einem Boot, welches mich ueber den Fluss bringen kann. Versteckt zwischen Felsen, einen kleinen Tempel als Anlegestelle nutzend wurde ich fuendig. Fuer 10 Rs wurde ich sicher ueber das braune Wasser ans andere Ufer gebracht, an welchem ich mich sofort auf den Weg ins “Shanti”, dem Hotel in welchem Simon und Jenni seit Freitag eingecheckt haben, machte. Der Pfad fuehrte vorbei an unzaehligen Hotels auf der einen und palmengesaeumten Reisfeldern auf der anderen Seite. Schliesslich fand ich es. Bungalow Nr. 24 sollte es sein – verschlossen. Naja, war ja auch etwas frueh dran. Da ich enormen Hunger hatte beschloss ich erst einmal ausgiebig zu fruehstuecken. Ich setzte mich, wie sich herausstellen sollte, zu einem Amerikaner, der genau wie ich in den Florida Keys “The Spiegel”, ein versunkenes Kriegsschiff, betauchte. Angeregt tauschten wir Erfahrungen aus. Ploetzlich erhallten Rufe aus der Rezeption. Simon und Jenni sassen die ganze zeit vorm Computer und surften im Internet. Herzlich umarmten wir uns. Es war schoen die Beiden wieder zu sehen. Danach folgte eine Fuelle von Informationen. Wir verstauten mein Gepaeck im Zimmer und machten uns auf den Weg in die Stadt. Wieder ging es mit dem kleinen Boetchen ueber den Fluss. Am Samstag schauten wir uns ein paar Tempel an, von denen es in Hampi nur so wimmelt. Einer davon war der “Virupaksha-Tempel”, eines der aeltesten Gebaeude der Stadt. Der groesste “gopuram” (pyramidenfoermiger Eingang), welcher um die 50 m hoch war, eben jener der einem sofort nach Ankunft in Hampi in den Blick faellt, wurde 1442 erbaut. 1510 folgte ein kleinerer. Der Hauptschrein im Tempel ist natuerlich Virupaksha, daher ja auch der Name, geweiht, einer Gestalt Shivas. In jenem Tempel wohnte die Elefantendame Lakshmi. Von ihr kann man sich fuer nur 10 Rs segnen lassen. Ein Schnaeppchen, welches wir uns nicht entgehen lassen konnten. Im Tempel selber sprangen unzaehlige Affen umher und rundeten die Atmosphaere ab. Kaum angekommen hatten wir auch sogleich einen Fuehrer. Ohne das wir ihn fragten, fing er an alle moeglichen Fakten herunter zu rasseln. Geld fuer seine Dienste verlangte er am Ende seiner Fuehrung. Dies ist auch typisch fuer Indien. Irgendjemand bietet seine Dienste an und am Ende wird dann nebenbei erwaehnt, das dieser Dienst Geld kostet. Gerade in Tempeln bekommt man einfach etwas erklaert und dann muss man zahlen – schliesslich hat man ja die Dienstleistug schon in Anspruch genommen.
Das interessanteste im Virupaksha-Tempel war ein, auf den Kopf gestelltes Abbild des Eingangs. Nach dem Prinzip einer Lochkamera field as Licht des Turmes durch eine kleine Oeffnung in der Wand und wurde auf der anderer Seite des Raumes abgebildet. Durch weitere Ruinen schlendern verbrachten wir den Tag, welcher mit einem Bier am Abend versuesst wurde. Am Sonntag mieteten wir uns zu dritt eine Riksha fuer 200 Rs, welche uns dann drei Stunden lang von Tempel zu Ruine zu Tempel fuehrte. Das Highlight bildete der sogenannte “Vittala-Tempel”. Folgt man am oestlichen Ende des Hampi-Bazaars einem kleinen Fussweg nach links, kommt man nach 2 km direkt dort an. Der Tempel stammt aus dem 16. Jh.. Hoechstwahrscheinlich began der Bau waehrend der Regierungszeit von Krishnadevaraya – 1509 – 29. Er wurde leider nie fertig gestellt, geschweige denn geweiht. Dennoch bilden seine unglaublichen Skulpturen den Hoehepunkt der Vijayanagar-Kunst. Die aeusseren “musikalischen” Saeulen sollen beim daraufklopfen widerhallen. Leider erreichte mich diese Information zu spaet. Im Hof des Tempels steht ein steinerner, schoen verzierter Triumphwagen, mit einem Bildnis Garudas. Frueher, so sagt man, konnte man sogar die steinernen Raeder drehen. Vom ganzen Kultur-Sightseeing erholten wir uns erstmal mit einer Pizza in einem der unzaehligen touristischen Restaurant – dementsprechend waren hier die Preise.
Bald danach brachen Simon und Jenni wieder auf. Ich begleitete sie zum Busbahnhof.

Aryuvedische Massage
Als Simon und Jenni im Bus nach Hospet gen Horizont verschwanden, schlenderte ich in aller Seelenruhe ueber den Bazaar. Zwangslaeufig kam ich am Buchladen vorbei. Der Besitzer ist ein kleiner Mann mit grosser Brille. Freundlich wie alle spricht er im Gegensatz zum Durchschnittsinder ein fast akzentfreies Englisch. Steckt hinter diesem kleinen, so zerbrechlich wirkenden Mann, der einen kleinen Buchladen in Hampi fuehrt, vielleicht in Gebildeter, ein Genie? Diese Frage werde ich wohl nie beantworten koennen. Irgendwie erinnerte er mich an Mahatma Gandhi – obwohl ich diesen nur aus Buechern und Spielfilmen kenne. Vielleicht ist es seine kleine zierliche Gestalt, seine ueberdimensionierte Hornbrille, seine klare und gewaehlte Ausdrucksweise, sein ruhiges, Sympathie ausstrahlendes Wesen, oder einfach alles zusammen – ich vermag es nicht zu sagen. Jener Mann – Gandhi jr. – lud mich abermals ein, seinen Laden zu besuchen. Ich hatte es ihm versprochen und ausserdem kann ich mich bei Buchlaeden sowieso kaum zurueck halten wenigstens einen kleinen Abstecher hinein zu machen, um nach Buechern zu stoebern und die Zeit zu vergessen. So bog ich ab, zog den Kopf ein – eine Lektion die ich mehrmals an diesem Tag schmerzlich lernen sollte – und betrat seinen Shop. Er war recht uebersichtlich und schnell war meine Entscheidung getroffen – ein Buch um Cannada zu lernen und eine Biographie von Gandhi – diesmal dem Richtigen – in seinen eigenen Worten, sollten es werden. An der “Kasse” nutzte er sogleich die Gelegenheit um mir einen Zettel zu zeigen mit Angeboten Aryuvedischer Massagen. Leider konnte er mir nicht sagen, wieviel eine einfache Rueckenmassage kostet. Doch das Aryurvedische Zentrum sei nur 2 Minuten von hier entfernt. Natuerlich lies er es sich nicht nehmen mich dorthin zu begleiten. Wobei ich nicht weiss ob dies aus dem Grund geschieht um wirklich sicher zu sein, dass man am richtigen Ort ankommt um seine Geldboerse zu erleichtern oder aus reiner Freundlichkeit. Wahrscheinlich ist es wie immer eine Mischung aus beidem. Als wir dort ankamen war die Tuer verschlossen. Die Frau sei beim Mittag. Ich versicherte Gandhi jr. spaeter wieder zu kommen. Er unternahm noch einen letzten Versuch um sicher zu stellen, dass ich auch wirklich eine Massage in Ansopruch nehmen wuerde, und fuehrte mich zu dem vermutlichen Platz, an welchen die Frau Mittag zu machen schien – keine Spur. Ein Junge vom Chai-Stand gegenueber kam zu uns gelaufen und meinte ich sollte lediglich zehn Minuten warten. Ich wollte nicht warten. Ich erzaehlte beiden, mich spaeter im Zentrum zu melden.
Nach verstrichener Zeit lief ich wieder den Hampi Bazaar entlang. Wieder am Buchladen vorbei, und obwohl ich den Weg bereits kannte, begleitete mich Gandhi jr. zum wiederholten Male. Dies bestaetigte meine Theorie, dass er tatsaechlich seiner Mitbuergerin zu einem Geschaeft verhelfen wollte. Doch dieser Gedanke konnte sich beim Anblick dieses so liebenswuerdigen Menschens nicht festigen. Das Zentrum stellte sich als ein kleiner, dunkler Raum, mit zentraler Liege, welche mit einem einladenden Plastikueberzug versehen war, heraus. Das einzige, was ich wollte war eine nette, halbstuendige Ruecken-Schulter-Massage. Leider gestaltete sich die Verhandlung etwas schwierig. Die gute Frau rief die Nachbarin zu Hilfe, mit welcher ich 200Rs / 4 Euro fuer 30 Minuten aushandelte. Die kleine Holztuer wurde geschlossen, das Fenster, welches eine letzte Hoffnung auf Licht war, wurde verriegelt und eine kleine Rotlichtlampe begann ihren Dienst anzutreten. Ploetzlich war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich im richtigen Etablissement war. Betrachtet man jedoch die soziale Distanz, die Abgegrenztheit, welche in Indien zwischen Maennern und Frauen besteht, so macht diese Atmosphaere durchaus Sinn. Maenner duerfen Frauen auf der Strasse nicht ansprechen und Frauen duerfen in der Oeffentlichkeit auch keinen Mann anschauen Selbst Paerchen ist es untersagt auf der Strasse Haendchen zu halten, geschweige denn sich zu kuessen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist diese Atmosphaere durchaus berechtigt. Man vermeidet die peinlichen Momente, das Unwohlsein welches fuer eine indische Frau aufkommen wuerde, wenn Sie einen Mann anschaut, und dieser dann dazu noch halb entkleidet ist. Sie zupfte an meinem Hemd und gab mir so zu verstehen dieses auszuziehen. Ich kam ihrer Aufforderung nach und nahm auf der Liege platz. Sie war zu weich. Man versank foermlich in der, mit Plastikfolie ueberzogenen, Matratze, so dass der Kopf in einer unangenehmen, ueberstreckten Position zum Liegen kam. Ich drehte ihn zur Seite, um wenigstens etwas Luft zu bekommen. Doch sogleich wurde ich korrigiert, und mein Gesicht in die Unterlage gedrueckt – es roch penetrant nach Plastik. Sie begann am Kopfende stehend, meinen Ruecken entlang zu streichen – der uebliche Beginn einer Massage. Da sie so klein und ich so gross war, musste sie sich stark nach vorne ueberbeugen, um auch den unteren Teil meines Rueckens zu erreichen. Ihr Bauch kam auf meinem Hinterkopf zum Liegen und presste mich nun foermlich in die Unterlage. Doch damit nicht genug – schliesslich kam das gesamte Gewicht ihres Oberkoerpers auf mir zum Liegen – ich drohte zu ersticken. Ich hatte Glueck – schon bald wurde mein Kopf wieder zur Seite gedreht.
Die Massage war nichts besonderes. Viel Oel, Streichungen, bei denen ihre Fingernaegel mich immer wieder kratzten, ein paar Knetungen im Schulterbereich, bei welchen Sie regelmaessig abschnappte und das war’s. Teilweise unsymmetrisch wiederholte Sie scheinbar ohne logischen Aufbau ihre Techniken.
Irgendwann wurde ich auf einen Stuhl umgelagert. Sitzenderweise, ohne entspanntes Anlehnen ging es munter weiter. Nachdem Sie mir ein wenig auf dem Ruecken rumtrommelte, und penibel darauf achtete auch ja nicht meine Wirbelsaeule auszulassen begann Sie mite in paar Dehnuebungen fuer meinen Kopf. Mit einer schnellen, ruckartigen Drehbewegung zur Seite beendete Sie den sitzende Teil der Massage. Dies erinnerte mich an jene Actiofilme, wo der Held die gegnersichen Wachen mit der gleichen Technik ausschalet, und diese leblos zu Boden sacken – ich ueberlebte ihren klaeglichen Versuch, wahrscheinlich nur, weil ich zu verkrampft da sass, und wurde wieder aufgefordert auf der Liege platz zu nehmen. Diesmal auf den Ruecken liegend, was mir etwas seltsam vorkam, hatte ich doch eine Rueckenmassage bestellt. Sie bearbeitete meine Chakras – sogenannte Energieballungszentren des Koerpers. Als ich schon kurz vor’m wegschlummern war wurde mein gesamter Koerper wieder in die Unterlage gepresst. Diesmal jedoch vom gesamten Koerpergewicht der Frau, welche gerade damit beschaeftig war auf die Liege zu klettern um es sich auf mir gemuetlich zu machen. Ich war wie gelaehmt als Sie auf mir zum Liegen kam. Ihr Gesicht konnte ich wegen des roten Lichtes nur Schemenhaft erkennen, jedoch der Fakt, dass es nur eine Handbreit ueber mir drohnte war erschreckend. Ihr aufgesetztes Laecheln gab ihre gelben Zaehne preis. “Sorry mam, just a massage” – “Verzeihung, bloss eine Massage” stammelte ich – und ohne wiederrede kletterte Sie von mir herab. Vielleicht fuehlte Sie sich durch meine Aufforderung genauso erleichtert wie ich.
Ich dachte an die wahrscheinlich hohe Anzahl an Kinder, welche diese Frau schon geboren hatte – Verhuetung ist in den Doerfern noch weitestgehend unbekannt – und Sie erschien mir als eine verzweifelte, liebende Mutter, welche vielleicht ihre Kinder gern studieren sehen wuerde. Eine zu romantische Vorstellung? – Vielleicht.
Sie massierte mir noch ein wenig den Ruecken, dann waren die dreissig Minuten vorbei. Ich zog mich an, kramte die 200 Rs zusammen und gab ihr das Geld. Natuerlich vollfuehrte Sie die uebliche Geste – alle Fingerkuppen einer Hand beruehrten einander und wurden immer wieder zum Mund gefuehrt – “Ich moechte Geld fuer Essen. Gib mir mehr Geld.” Soll diese Geste bedeuten. Ich verneinte. In einer komplizierten Abfolge von Beruehrungen des Tisches, Buecher, Statue, Kuss des Geldes und Hand auf’s Herz – verabschiedete Sie mich. Endlich zurueck im Licht, lief ich zureuck zum Hotel. Gedanken schossen durch meinen Kopf. Wieviele Maenner Sie wohl schon massiert hat und wieviele wohl weitere Dienste von Ihr in Anspruch genommen hatten? – waren nur einige davon.
Im Hotel angekommen hatte ich das dringende Beduerfniss mich erstmal gruendlich zu waschen – woraus eine Zeremonie von drei Waschgaengen wurde – sicher ist sicher.
Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, glaube ich auch zu verstehen, was Gandhi jr. meinte, als er sagte “She’s doin a good massage. You will feel refreshed and relaxed.” – “Sie kann wirklich gut massieren. Danach wirst du dich erfrischt und entspannt fuehlen.” Er kann nicht ernsthaft ihre Qualitaeten als Masseuse gemeint haben. Wusste er, dass sie noch einiges mehr im Programm hat? Hat dieser kleine sympathische Kerl mich bewusst an eine Prostituierte vermittelt? Auf den Weg zum Hotel sprach mich der Junge vom Chai-Stand an – “Sir, she’s waiting for you. Massage.” – “Sie wartet auf dich-Massage” – ich erklaerte ihm, dass ich soeben von ihr kam. Wusste auch er – dieser hoechstens 15 jaehrige Chai-Verkaeufer - bescheid? Langsam beschlich mich das Gefuehl, dass alle Inder sich gegen die Touristen verschworen hatten. Die reichen Weissen, von denen kann jeder ein Stueck abhaben. Wenn ich ihm nichts verkaufen kann, dann vielleicht mein Nachbar, mein Freund – vielleicht koennen Sie dem Weissen etwas Geld abknoepfen. So hilft einer dem anderen. Aber doch nicht mein Mr. Gandhi jr. – oder doch? Vielleicht stell ich ihn noch zur Rede.
Es war eben einer jener Erfahrungen, die einem irgendwann zu Gute kommen. Ich bezahlte 200 Rs, doch gewann eine wichtige, unbezahlbare Erfahrung – sei stets wachsam.
Wenn ich arm waere, und muesste mit anschauen wie Europaer, mit Schuhen, Hemden, Taschen, Kameras, welche alle einzeln schon mehr Wert sind, als ich in ein paar Monaten verdiene, so wuerde ich auch meinen Stolz vergessen und alle Register des Moeglichen ziehen um ein Stueck vom Kuchem ab zu bekommen - Prostitution ist nur eine Moeglichkeit.

Die letzte Geschichte aus Hampi dreht sich um:

Der Bettler dessen Name ich vergessen hab
Nachdem ich mich also mehr als erfrischt hatte, lief ich zum Tempel. In seiner schuetzenden und mysthischen Atmosphaere wollte ich meine Gedanken zu Papier bringen. Im Innenhof, auf einer Treppe vor einem kleinen Altar des Affengottes Hanuman, lies ich mich nieder – die Schuhe hatte ich dabei natuerlich ausgezogen. Tempel und andere heilige Staetten, dazu zaehlt auch das Delta des Ganges, duerfen unter keinen Umstaenden mit den schmutzigen Schuhen betreten werden. Fuesse im allgemeinen ist fuer die Inder wohl das Ekelerregenste was es gibt. Ein Wunder eigentlich, denn wagt man einn Blick in so manche Kueche wuerde man zu anderen Schluessen kommen. Die groesste Beleidigung, welche man einem Inder entgegenbringen kann, ist es, ihn mit einer Sandale zu hauen – dem schmutzigsten, mit Dreck besudelsten Gegenstand, den es hier gibt.
Dieser Glaube macht durchaus Sinn. Stellt euch vor Ihr waert ein Priester im alten Indien, wo Goetter noch in den Tempeln wohnen. Ihr gehoert zu den wenigen Gebildeten des Kontinents, ihr koennt schreiben, lesen und besitzt vielerlei Wissen. Wie heute auch noch, wurde schon damals, und sogar noch mehr, jegliche menschlichen Beduerfnisse auf der Strasse erledigt. Faehrt man im fruehen Morgen durch die Strassen kann man Kinder beobachten, welche frei von jeglicher Scham – Kinder eben – auf die Strasse kacken. Aus dem Bus heraus beobachtete ich einen kleinen Jungen, welcher eine Saeule vom Boden bis zum Hintern reichend auf der Strasse deponierte. Die Erwachsenen sieht man mit ihrem kleinen Wasserbehaelter schamvoll - Erwachsene eben - auf's Feld oder hinter einen Busch verschwinden. Jeglicher Muell landet auf der Strasse. Schuhe traegt nicht jeder. Und tatsaechlich – aus diesem Grund sind Fuesse in Indien tatsaechlich wohl das schmutzigste was es gibt. Um nun meine ungebildeten Glaeubigen vor Krankheiten zu schuetzen, wuerde ich auch behaupten, dass Schuhe einfach unheilig sind. So wird die Religion zum wichtigen Instrument der Krankheits-Prophylaxe. Genau das gleiche passiert mit den Raeucherstaebchen. Sie werden als komplett rein angesehen – und das sind sie auch. Schliesslich vertreiben sie Muecken und anderes Ungeziefer. Wird man als Glaeubiger angehalten jeden Abend eine Puja – ein kleines Gebet – fuer die Goetter abzuhalten, so stellt man sicher, dass in jedem Haushalt Weihrauch verbrannt wird und somit eine ruhige, mueckenfreie Nacht bevor steht. Aber zurueck zur Geschichte.
Als ich also auf den Stufen sitzend, meine Gedanken nieder schrieb, kam ein Junge, etwa 13 bis 14 Jahre, mit nur einer Kruecke und scheinbar fehlendem Fuss, seine Hose bedeckte den vermeintlichen Stumpf, auf mich zu gehumpelt. In Gedanken formte ich bereits die Worte “Beda” – Cannada fuer “Nein”, denn ich vermutete, dass er mich gleich nach Geld fragen wuerde. Doch ich irrte. Er sah mich mit meinem Buch dasitzend, in Gedanken gehuellt und er fragte in gutem Englisch – “Drawing?” – “Mals Du?”. “No, just writing.” – “Ich schreibe nur.” Antwortete ich, und zeigte ihm als Beweis die Seite. “Nice handwriting.” – "Schoene Handschrift.” – wenn das meine ehemaligen Lehrer hoeren koennten. Er verschwand. Die Sonne ging unter und huellte die 50m hohe Eingangspyramide in ein sanftes Rosa. Ich steckte das Buch weg und aenderte meinen Standort, einem, von welchem ich ein gutes Photo schiessen konnte. Ich baute mein Stativ auf, montierte die Kamera und stellte einen schoenen Winkel ein – und da war er wieder – der Junge. Er beobachtete mich, setzte sich neben mich auf die Treppe und laechelte mir zu. Wir unterhielten uns ein wenig auf Cannada und dann wieder Englisch.
Er erzaehlte mir von seiner Familie, die 100 km entfernt wohnt, einem Autounfall und das er allein sei. Ich vermutete, dass diesmal bestimmt die naechste Frage nach ein wenig Geld sein wuerde – nichts geschah. Schnell packte ich mein Stativ ein - irgendwann ist man es leid immer wieder "Nein" sagen zu muessen - verabschiedete mich mit der Halbwahrheit ich muesse zum essen gehen. “Can I come?” – “Kann ich mit?” – “No, I’m meeting some friends.” – “Nein, ich treffe mich mit Freunden.” log ich.
“Okay.” sagte er mit einem, in keinster Weise enttaeuschten Laecheln. Auf halben Wege ueber den Innenhof hielt ich an, um ein letztes Photo vom Sonnenuntergang zu schiessen. Da kam er wieder – in meine Richtung. Doch er verfolgte mich nicht – wir laechelten uns zu und er ging einfach weiter. Irgenwie beruehrte er mein Herz. Er schien gebildet und clever zu sein. Doch, was mich am meisten beeindruckte – er fragte nie nach Geld. Auch wenn es naiv ist, so moechte ich doch daran glauben, dass er aufrichtig an mir interessiert war, meine Naehe suchte, um einfach durch ein nettes Gespraech seinem Alltag zu entfliehen, ein wenig Englisch zu ueben oder jemand seine Geschichte mitzuteilen um fuer nur einen kurzen Augenblick etwas Aufmerksamkeit, nach der jeder Mensch strebt, zu erhalten. Vielleicht wollte er nur eine kurze Auszeit nehmen, bevor er die anderen Touristen wieder nach Geld fragen wird.
Gerade wegen diesem nicht-fragen, nicht-betteln, nicht-aufdringlich sein – haette ich ihm Geld gegeben, ihn zum Essen einladen sollen.
Vielleicht verpasst man durch sein antrainiertes Misstrauen ein paar wichtige und schoene Momente, welche das Leben einem bietet. Man beraubt sich Freundschaften, einem Laecheln oder einem gluecklichen Moment. So stellt sich die Frage, was moechte man? Moechte man durch Misstrauen die wenigen Menschen strafen bzw. Missachten, welche es gut mit einem meinen, oder durch zu viel Vertrauen auf alle Betrueger reinfallen um eben jenen gut beseelten Menschen gerecht zu werden?
Dazu faellt mir nur Buddha ein: “Meide die Extreme – waehle den mittleren Weg.” Ich hoffte am naechsten Tag noch eine zweite Chance zu erhalten. In Gedanken dankte ich dem Jungen, dem Bettler, dessen Name ich vergessen habe, fuer diese Lektion. Und insgeheim stellte ich mir vor, dass er ein, als Bettler verkleideter Buddha war – woher sonst sollte er eine solche Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, in seinem Leid.

Und die Moral von der Geschicht...
Ich stellte weder Gandhi jr. zur Rede - man sollte nicht in einem klaren Teich wuehlen, es wuerde ihn nur trueben. Keine Gewissheit zu haben ist manchmal besser, so bleibt einem die Moeglichkeit der Phantasie und Mr. Gandhi jr. wird mir immer in guter Erinnerung bleiben.

Auch sollte ich den Bettler, dessen Namen ich vergessen hatte nicht wieder sehen. Manche Momente sollte man einfach erkennen und nutzen - sie kommen nicht wieder.

So ging das schoene Wochenende Hampi seinem Ende entgegen. Im Zug traf ich noch 4 Backpacker, einen Deutschen - wir studierten zur gleichen Zeit an der TU Dresden -, 2 Daeninnen und eine Spanierin. Irgendwie beneidete ich sie und wuenschte mich in die Zeit zurueck, als ich als Backpacker durch Australien ziehen konnte. Bleiben solang man will und wo man will - sich nicht festlegen, sondern einfach treiben lassen - ich sehnte mich danach und schlief ein.