Samstag, 29. November 2008

Impressionen eines Tages

Ohne Ziel schnappte ich mir meine Kamera und lief einfach die Strasse entlang. Und das kam dabei raus.....










Mittwoch, 26. November 2008












Tirupthi and Tirumala
Der Rucksack ist gepackt – alles steht bereit. Es ist 23 Uhr und in einer Stunde geht mein Bus. Die ganze Woche rede ich von nichts anderem mehr, Schon unzaehlige Anlaeufe sind wie Seifenblasen vor meinen Augen geplatzt. Doch nicht diesmal. Morgen werde ich in Tirupathi ankommen, um im „Venkateshwara-Tempel“ den „darshan“ – den Anblick des goettlichen – zu geniessen, ganz oben auf dem Huegel von Tirumala. Es is eines der bedeutensten Pilgerzentren in ganz Indien, vielleicht sogar der ganzen Welt – zumindest von der uns bekannten. Betrachtet man die Anzahl der Besucher, so soll der Venkateshwara-Tempel Rom, Jerusalem und Mekka bei weitem uebertrumpfen, denn dort tummeln sich zu keiner Zeit weniger als 5000 Pilger. Im Schnitt sollen 40.000 Pilger pro Tag den Tempel aufsuchen und manchmal explodiert diese Zahl sogar auf 100.000. Wen wird es dann noch verwundern, dass allein schon 12.000 Menschen zum Tempelpersonal gehoeren. Und an diesem Wochenende werden sie 39.999 Pilger plus einen Auslaender – das waere ich, denn eigentlich verirrt sich kaum ein Backpacker an diese Staette – ins Zentrum des Tempels fuehren.
In diesem Leben gibt es keine Gewissheit – lehrte schon der Buddha vor ueber 2.500 Jahren. Nirgendwo wird man ihm schneller zu dieser Erkenntniss beipflichten als hier in Indien. In letzter Sekunde kann sich hier – nein, wird sich hier alles aendern und alle Plaene ueber den Haufen geworfen. Doch in Wirklichkeit gibt es tatsaechlich zwischen all diesen Variablen, der Unberechenbarkeit und der Veraenderung - besonders der von Reiseplaenen - eine Konstante. Eine, die wie der Name schon sagt, sich wohl nie veraendern wird. Ich nenne sie der Einfachkeithalber einfach mal – die variable Konstante, die Gewissheit mit der eine Veraenderung eintreten wird, die Gewissheit, dass es keine Gewissheit gibt. Sie sorgt mit Sicherheit dafuer, dass nichts so kommt, wie es urspruenglich gedacht war. So sollte es mich nicht weiter ueberraschenn, was es dennoch tat, dass es Kumar, zu jener besagten Zeit – 23 Uhr, eine Stunde vor Abfahrt des Busses – einfiel, nachdem ich die ganze Woche davon gesprochen hatte, dass ich den falschen Bus nehmen wuerde. Wie jetzt, falscher Bus? Extra habe ich zweimal nachgefragt. Der Bus nach Tirupathi sollte Punk 0 Uhr von Gauribidanur aus starten. Letztendlich war alles ein einfaches Missverstaendnis. Anstatt den Bus NACH, verstanden die Inder VON Tirupathi. Die Zeit stimmte also, nur fuhr der Bus in die falsche Richtung. Jetzt hiess es wiedermal schnell umplanen. Das Problem lag darin, dass in Gauribidanur nicht allzu viele Direkt-Busse nach Tirupathi fahren. Dies waere der einzig zeitlich guenstig gelegene Bus gewesen. Also blieb mir keine Wahl, als den Umweg ueber Bangalore zu waehlen. Und von dort einen der unzaehligen Busse zum heiligen Huegel abzupassen. Wie es der Zufall so will, musste Kumar ebenfalls am fruehen Morgen nach Bangalore. So war auch das Problem rasch geklaert, wie ich frueh um 5 rechtzeitig zur 6km entfernten Bushaltestelle gelange. Noch schnell 5 Stunden Schlaf abgefasst und dann trieb es uns hinaus in die leeren, nur vom Nebel besiedelten Strassen. Es war noch dunkel und die Sonne wuerde wohl noch eine gute halbe Stunde benoetigen um am Himmel empor zu klettern. Am Strassenrand hockten eingehuellte Gestalten um ihre Notdurft zu verrichten, denn ein Klo kennen hier nur die wenigsten. Es blieb mir jedoch schleierhaft, ob sie sich wegen der Kaelte einhuellten oder aus Scham, einem Greifen nach ein Stueck Privatsphaere – denn wer laesst sich schon gern beim kacken zuschauen (hierbei moechte ich keinem zu Nahe treten, sollte es einige geben die diese Form des Exibitionismus praktizieren, so sollen diese nicht den Eindruck haben, dass ich mich hier ueber sie lustig mache). Die ersten Bauern trieben ihre Kuehe, Ochsen und Wasserbueffel auf die Felder und sogar eine Gruppe Schulkinder machte sich fein saeuberlich in Reih und Glied auf den Weg. Die Bushaltestelle – welche jediglich eine allgemein anerkannte und fuer Einheimische bekannte Stelle am Strassenrand darstellt – lies sich leicht ausmachen. In der typisch indischen Sitzhaltung – Fuesse etwa schulterbreit auseinander und das Gesaess locker dazwischen schwingend – in Decken gehuellt hockten sie alle auf einem Haufen. Kondensierte Luft stieg von ihrem Atem in die frische Morgenluft.
Die Fahrt nach Bangalore war unspektakulaer, und dies aus zwei Gruenden: erster Grund – weil nichts passierte. Zweiter Grund – falls doch was spannendes passierte, sollte ich es nicht mitbekommen, da ich schlief – nun ja, vor mich hindoesen triffts wohl besser, bei dem geholper. Fuer die Fahrt brauchten wir jediglich eineinhalb Stunden. Normal sind zweieinhalb, doch unser Fahrer peitschte den Bus nur so durch die leeren Strassen. Nahtloas wechselte ich von einem Bus in den naechsten und schlief weiter. So kam ich gegen 15 Uhr relativ ausgeruht in Tirupathi an. Der Regen hatte schon vor einer ganzen Weile eingesetzt und verwandelte den Busbahnhof in einen befahrbaren Swimmingpool. Trotz des herabfallenden Nass’s klapperte ich verschiedene Lodges ab – doch alle Einzelzimmer waren ausgebucht. So entschied ich mich letztendlich fuer das geringste Uebel, nachdem unzaehlige Betrunkene versuchten mich in jene Hotels zu locken won welchem sie wahrscheinlich eine laecherliche Provision kassierten – es grenzte schon fast an Belaestigung und nicht wenige boese Blicke durchbohrten meinen Ruecken als ich nicht in das gewuenschte Etablissement ein-checkte. Ich packte aus, bezog mein Bett und machte mich auf, meine neue Umgebung zu erkunden. Mein Weg fuehrte mich vorbei an unzaehligen Chai-Staenden, wo ich nur den wenigsten widerstehen konnte, an Tempeln und gemuetlichen Maerkten mit einladendem Flair.
Jedesmal wenn ich diese Maerkte besuche beneide ich all unsere Grosseltern. Es ist nicht wie in einem Supermarkt, wo man sein abgepacktes Obst und Gemuese auf eine elektrische Waage stellt und ein Etikett bekommt. Es ist mehr. Es ist soziale Kontakte pflegen, seinem Lieblingshaendler einen Besuch abstatten, sich von den natuerlichen Dueften verzaubern lassen, die Qualitaet der Gemuese im Mondschein pruefen und nicht im Neonlicht. Hier pappt noch Dreck an der Kartoffel, die einem vor Augen fuehrt, dass diese waechst und gedeiht und nicht in Fabriken hergestellt wird. Kurz um – ich liebe diese Maerkte aufgrund ihrer Natuerlichkeit. Oder wem hat schon einmal die nette Verkaeuferin an der Kasse einen Kohlkopf extra in die Tuete gepackt, nachdem man sich bei einer Tasse Tee mit ihr stundenlang unterhalten hat? Ein Markt ist Treffpunkt des Dorfes, die Grenze zwischen Verkaeufer und Kaeufer ist fliessend. Dieses romantische Flair verschwand mit der Generation unserer Grosseltern und machte Platz fuer sich elektronisch oeffnende Supermarkt-riesen in denen zu jeder Jahreszeit ein konstantes Klima herrscht.
Es sind diese kleinen Momente die einen Indien lieben lassen und meine Theorie bestaetigen, dass Geld im Leben nicht gluecklich macht sondern der Zusammenhalt, die Geborgenheit einer Gemeinschaft. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Waehrend ich so durch die Stadt traeumte setzte ab und an Regen ein. Wie sollte es auch anders sein, als das mein Regenschirm in meinem Zimmer lag – ein herzliches Dankeschoen an die variable Konstante. So verging der Abend und nach einem ausreichendem Mal legte ich mich schnell schlafen. Gut ausgeruht wollte ich mich unter die Pilger mischen. Doch machte ich die Rechnung ohne – wie aufmerksame Leser sicherlich schon ahnen werden – die variable Konstante. Zuerst von Muecken heimgesucht – an dieser Stelle sei der Verdacht geaeussert, dass dieses ganze Malaria-Gerede eine pure Panikmacherei ist. Am Morgen zaehlte ich 10 Stiche an einer Hand, die am Arm, Fuss und Ruecken nicht mitgezaehlt und das in einer hoch gefaehrdeten Region. Glaubt man den Aerzten so muesse man schon nach einem Stich die 50 Euro Tabletten schlucken – aber ich will mich mal lieber nicht soweit aus dem Fenster lehnen, denn Hochmut kommt bekanntlich vor dem Sturz. Jedenfalls war es zu keiner geringeren Stunde als 3.34 am Morgen als mir das Blut in den Adern gefrohr. Der Grund war ein klingel – nicht weiter schlimm, aber es war an meiner Tuer. Zuerst dachte ich „Okay, verwaehlt, Lichtschalter gesucht und daneben gegriffen – doch dabei sollte es nicht bleiben. Es klingelte wieder – und wieder – und zu dem Klingen der Glocke gesellte sich ein Klopfen. Noch nie zuvor war ich so hellwach. Meine Augen weit aufgerissen, den Puls im Hals spuehrend und mit zitternden Knien stand ich wie angewurzelt im Zimmer. Von der Strasse her war kein Geraeusch zu hoeren. Von dort konnte ich also im Falle eines Falles keine Hilfe erwarten. Ich war auch mich allein gestellt. Das Klingeln wurde immer energischer, das Klopfen heftiger. Es gab keinen Zweifel mehr – jemand oder mehrere befanden sich vor meiner Tuer und versuchten in mein Zimmer zu gelangen – wohlgemerkt um halb vier Uhr morgens. Das es sich dabei um den Zimmerservice handeln sollte war ein letzter hoffnungsvoller Gedanke der sich soeben verfluechtigte. Horrorgeschichten von Backpackern schossen mir durch den Kopf und Angst lies meinen Puls auf Maximalwerte ansteigen. Adrenalin schoss in meine Blutbahn und die Muskeln gewannen an Spannung. Was tun? Es ist wohl klar, dass „Tuer oeffnen“ keine der gewuenschten Optionen war. Ich schlich zur Tuer. Mittlerweile klopfte es auch am Fenster, welches sich gleich daneben befand und gluecklicherweise von aussen vergittert war. Ich schob den zweiten Riegel in seine Verankerung und konrollierte den Ersten. So sicher mir das Zimmer schien – Gitter vor den Fenstern, zwei Riegel an der Tuer – so beaengstigend kam es mir nun vor. Sollte sich dieser Jemand tatsaechlich gewaltsam Zutritt verschaffen war es eine perfekte Falle – kein Auswegm keine Versteckmoeglichkeiten. Schon bald war ich mir nicht mehr so sicher, ob die zwei Riegel den Attacken standhalten wuerden, denn nun wurde heftigst an der Tuer geruettelt. Das Klingeln und Klopfen an Fenster und Tuere vermischte sich mit wuetend klingendem indischen Gemurmel – oder war es ein Fluchen? Wut und Aggression drang durch die Ritzen von Aussen in mein Zimmer. Meine Sinne waren hell wach. Nicht wissend was vor sich ging hatte ich die Hosen gestrichen voll. Die Uhrzeit der Stoerung und die aggressive Art und Weise der Versuche die Tuer aus den Angel zu heben liesen keine Frage ueber die Absichten meines Besuchers offen – Ueberfall. Wie ich schon anfangs erwaehnte gab es hier viele Betrunkene, viel Armut und kaum Auslaender. Wen verwundert es also, dass ein Europaer gespickt mit schickem Rucksack und teurer Kamaera DIE Loesung fuer alle finanziellen Familiensorgen darstellt.
Sollte die Tuer nachgeben musste ich schnell handeln. Angriff war die beste Verteidigung und der Ueberraschungseffekt war auf meiner Seite. Nicht umsonst hatten meine Eltern mir 7 Jahre Karate-Unterricht ermoeglicht und nicht umsonst hatte ich mich einmal fuer die Deutsche-Meisterschaft qualifiziert. „Wer kaempft kann verlieren, wer nicht kaempft hat schon verloren.“ – diese mutig klingenden Worte klangen alles andere als beruhigend. Ich entschloss mich dazu mein Bett vor die Tuer zu schieben um diese zusaetzlich zu verrammeln.
Das ganze Spektakel dauerte ca. zehn Minuten. Gefuehlt handelte es sch hierbei jedoch um Stunden. Das schlimmste war die Unwissenheit. Was will der von mir? Oder sind es sogar mehrere? Wie lang wird das so weiter gehn? Komm ich hier heil aus der Sache raus?
Ploetzlich - Stille. Neue Fragen kamen auf – Wird jetzt Verstaerkung geholt? Soll ich einen Blick vor die Tuer riskieren (diese Frage wurde sehr schnell und sehr stark von meinem Unterbewusstsein mit einem klaren „Nein“ eantwortet). Ich fixierte das Bett so gut es ging vor der Tuer und legte mich wieder hin. Fuer die naechste halbe Stunde war ich unfaehig zu schlafen. Doch es gibt wohl nichts was mich vom schlafen abhalten sollte – und so schlummerte ich mehr oder weniger gut ein. Was hatte die variable Kontante noch alles mit mit vor?
Der Rest der Nacht verlief – von den Muecken einmal abgesehen – ruhig. Dennoch schob ich nur widerstrebend und vorsichtig am naechsten Morgen das Bett zur Seite und spaehte den Korridor entlang.
Ich hatte bereits schon ein Ticket und so ging es direkt nach dem Fruehstueck zum Busbahnhof. Unzaehlige Busse fahren hier zum Tempel um dem Ansturm der Pilger gerecht zu werden, welche Venketeshwara sehen moechten. Dieser Reinkarnation Vishnus werden naemlich allerlei Faehigkeiten zugesprochen. Die wohl beliebteste ist jene, Wuensche wahr werden zu lassen. Dieser muss vor dem Abbild der Gottheit geaeussert werden. Um ihrem Wunsch etwas Nachdruck zu verleihen und dessen Wichtigkeit zu unterstreichen, bringen viele Pilger ihr Haar als Opfergabe dar. Auf dieseWeise wollen sie sich auch fuer einen bereits erfuellten Wunsch bedanken oder ihrer selbst entsagen. Aus diesem Grund soll ein ganzes Heer von Friseuren die Pilger begleiten – leider hab ich davon nichts mitbekommen. Doch sieht man unzaehlige von Glatz-Koepfen in Tirupathi sowohl als auch in Tirumala, egal ob Mann, Frau oder Kind. Alles war jedoch wohl organisiert. Serpentine um Serpentine schlaengelten wir uns den Berg empor. Ein Stueckchen blauer Himmel lies am Morgen auf einen sonnigen Tag hoffen, doch schon bald befanden wir uns wieder, umgeben von Wolken. Was liegt da wohl am naechsten, als sich bei Ankunft ersteinmal mit einem Chai aufzuwaermen und die Massen auf sich wirken zu lassen. Aus dem LP wusste ich, dass bei einem gewoehnlichen „darshan“ mehrere Stunden in einem Metallkaefig, eingequetscht wie in einer Sardinenbuechse zubringen wird. So taten mir die 100 Rs. (2 Euro) nicht weiter weh, die man fuer ein VIP-Ticket bezahlen musste, um die Wartezeit erheblich zu verkuerzen. Ja, auch Goetter kennen Very Important People. Von Geschaeft zu Geschaeft hangelnd fragte ich mich bis zum Ticket-Schalter durch. Die Atmosphaere, welche vor diesem herrschte ist wohl am besten mit den Woertern gespannt und aggressiv zu beschreiben. Nicht umsonst hatten drei Polizeibeamte alle Haende voll zu tun die aufgebrachte Menge im Zaum zu halten – Mischa mittendrin. Doch wie immer gibt es eine gute Seele die einen weiterhilft. Auch in diesem Fall sollte sie nicht lange auf sich warten lassen. Alles andere haette mich auch verwundert an einem so goettlichen Platz. Wenige Minuten spaeter haendigte ich dem zur Hilfe herbeigerufenen Polizeibeamten meinen Reisepass aus – mit welchem dieser in der Menge verschwand. Boeser Fehler dachte ich, doch zu unrecht. Mit dem Antragsformular kam er zurueck. „Hab etwas mehr Vertrauen in die Menschen.“ – scholt ich mich. Ja, fuer VIP-Tickets gibt es ein Antragsformular, in dreifacher Ausfuehrung bei niederen Goettern puenktlich zur Apokalypse einzureichen. Der hilfsbereite Polizist half mir wieder beim ausfuellen und schlaengelte sich sogar an den Massen vorbei, nachdem ich ihm die 100 Rs. in die Hand gedrueckt hatte. So kam ich ohne Probleme zu meinem Ticket. Doch damit nicht genug. Im Tempel ist stricktes Verbot fuer alle elektronischen Geraete und Kameras. So wurde ich gleich noch zur kostenlosen Gepaeckaufbewahrungsstelle gefuehrt und nochmals an den Massen vorbei gleich zum Schalter geleitet – perfekt.
Aus diesem Grund war es mir leider versagt euch die beeindruckende Atmosphaere in Bildern etwas naeher zu bringen. So muss ich es mit Worten versuchen, doch ich habe die Befuerchtung, dass diese nicht ansatzweise dem erlebten gerecht werden.
Zum dritten Male wurde ich unter polizeilichen Schutz zum VIP-Eingang geleitet. Vorbei an dem ewig langem Metall-Tunnel in welchem Pilger schon unzaehlige Stunden zubrachten und noch nicht einmal dem Eingang des Tempels nahe waren. Ein schlechtes Gewissen ergriff mich, als ich ihre neidischen Blicke spuehrte, die sie mir zuwarfen. War es ihnen versagt, sich das teure Ticket zu kaufen, so konnte sich dieser „reiche“ Nicht-Glaeubige einfach vorne anstellen. Die Freude der Inder war unbeschreiblich – wie kleine Kinder huschten Erwachsene in angeregten Rennen an mir vorbei, immer wieder die Worte „Gowinda“ rufend. Dies war der Name des Gottes wie ich spaeter erfahren sollte. Doch nach schon wenigen Metern war Schluss mit VIP. Wie die Pilger vor dem Tempel fand ich mich in einem Metallkaefig wieder. Von allen Seiten wurde geschoben und gedrueckt. Mit Eisenstangen wurde der Gang in zwei Bereiche geteilt, jener fuer die gluecklichen Besitzer eines VIP-Tickets, und dem Rest. Nichts tat sich. Die Minuten verstrichen und es ging nicht vorwaerts. Nur langsam, quollen die Massen vorwaerts. Die Hoffnung auf Erloesung verschwand um jede Ecke und flammte kurz vor erreichen der Naechsten wieder auf. Ein endloses Labyrinth schien sich durch den Tempel zu ziehen, in welchem man schier verloren gegangen waere, wuerde man nicht durch knadenlos nicht-nachgebenden Stahl in die richtige Richtung geleitet. Vorbei an Gebetsraeumen in denen mit Feuer, Gesang und Weihrauch Zeremonien abgehalten wurden schlaengelte sich die Karawane. Der Weg schien immer schmaler zu werden und kein Platz blieb in den Massen ungenutzt – jedes freie Volumen wurde gefuellt. Der Druck war enorm. Die Mauern veraenderten sich. Je tiefer man in den Tempel vor drang, umso mysthischer erschienen sie. Russ bedeckte ihre Oberflaechse und Muenzen fuellten die Ritzen. Von den nach Halt suchenden Pilgern, welche sich wie ich am Rand der Massen befanden, waren sie blank poliert. Die Haende zum Gebet gefaltet sich in euphorische Gesaenge steigernd schoben sich die Pilger unaufhlatsam durch die Gemaeuer. Der Gang verengte sich ein letztes Mal – ein silbernes Tor wie aus einem Maerchen tat sich vor uns auf. Die Stimmung explodierte, der Eingang zum heiligsten war erreicht. Jeder war sich selbst der naechste, nur ein Ziel vor Augen – Venketeshwara. In einer Schleife wurde man vor den Schrein gefuehrt und ploetzlich befand man sich auf der Zielgeraden. Ein Tuer in der massiven Steinwand vor uns erlaubte den Blick in einen dunklen langen Flur an dessem Ende, in einer kleinen dunklen Kammer das Abbild Venkateshwaras thronte. Ich hatte mir vorher in keinster Weise Gedanken ueber einen Wunsch gemacht, doch diese Atmosphaere hatte etwas enorm magisches. Ich vermag es nicht in Worte zu fassen, aber aus der fernen Kammer schien eine gewisse Kraft auszugehen, eine Mysthik die einen in ihren Bann zog und fesselte. Ich tat es den Pilgern gleich, blieb stehen, faltete die Haende wie zum Gebet, schloss die Augen und murmelte meinen Wunsch – Ich hoffe dieser indische Gott versteht deutsch, ansonsten war der ganze Aufwand umsonst. Ich hatte die Augen noch nicht richtig geoeffnet, wurde ich schon am Arm gepackt und nach draussen gezogen. Noch einen letzten Blick in den langen dunklen Flur erhaschend, verschwand Venkateshwara aus meinem Sehfeld. Da wiedersteht man allen stundenlangen Strapazen des Wartens fuer zehn Sekunden – doch ich bereue keine Sekunde. Wie bei der Muendung eines Flusses ins grose Meer, so fiel mit einem Mal der ganze Druck von einem ab. Man konnte sich bewegen – frei, ungezwungen, atmen. Doch dieser Zustand sollte nicht lange andauern. In einem geschlossenen Kreislauf herrschen die gleichen Gesetze, sei es ein Strom-, Wasser- oder Menschenkreislauf. Das was reinfliesst muss auch wieder rauskommen. So fand man sich am Ausgang in der gleichen Sardinen-Buechsen-Situation wieder. Noch schnell den vom Tempelpersonal auf einem Blatt-Teller servierten Reis hinunter geschlungen und schon stuerzte ich mich todesmutig in die Fluten um von ihnen nach draussen gespuehlt zu werden.
Ich sog die Ruhe in mich auf. Von aussen betrachtet schien der Strom der Glaeubigen dem eines Gefangen-Tracks in keinster Weise nachzustehen. Ihre Haende schlossen sich um die goldenen Gitterstaebe als wollten sie rufen „Lasst mich hier raus.“ Im Nebel der Wolken umrundete ich den Tempel, auf der Suche eines geeigneten Platzes um wenigsten einen kleinen Blick auf das Gold des Gebaeudes erhaschen zu koennen. Die einzige Moeglichkeit schien mir eine jener Pilger-Herbergen zu sein, welche auf einem winzigen Huegel ruhte. Von ihrem Dach sollte ich den best moeglichsten Blick bekommen. Doch wie dort hin gelangen? Am besten Fragen. Selbstverstaendlich, als ob ich einen Schlafplatz reserviert hatte betrat ich das Gebaeude. „Wo geht’s zum Dach?“ fragte ich. „Zur Terrasse geht’s da rauf.“ kam die Antwort. Ich eilte die Treppen empor, vorbei an verbluefften Pilgern und oeffnete die Tuer. Leichter Nieselregen setzte ein. Ich lies meine Flip-Flops stehen und erklomm vorsichtig die rutschigen Stufen der Metall-Leiter. Geduckt unter einem Betontraeger krabbelte ich auf das erste Plataeu. Von dort fuehrte eine weitere Leiter zum hoechsten Punkt des Gebaeudes. Et voila – eine gute Aussicht auf den Tempel. Nicht die Beste – aber man sollte zufrieden sein mit dem was man bekommt. Und das war ich.
Noch vorsichtiger kletterte ich wieder hinab und war heil froh wieder sicheren Boden unter den Fuessen zu haben. Am Rande des Tempels, an einem riesigen Kerzenstaender-Aehnlichem Objekt wurde heftig gebetet und Opfergaben dar gebracht. Schwarzer Qualm umwehte die Glaeubigen. Nur der einsetzende Regen schaffte es mich aus dieser malerischen und so unreal erscheinenden Szene zu reisen. Ich lies noch eine Weile den Huegel auf mich wirken. Und zwei Chai spaeter setzte ich mich in den Bus. Eine gute Entscheidung, denn schon wenige Minuten spaeter oeffnete der Himmel seine Tore und versuchte die Suenden der Welt abzuwaschen.
Anfangs fand ich es Schade, einen so faszinierenden Platz im Regen besuchen zu muessen, doch rueckblickend war es eine Wohltat. Wuerde man die Stunden des Wartens in einer Menge von tausenden, schwitzenden Pilgern verbringen muessen – so waere es mit Sicherheit kein schoenes Erlebnis. Das Atmen wuerde zur Tortur werden. Manchmal hat eben die variable Konstante auch ihre guten Seiten.
Danke Mr. Venkateshwara

Sonntag, 9. November 2008

Mysore - Gokarna












Love at first sight
I just can’t point my finger at it – aber da gab es etwas, was mir Mysore von Anfang an sympathisch macht. Eigentlich mag ich es nicht am fruehen Morgen, oder am spaeten Abend – obwohl der fruehe Morgen noch das geringere Uebel ist – in fuer mich unbekannten Staedten anzukommen. Die Dunkelheit macht es schwer Menschen zu beurteilen, ihre Absichten zu erkennen. Auch fuehlt man sich auf eine befremdende Art genoetigt, sich schnell nach einer Bleibe umzusehen, bevor sich zu der Dunkelheit auch noch die Stille eines endenden, langsamer fliessenden Stromes emsigen Treibens auf der Strasse gesellt.
Doch Mysore erzeugte nicht wie erwartet diese Art von unbehagen. Der Regen hoerte rechtzeitig auf, kurz bevor wir ankamen und den, vom kuehlen Nass beschuetzenden, Bus verliessen. Ein absoluter Pluspunkt. Genau gegenueber vom Busbahnhof befand sich ein sauberes Restaurant, in welchem auch Frauen, Kinder und Familien speisten. Ein recht zuverlaessiger Indikator fuer saubere Kueche und ordentliche Mahlzeiten. So war es auch. Noch ein Pluspunkt. Doch jetzt war etwas Eile geboten. Vor 10.30 pm musste ich in der Jugendherberge einchecken, danach wurden die Tore geschlossen – Zapfenstreich. Die einmalige Gelegenheit fuer nur schlappe 45 Rs. – umgerechnet nicht einmal 90 Cent – die Nacht ein Bett zu bekommen, wollte ich mir bei aller Gemuetlichkeit nicht entgehen lassen. Rucksack geschultert und flinken Fusses ging’s zur erstbesten Riksha. Ohne grosse Vorrede kam ich gleich zur Sache – „Youth Hostel – Wieviel?“ riss ich den vor sich hin traeumenden Fahrer aus seinen Gedanken. „Keine Ahnung – wir gehen nach dem Zaehler.“ kam die ueberraschende Antwort und brachte mich komplett aus dem Konzept. Hatte ich mich soeben verhoert? Hat mir gerade der Rikshafahrer angeboten, ich korrigiere, freiwillig angeboten, den Zaehler zu verwenden? Der Zaehler wird von Rikshafahrern ungefaehr so sehr gemieden, wie die Katze das Wasser, so sehr gehasst wie ein Einlauf und ueber kein anderes technisches Geraet in Indien ranken sich so viele Geschichten, warum gerade heute, just in diesem Augenblick dieses nicht funktioniert. Kurz um – es ist das meist gehasste Instrument dieses Berufsstandes – gibt es doch unumstritten den richtigen Fahrpreis an. Keine Chance zur Abzocke. Aber Indien waere nicht Indien, wenn sich nicht doch ein Weg finden liesse. Gerade als Ortsfremder, wird man sinnlos durch die Labyrinthe der Stadt gefahren, um die Distanz kuenstlich zu verlaengern und den Preis in die Hoehe zu treiben. Geld mach eben erfinderisch. Doch Mysore war fuer solche Spielereien nicht gross und verworren genug.
Doch dieser Fahrer schien sich an’s Gesetz zu halten – er hatte mein vollstes Vertrauen. Auch die Tatsache, dass man aufgrund der spaeten Stunde das 1,5-fache vom Preis bezahlen muss, sagte er mir im Vorraus. Durchaus korrekt und sehr aufmerksam. So gewann Mysore, ohne es zu wissen, seinen dritten Pluspunkt auf meiner Liste. Waehrend der Fahrt sollten sich noch weitere Punkte auf’s Konto dazu gesellen aufgrund von „absoluter“ Sauberkeit – natuerlich nach indischen Massstaeben - ,wenig Verkehr und der unzaehligen gruenen Parks. Wenn das nicht Liebe auf den ersten Blick ist – schon nach zehn Minuten hatte ich die Stadt in mein Herz geschlossen. In der Herberge angekommen fragte ich wie immer nach, ob ich dem Rikshafahrer zuviel gezahlt hatte – diesmal keinen Cent. Nach dem ausfuellen unzaehliger Formulare, so das ich schon dachte ein Einbuergerungsformular in mehrfacher Ausfuehrung wuerde vor mir liegen, bezog ich mein Bett in einem der 20-Mann Zimmer und legte mich schon bald schlafen. Zumindest startete ich den Versuch. Im Bett neben mir schaute man noch lautstark einen Film, das Licht vom Flur schien mir direkt ins Gesicht und Stimmen drangen aus allen Winkeln der Etage an mein Ohr. Ein grosses Respect an alle Lehrer die dazu verdammt sind Schueler auf Abschlussfahrten zu begleiten. So begann die Nacht wie sie enden sollte – beschissen – und das meine ich im woertlichen Sinne. Puenktlich aller zwei Stunden wurde ich von heftigem Durchfall geweckt, so dass ich vermutete, mein Urin war einfach zu faul den Umweg ueber die Blase zu machen. Ein Einlauf entpricht ungefaehr der Konsistenz von langsam trocknenden Zement im Vergleich zu dem erbaermlichen Bild welches ich auf der Toilette abgegeben haben muss. War es nicht der Durchfall, so waren es unzaehlige Muecken die mich wie Kamikaze-Flieger bombardierten. Puenklich zu ersten Tiefschlafphase wurde ich dann frueh um fuenf von einsetzendem Teenager-Enthusiasmus geweckt. Hypermotiviert starteten sie in den Tag und liesen keine Gelegenheit aus, es jedem mizuteilen – 45 Rs. schoss mir durch den Kopf, es musste ja einen Haken geben.
Jedenfalls kam ich so puenktlich um Acht aus dem Hostel. Bei Tage betrachtet ein durchaus idyllisches Plaetzchen, und die Busfahrt ins Zentrum sollte nur 6 Rs. kosten. Als erstes stand die Reservierung eines Bustickets nach Kundapur auf der Tagesordnung, denn dies war der eigentliche Grund meiner Reise.
Um euch nicht mit langweiligen Themen zu belaestigen, mache ich es kurz. Laut meinem Visum muss ich mich innerhalb der ersten 14 Tage meines Indienaufenthaltes polizeilich registrieren lassen. Laut Aussage meines Betreuers, muss dies allerdings in dem Ort geschehen, in welchem man wohnt. Trotz energischer Hinweise meinerseits, dass ich in meinem Projekt ankommen werde, nachdem die 14 Tage-Frist abgelaufen ist, schien ihn nicht aus der Bahn zu werfen. Dennoch fuhr ich innerhalb der Frist zur Polizeistation, wurde jedoch abgewiesen. Nach weiteren unzaehligen besuchen der Polizei wurde ich von einer Behoerde zur anderen geschickt – keine fuehlte sich zustaendig. So wurde ich von Gauribidanur nach Bangalore und von dort zurueck nach Kundapur geschickt – 2 Monate zu spaet. Das ist indische Buerokratie. Es sei mir verziehen, die unzaehligen Momente in denen ich ueber unsere Agentur fuer Arbeit fluchte.
Ich weiss nicht woher er kam, doch ploetzlich war er da. Ein junger, drahtiger, mit Cowboy-Stiefeln besohlter Inder mit gepflegtem Aeusserem, und bot mir seine Hilfe an. Um eines sofort klar zu stellen, teilte er mir freundlich mit, dass er kein Geld wollte, er sei kein Guide, nur auf Urlaub, deswegen hilft er mir – anstatt am Strand zu liegen, de Tag zu geniessen, rennt er im Urlaub durch Staedte um Europaern zu helfen, okay, durchgeknallt sind diese Inder, aber auch bequem und das war alles andere als bequem. Ausserdem wolle er sich mit mir unterhalten, um sein Englisch etwas aufzubessern. Dieser Grund schien mir durchaus nachvollziehbar. Zielsicher fuehrte er mich zum Ticketschalter. Bevor ich jedoch so richtig anfangen konnte nach einem Ticket zu fragen, kam schon die Antwort, wie aus der Pistole geschossen – „Ausgebucht.“ Hatte er mir ueberhaupt zugehoert? Dies jedoch als Startschuss wertend, startete mein Hintermann durch, kurzer Sprint zum Schalter – durchaus Olympiareif. Unbeeindruckt fuehrte mich mein neuer Begleiter zu einem Reisebuero. „Namaste“ – nicht ‚Namaste’ er ist Moslem, kein Hindu, wurde ich fluesternd korrigiert. Okay, dann eben „Salam alaikum“. Ein Reisebuero ist in Indien die beste Moeglichkeit um Tickets jeglicher Art zu buchen, und alles praktisch an einem Ort, ohne Stress. Und siehe da, ein Platz war noch frei. Da er auf meinen 500 Rs. Schein nicht rausgeben konnte, schlug er vor ich solle ersteinmal Fruehstuecken und dann mit dem Wechselgeld bezahlen. Da er mir geholfen hatte, spendierte ich, grosszuegig wie ich nun einmal bin, meinem Begleiter einen Chai. Das Geld wechselte den Besitzer und ich hielt das Ticket in meinen Haenden, nun konnte der Tag beginnen. „Was willst du tun?“ – wurde ich gefragt. Ich ueberlegte nicht lang, ich brauchte einen Schal. Dies mag fuer den ein oder anderen verrueckt klingen, aber es wird tatsaechlich Winter. Am Abend fallen die Temperaturen auf bis zu 15 Grad Celcius. Aber davon einmal abgesehen traegt man hier immer einen Schal, egal wie heiss, egal welche Zeit. Es ist einfach Mode, schick, man geht mit dem Trend. Diejenigen, die sich keinen Schal leisten koennen, tragen ein Handtuch und mutieren somit zum indischen Ebenbild von Erkan und Stefan. Da Mysore fuer Sandelholz und Seide beruehmt ist, wollte ich es mir nicht nehmen lassen einen Seidenschal zu ersteigern. Natuerlich wusste er sofort einen Laden, gleich um die Ecke. Auf den Weg dorthin gruessten meinen neuen „Freund“, der hier, ich wiederhole, nur Urlaub macht, recht viele Leute. So so, Urlaub. Wahrscheinlich wurde er hier geboren und hat Mysore nie nennenswert verlassen. Recht bald kam das Gespraech auf ein altbekanntes Thema zu sprechen – Drogen. Es stellte sich heraus, dass er weltweit – laut eigenen Aussagen – mit Drogen dealte. Natuerlich bot er mir sogleich etwas Haschisch an. „Rauchst du?“ – „Nein!“ – „Ich hab auch Oel. Riecht nicht, ist gut zum reisen. Keiner wird es finden!“ – „Nein, danke!“ So ging es noch eine Weile hin und her. Nicht aufdringlich, fast wie ein Eisverkaeufer bot er mir sein Sortiment der Reihe nach an und versuchte es mir schmackhaft zu machen. Auch sollte es hier, wie in Amsterdam, ein sogenanntes „Coffe-House“ geben – ein Cafe in welchem Mann legal Marijuana kaufen kann. Dies sei aufgrund der vielen Sadhus – heilige Maenner – hier erlaubt, da diese zur Ausuebung ihrer Religion jeden Tag eine ordentliche Portion weg-kiffen,um Gott oder der Erleuchtung ein Stueck naeher zu kommen, denn schliesslich ist es der Erleuchtung egal, wie man sie erlangt.
Jedenfalls wusste ich jetzt, woher sein gepflegtes Aeussere stammt – er hatte Geld. Und noch etwas gutes hatte das Gespraech – es war unterhaltsam. Es war ein netter Kerl. So nett wie man eben ist, wenn es sein Beruf ist „nett“ zu sein. Er war die perfekte Ein-Mann-Entertainment-Kombo fuer Unterwegs.
Die Zeit verging wie im Flug und flux stande wir im Laden – ach ja richtig, der Schal. Ueberall hingen edle Stoffe – sofern dies mein Kenner-Blick beurteilen kann – und Gewaender. Innerhalb von wenigen Sekunden, wurden tausende – mindestens – Schals (was ist eigentlich der Plural von „Schal“?) vor mir ausgebreitet. Einer schoener als der andere. Die Entscheidung war alles andere als einfach – doch ich hatte sie getroffen. Jetzt ging es ans Feilschen, und ich konnte noch ein paar Rupie rausschlagen. Wie so oft zahlte ich dennoch zu viel – werde ich es jemals lernen, mich nicht uebers Ohr hauen zu lassen? Mein Personal-Guide meinte, ich muesse mir unbedingt die Fertigung von Incense-Sticks – zu deutsch „Raeuscherstaebchen“ – anschauen. Hierbei handelt es sich um das indische Gegenstueck zum Raeuchermaennchen, oder wie die Einheimischen im Erzgebirge es betonen wuerden – „’s Racher-Maennl“. Ein Stueck Heimat also in der Ferne. So kam es, dass ich mich schon bald im muslimischen Teil der Stadt wiederfand und eifrigen Handwerkern dabei zuschaute, wie sie Sandelholz mit der Axt spalteten. Eine Mischung aus eben jenem Sandelholz, Raeucherstaebchen und Oelen lag in der Luft, und nicht zu vergessen einer Nuance von Abgasen – dem ‚Echt koelnisch Wasser’ Indiens.
Ohne es zu wissen hatte ich mich bereits fuer diesen Tag entschieden. Heute wollte ich mich einfach mal mit dem Strom treiben lassen, nichts planen, es auf mich zukommen lassen, schauen was passiert, oder „just go with the flow“ wie man in Australien sagen wuerde. So fand ich mich, ohne recht zu wissen wie ich dort hin kam, in Dr. Ansam’s Praxis wieder – oder war es doch bloss das Hinterzimmer? Eins war jedoch klar, es war eine gigantische Freude fuer die Augen. So lagen in der einen Ecke unzaehlige Raeucherstaebchen in den verschiedensten, knallbunten Farben, so standen fein saeuberlich geordnet, kleine und grosse Flaeschen gefuellt mit Oelen in der anderen und dazwischen – Dr. Ansam. An der Wand hing ein Schaubild vom menschlichen Koerper mit all seine Blutgefaessen und der Raum war erfuellt mit dem Duft der Oele. Ein Franzose wickelte noch schnell ein Geschaeft ab, und verschwand anschliessen mit riesigen Flaschen etherischer Oele aus der Tuer gegenueber jener, durch die ich ins Zimmer getreten war. Zureuck blieben der Doktor und ich. Sein Laecheln legte die Sicht auf seine goldenen Zaehne frei. Der Mann war nicht nur reich, er war stinkreich. Laesst man sich vom Lebe treiben, passieren die skurilsten Dinge. Hatte ich die letzten Tage mit heftigem Durchfall zu kaempfen, fuehrte mich mein Schicksal zu einem aryuvedischen Arzt. So nutzte ich die gunst der Stunde und erkundigte mich nach einer geeigneten Medizin. Er gab mir ein Flaeschchen mit Zitronengrasoel. Sollte es nicht helfen, so riecht es jedenfalls gut und man kann es zu verfeinerung von Tee’s verwenden. Fuer den Augenblick gab er mir ein Pulver zum schlucken. Den Geschmack konnte ich in keine mir bekannte Kategorie einordnen. Wahrscheinlich weil alle 20 Bestandteile – wie er mir beschrieb – aus mir unbekannten Gewuerzen, Kraeutern und Pflanzen gewonnen wurde. Doch Dr. Ansam war nicht nur Arzt, sondern auch Geschaeftsmann. So fuehrte er mir noch weitere Oele vor und rieb sie professionell in meine Haut. Ploetzlich platzte es aus ihm heraus: „Bist du Buddhist?“ Wie kam er bitteschoen darauf? Ich wuerde mich nicht als Buddhist bezeichnen, dafuer befolgte ich nicht die Regeln ernsthaft genug, doch fuehlte ich mich in den letzten Jahren immer mehr zu dieser Religion hingezogen. Zu faul, lange Erklaerungen zu geben, bejahte ich der Einfachkeithalber seine Frage. Zuerst war ich von seiner Menschenkenntnis beeindruckt, doch schon bald wurde der Zauber gebrochen. Sein Satz „Du hast das Gesicht und die Ausstrahlung eines Buddhisten.“ hiess uebersetzt nichts anderes als wie folgt: „Aufgrund meiner hervorragenden Gabe Menschen zu beobachten zaehle ich einmal Eins und Eins zusammen. Du hast kurze Haare, fast Glatze und auf deinem linken Unterarm gebinnt gerade das beliebteste Mantra Tibets, Heimatland seiner Heiligkeit des Dalai Lamas, ‚Om mani padme hum’ zu verblassen, weches du dir die Muehe gemacht hast mit Henna in tibetischer Schrift aufzumahlen.” Seine Beobachtung und sein Verstand waren vorzueglich – daran bestand kein Zweifel. Doch Auren sehen, Gedanken lesen oder in die Zukunft blicken konnte er nicht – trotz aller Mystik um seine Person. Eben noch felsenfest davon ueberzeugt, war ich mir im naechsten Augenblick schon nicht mehr so sicher. „You are mixed polish.“ Haehh, wie bitte, ‚Ich soll gemixte Politur sein.?’ missverstand ich ihn. Dann daemmerte es mir. Polnisches Blut soll durch meine Adern fliesen, dem Land in welchem Teile meiner Wurzeln liegen, glaubt man Dr. Ansam. Das war ja mal voll daneben. Aber Moment mal. Meine Grosseltern vaeterlicher Seits stammen aus Schlesien und wurden aufgrund der Auswirkungen des II.WK von dort vertrieben. Ich bin keine Leuchte in Geographie, geschweige denn in Geschichte, aber wenn mich nicht alles taeuscht, gehoerte dieser Teil des damaligen Deutschlands, das Dorf meiner Grosseltern, zum heutigen Polen. Spricht man also aus jetziger Sicht, habe ich tatsaechlich Wurzeln in Polen und bin demzufolge zu gewissen Anteilen polnisch, also „mixed polish“. Jetzt wollte ich wissen, wie er darauf kam. „Deine Haut verraet es. Ich kann es fuehlen. Du Hast die Haut eines Polen. Und die Nase eines Franzosen“ fuegte er hinzu und stupste mir auf meinen Riechkolben.
Schnitt
„Kannst du etwas fuer mich tun?“ fragte mein Guide, der die ganze Zeit vor der Tuer wartete. Irgendwie hatte ich scho mit sowas gerechnet. Doch ich wollte ihm wenigstens die Chance geben mir seinen Vorschlag zu unterbreiten. „Was ist es denn?“ – „Es gibt da einen Seide-Shop. Die geben mir 50 Rs., wenn ich jemanden hin fuehre.“ Er hatte mir durchaus schoene Plaetze gezeigt, mich gut unterhalten und immer die Riksha bezahlt. Es war also nur fair – ich willigte ein. Schon von Aussen betrachtet wusste ich, dass der Laden fuer Leute bestimmt war, die nicht gross ueberlegen, ob sie sich einen Zweitwohnsitz zulegen, sondern sich eher den Kopf zerbrechen wo dieser Wohnsitz anzusiedeln sei. Zehn Minuten sollte ich mich beraten lassen, ja nichts kaufen und dann mit einer Ausrede wieder verschwinden. Ich wickelte meinen Schal laessig um den Hals, um ein wenig edel zu wirken und betrat den Empfangsraum – ja es gibt Geschaefte die haben Empfangsraeume oder Eingangshallen. Ich liess mir so einiges an Schmuck zeigen und trank genuesslich einen Tee, das einzig preiswerte in diesem Laden – er war umsonst. Durchaus fuer mich ein Genuss und obendrein noch interessant. Ich kam mir vor wie ein kleiner Edelmann. „Koennen Sie den Schmuck zurueck legen? Ich pruefe nur meinen Kontostand und bin in dreissig Minuten wieder hier.“ log ich, um mich rauszuwinden. Die Situation hatte sich geaenert – zumindest fuer mich. Das schlechte Gewissen plagte mich. Schliesslich stand es schon fest, dass ich nichts kaufen wuerde und ich sorgte dafuer, dass der Mann mit mir seine Zeit verschwendete. Aber das schlimmste war – ich musste Luegen. Und es war keine Luege um mich vor irgendetwas zu schuetzen – es war eine Luege von Anfang an – und das stoerte mich enorm. So verlies ich den Laden und verabschiedete mich auch von meinem Begleiter, der seine 50 Rs. erhalten hatte – wie abgemacht.
Den Rest des Tages lies ich mich wieder treiben. Spazierte umher, bestaunte den Palast von aussen und ass hier und da einen Happen, natuerlich immer sicherstellend, dass sich ein Klo in reichweite befand. Immer noch hatte ich Durchfall.
Manche Leute trifft man zweimal im Leben, und damit man es gleich hinter sich bringt, sollte ich Dr. Ansam noch ein zweites Mal an diesem Tag begegnen. Ohne die Dinge gesehen zu haben, welche ich mir vornahm fuer diesen Tag, ging er zu Ende. Doch das war nicht weiter schlimm – „Just go with the flow“ dachte ich.
Wie lang versucht man eigentlich noch jung zu bleiben, Erlebnissen aus der Jugend hinterher eifernd, sie zu wiederholen? Wann akzeptiert man, dass man nicht mehr 16 oder 18 ist? Wann gehoert man einfach nicht mehr in JUGENDherbergen? Diese und aehnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich zuerst am Ein- und spaeter am Weiterschlafen gehindert wurde. Wenigstens verlief die Nacht ohne Zwischenfaelle.
Am naechsten Tag war Kultur pur angesagt. Programmpunkt Eins war der beruehmte Mysore-Palace. Schon die Anlage selber eine Augenweide. Das Innere war farbenbraechtig, wie man es von Indien gewoehnt war. Bunte Mosaike, ueberwiegend in Tuerkis – meiner Lieblingsfarbe – zierten den Boden sowie die Waende. Dazwischen versteckte sich die ein oder andere, in handwerklicher Perfekion geschaffene Silbertuer. Der Palast schien einzig und allein aus langen Fluren zu bestehen.
Danach machte ich mich auf, den Anfang der 1000 Treppen empor des Chamundi-Hills zum Sri-Chamundeswari-Tempels zu suchen. Stufe fur Stufe erklomm ich den Berg. Von Normstufen und physiologischen Treppenabstaenden hatte hier anscheinend keiner etwas gehoert. Schwitzend oben angekommen lies ich das Treiben auf mich wirken. Eine riesige Schlange von Menschen wand sich um den Tempel. Ab und zo stoben sie auseinander um herumtollenden Affen nicht in die Quere zu kommen. Diesen Stress wollte ich mir nicht antun. Nach und nach verlieren auch die Tempel ihren Reiz – wiederholen sich doch meist die architktonischen Elemente. Dafuer noch Stunde anstehen und Geld bezahlen – Nein, danke! Dann lieber in Ruhe das Treiben wirken lassen.
Den Abend verbachte ich in dem Gewirr des Devaraja-Markts und sog die Atmosphaere in mich auf. Duefte von Oelen, Blueten und Fruechten mischten sich. Alle Sinne wurden angesprochen – nun ja, fast alle. Geschmeckt habe ich nichts. Das letzte Highlight – im wahrsten Sinne des Wortes – war die bendliche Beleuchtung des Palasts. Tausende von Gluebirnen rahmten in einem maerchenhaften Licht ein und unzaehlige Besucher stroemten herbei, um sich an diesem Glanze zu ergoetzen. So ging auch dieses Wochenende schnell vorbei und man fragt sich – „Wer hat diesmal an der Uhr gedreht?“
Die naechste Etappe stand bevor – 7 Stunden Busfahrt nach Kundapur. Ich kann es nicht oft genug wiederholen – mit Durchfall. Um auf Nummer sicher zu gehen, schmiss ich mir 3 Immodium Akut ein – ohne nennenswerte Wirkung. Ich hoffte und wechselte im Minutentakt die Konfession, um alle Moeglichkeiten auszuschoepfen. Meine einzige Hoffnung, war der Schlaf. Er sollte mich vor allem Unangenehmen bewahren. Ausser einer Situation, wo ich schon die Wasserflasche in der einen und die Seife in der anderen Hand hielt und einen Sprint zum Busfahrer hinlegen wollte, meisterte ich die Fahrt mit Bravur.
Der Professionalitaet meines Betreuers zu verdanken, wobei ich mir immer noch unsicher bin ob es an seiner indischen Gelassenheit oder einfacher Faulheit liegt, kam ich genau zu jener Zeit in Kundapur an, in welcher das Polizeibuero aufgrund von Feiertagen geschlossen hatte – durchaus Vorhersehbar.
Nach kurzem Ueberlegen, entschloss ich mich nach Gokarna zu fahren, einem kleinen heiligen Ort, kurz unterhalb Goa’s mit durchaus schoenen Straenden. Durch meine Tagtraeumerei verpasste ich die Station und stieg eine zu spaet aus. Dabei handelte es sich um satte 75 km und 2 Stunden fahrt. Also das ganze nochmal zurueck. Diesmal ginmg ich auf Nummer sicher, und waehlte einen Bus, dessen Endstation mein Ziel war. So konnte ich nicht zu spaet aussteigen. So brachte ich den Tag anstatt am Strand im Bus zu und kam mitten in der Nacht in Gokarna an. Meine Lektion hatte ich gelernt – keine Jugendherberge. Das es hier keine gab stoerte mich nicht weiter. Ich buchte ein nettes Einzelzimmer. Als ich am naechsten Morgen mich auf den Weg machte, die Umgebung zu erkunden war ich verbluefft. Durch die Dunkelheit versteckt, erstreckte sich der Strand direkt vor meiner Tuer. Okay, ein langsam dahinkreuchendes, vom Muell durchtraenktes Gewaesser trennten uns, aber immerhin behielten wir Blickkontakt. Immer wieder ist es eine Freude dem Meer zu begegnen und erfuellt einem mit Ruhe. Doch die wird einen von Gokarna sowieso augezwaengt. Ueberall tummeln sich die Brahmanen, die Prister, durch die verwinkelten Gassen, an deren Ecken sich meist ein Tempel befindet. Ohne es zu wissen, wuerde ich die Behauptung aufstellen, dass Gokarna die hoechste Dichte an Tempeln hat, von ganz Indien. In jedem blieb ich haengen und genoss die Atmosphaere, die Ruhe. Vielleicht lag es auch an der zunehmenden Schwaeche, welche mich ueberkam. Seit einem Tag fastete ich. Die Theorie: den Magen leer halten, alle Essensrueckstaende welche sich im Verdauungstrakt befinden rausschwemmen lassen und dann wieder mit dem Essen beginnen. Zweit Tage hatte ich mir vorgenommen – es sollten knappe 24 Stunden werden. Am heiligen Waschbecken beobachtete ich die heiligen Maenner wie sie sich rituell wuschen und gleich daneben die Frauen ihre Waesche. Ein bizarrer aber auch harmonischer Anblick.
Der Hunger uebermannte mich, und der andauernde Durchfall lies vermuten, dass meine Theorie sich nicht auszahlen wuerde. Also beschloss ich, jeder Vernunft zum Trotze, mir eine ordentliche Portion Spaghetti mit Tomatensauce zu goennen. Auch wenn alles sogleich wieder aus meinem Koerper quellen wuerde, so wollte ich wenigstens die wenigen Minuten des Geschmackes von Nudeln mit Kaese auskosten. Ausserdem haben Nudeln viel Energie und Kaese soll ja auch stopfen – redete ich mir die Sache schoen. Es dauerte nicht lange und ich fand mich fuer die naechste Stunde auf dem Klo wieder. Es ist erstaunlich und erschreckend wie viel Wasser man verliert. Und das fatale, je mehr man trinkt, umso mehr spuelts es wieder heraus.
In der Nacht wachte ich, gebeudelt von heftigen Schuettelfrost-Attacken und leichtem Fieber auf. Doch zu erschoepft schlief ich wieder ein. Am Morgen fuehlte ich mich jedoch unverhofft gut und so beschloss ich den Tag am Strand zu verbringen. Ueber eine kleine unscheinbare Seitengasse, gelangt man zu dem Trampelpfad, welcher ueber die Landzunge zum Kodi-Beach fuehrt. Der Strand direkt vor meier Tuer moechte ich keinem zum Baden empfehlen. Ausserdem bietet der Weg eine schoene Aussicht auf die Kueste. Von da gelangt man weiter, ueber den naechsten Pfad zum OM-Beach, welcher sehr ruhig und entspannt ist – bis auf die unzaehligen Verkaeufer welche einen staendig versuchen irgendwelche Ketten zu verkaufen. Abwechselnd kuehlte ich mich in den kalten Fluten ab und entspannte beim Lesen. Zu was anderem hatte ich keine Lust – einfach mal die Seele baumeln lassen. Am Abend fing ich wieder an, leicht zu fiebern. Durch den permanenten Wasserverlusst wird man systematisch muerbe gemacht. Langsam aber sicher trocknet man aus. Die Sonne raubt einen die letzte Energie. Erkennend, dass ich etwas unternehmen musste, schleppte ich mich am naechsten Morgen zum Arzt. Mein Blutdruck war im Keller, zu wenig Fluessigkeit, denn ich merkte wie viel Kraft mich das aufrechte Stehen kostete. Mit einigen Pausen, um ein schwarz vor Augen werden zu verhindern, erreichte ich den Arzt. Das Wartezimmer war gefuellt. Ohne grosses Anmelden, Chip-Karte zuecken oder Praxisgebuehr nahm ich Platz. Ein Plastik-Vorhang hinter mir, trennte mich vom Behandlungsraum. Es roch nach Jod und Desinfektion – na wenigtens etwas. Ansonsten wuerde man nicht vermuten einen Arzt hier zu suchen. Eins stand fuer mich fest – eine Spritze kommt nicht in Frage. Tabletten oder sonst nichts. Ein Mann, mit blutdurchtraenktem Lumpen um den Fuss, wurde durch den Vorhang hinter mir geleitet. Kurz darauf spaeter erhallten mehrere Schreie durch die Praxis. Der Geruch von Jod verstaerkte sich und legte die Vermutung nahe, dass seine Wunde so eben ordentlich desinfiziert wird – es muss hoellisch brennen. Danach kam ich an die Reihe. Das Zimmer war einfach kahl und praktisch mit Fliessen ausgestattet. Die Liege war zerfetzt, und Loecher im Lederbezug legten den Blick auf den gelb gefaerbten Schaumstoffbezug frei. Ich vermisste ein hygienisches Bettlagen, ein Tuch, irgendetwas. Am Fussende war die Liege mit einem Puder bedeckt. Von meinem Vorgaenger? Oder dem davor? Von Gestern? Es widerstrebte mir mich auf diese Keim-Schleuder zu legen. Also lehnte ich mich dagegen. „Bitte legen sie sich hin.“ vernahm ich die gehassten Worte. Mit so wenig Kontakt wie moeglich legte ich mich hin. Die Beine angestellt um nicht in die Naehe des Pulvers zu gelangen.
Die Diagnose dauerte nicht lang. Kurze Anamnese, abhoeren des Bauches, der Lunge – das wars. Bakterielle Infektion. Sowas hatte ich vermutet. Er gab mir Antibiotika mit und Tabletten, welche helfen sollen, die natuerliche Darmflora wieder herzustellen. Ich zahlte 200 Rs. – 4 Euro – und machte mich auf den Weg ins Hotel. Ab jetzt hiess es nur noch Reis mit Joghurt. Schon nach 2 Malzeiten konnte ich es nicht mehr sehen. Aber die Gewissheit ein Ende in Sicht zu sehen, ein Licht am Ende des Tunnels machte mich froh. Ich verbrachte einen Tag im Bett und schlief.
Trotz alledem ist Gokarna ein wunderschoenes Fleckchen Erde und die Heiligkeit dieses Ortes reist einen foermlich mit.
So endete dieser Trip letztendlich mit der gelungenen Registrierung und meiner Genesung. Zehn Tage Dauer-Durchfall nehmen einen doch ganz schoen mit und es sollte ein paar Tage dauern bis der Hunger zurueck kehrte.
Als letztes moechte ich noch ein paar Gedanken loswerden zu einer ganz besonderen Spezies, welche mir in Gokarna ueber den Weg lief.

Eine ganz besondere Spezies
Sie leben unter uns, teilweise unerkannt, teilweise befremdlich anmutend. Sie sind keine grossen Herdentieren, doch kann es zuweilen schon einmal vorkommen, dass sie in kleinen, nicht mehr als 3-4 Mann - denn dies ist schon das Maximum an Gesellschafft – starken Gruppen auftreten. Nomaden, rastlos, auf der Suche – nach was weiss keiner, manchmal sogar sie selber nicht. Gekleidet mit einem Misch-Masch aus Unterschiedlichem, ist es schwer zu sagen woher sie kommen, doch viel unmoeglicher ist es zu bestimmen, wohin sie gehen werden. Unsichtbar ist ihre Verbindung zu einem Stueck Stoff auf ihrem Ruecken, welcher sich links und rechts, neben dem Kopf, die Schultern hinab windet, um wieder in selbigen zu muenden. Die meisten haben viele Geschichten zu erzaehlen, ein paar bleiben fuer immer geheim und was Wunsch oder Realitaet an ihnen ist, wird wohl keiner erfahren. Die meisten werden nicht aelter als 30, denn dann ist die Zeit gekommen in welcher sie sich fest binden und Wurzeln schlagen. Nichts desto trotz wurden schon einige Exemplare gesichtet, welche durchaus bis zu 60-70 Jahre alt wurden. Es handelt sich hierbei um - Backpacker.
Anlass zu diesen Zeilen gibt meine Reise nach Gokarna. Kurz unterhalb von Goa, noch im Bundesstaate Karnataka befindlich, liegt dieses kleine heilige Dorf genau am Strand. Ein Magnet fuer Backpacker, denn wo vereint sich Mystik, Abenteuer und Urlaub mehr, als an solchen Plaetzen?
Der Grund zu folgenden Ueberlegungen war ein Gefuehl, was mir einreden wollte, ihnen in gewisser Weise ueberlegen, einfach anders und ihnen immer einen Schritt voraus zu sein – doch auf welchem Weg? Sich besser als jemand anderes zu fuehlen, heisst immer bewerten Doch welches Bezugssystem legt man an? Muss es immer ein besser oder schlechter geben? Fakt ist jedoch, dass dieser Gedanke praesent war. Ein gefaehrlicher Gedanke – ist er doch vom Daemon der Arroganz durchtraenkt. Umso groesser mein Interesse mich mit ihm zu beschaeftigen. Unbehandelt, wuerden sich solche Gedanken fest in unser Bewusstsein einweben, wie ein verschmutztes Stueck Baumwolle beim Spinnen. Nicht rechtzeitig bemerkt wird es mit eingewebt. Solange, bis ein Geflecht entsteht, dessen Fasern man nicht mehr voneinander trennen kann. Ist der Faden jedoch noch klar ersichtlich, ist es leicht ihn durch den Stoff des Bewusstseins zu verfolgen und ihn zu entfernen.
Systematisch, um keinen Schmutz zu uebersehen, naeherte ich mich meinem Daemon. Die erste Frage die ich mir also stellte war die nach dem Unterschied. Was ist denn nun eigentlich so anders an mir oder an denen, was trennte uns? Die Beurteilung von charakterlichen Merkmalen lag ausserhalb meines Ermessens, also blieb mir nur der Weg der Aeusserlichkeiten, um Rueckschluesse zu ziehen. Der wohl markanteste Unterschied waren – Brueste. Klar, mag sich der ein oder andere denken, das ihm sowas wieder zuerst auffaellt. Aber betrachtet man einmal die Lebensweise der einfachen Bevoelkerung, so ist das zur Schau stellen der weiblichen Brust in Form eines Bikini’s, tiefen Dekoltee’s oder Spaghettitraeger-Top’s absolut Tabu. Doch genau so praesentierten sich die Backpacker-Weibchen. Zu meiner Verteidigung - sieht man sonst nur Frauen, welche bei jeder Hitze, mindestens in einen Sari eingewickelt sind, so ist dies durchaus ein einem entgegenspringendes Merkmal, welches man nicht leugnen kann. Auch Beine und Schultern waren meist, wie bei einem Strandurlaub in Italien entbloest. Man kleidete sich also so, wie es in der Heimat gang und gebe war, es war ja auch zugegebener Massen recht heiss, aber in dieser Kultur eben nicht geduldet.
Doch wie konnte man sich in einem fremden Land bewegen und die dortige Kultur so verachten? Ist es ein Zeichen von Arroganz, ein symbolischer Akt um zu unterstreichen, dass die eigene Kultur die bessere sei und man deswegen nicht Willens ist sich anzupassen? Fragen wie diese schossen mir durch den Kopf. Doch sind sie berechtigt? Fuehlte sich der Inder von solcher Freizuegigkeit nicht respektiert oder war es meine eigene Interpretation? Also galt meine naechste Beobachtung den Einheimischen. Diese zeigten in keinster Weise ein Anzeichen dafuer, dass es ihnen unangenehm war. Aber auch nicht das Gegenteil. Da gab es keine verstohlenen Blicke, kein stieren, kein Tuscheln. Oft beobachtete ich in Restaurants, die ihre Gaeste mit lautstarkem Fernsehprogramm waehrend des Essens unterhielten, wie die Blicke gebannt auf den Flimmerkasten gerichtet wurden. Der Grund war leicht zu erraten. Gut gebaute Bollywood-Schoehnheiten tanzten, sangen und zeigten mehr als es der einfache indische Buerger gewohnt war. Solch eine Reaktion waere also durchaus zu erwarten – doch nichts. Den Grund dafuer musste also in der Gewoehnung liegen. Durch die staendig herbei stroemenden Massen an Touristen, waren es die Einheimischen gewohnt, es war fuer sie normal. So normal wie fuer uns. Sie waren also mit der westlichen Kultur mehr als vertraut. Die naechste Frage die sich mir hier anschloss war die: Ist dies denn dann noch das wahre Indien oder ist es genau so viel Indien, wie man vertraegt, ohne sich gross anpassen zu muessen, ohne zu entbehren, sich umzugewohnen?
Eine schwierige Frage. Der Grund warum sie aufkam war mir sofort klar. Ohne zu hinterfragen ging ich davon aus, dass jene Gesellschafft, jene Menschen, jene Regeln in welcher ich mich aufhielt, DAS Indien sei. Es schien fuer mich logisch, dass die Basis, die Reinheit einer jeden Kultur in der einfachen, baeuerlichen Bevoelkerung zu finden sei. Doch warum? Wenn man in Indien ein Bauer ist, so ist man arm, wenn man arm ist, ist man ungebildet – so einfach ist das. Wenn ich versuche, sofern mir dies moeglich ist, mich in die Lage eines solchen Bauerns zu versetzen, so wuerde ich nicht in der Lage sein, meine Religion zu hinterfragen, mein Handeln zu hinterfragen, meine gesellschaftlichen Regeln in Frage zu stellen. Warum auch? Mein Vater hat mich so erzogen und ihn wiederum mein Grossvater und so weiter und so fort. Das nennt man Tradition. So bleibt ueber die Jahre hinweg diese Tradition erhalten, denn keiner wuerde die Notwendigkeit sehen, diese zu veraendern, selbst dann nicht, wenn dies von Vorteil waere. Warum sollte man auch. Jeder aus meiner Familie hat es ueber Jahrhunderte so praktiziert. Unwissen und Religioesitaet, welche in enger Verbindung stehen, sind die besten bewahrer von Traditionen – von Kultur. Bildung und das Hinterfragen von Traditionen gehen Hand in Hand. Fehlt das eine, erlischt das Andere.
An dieser Stelle moechte ich unbedingt erwaehnen, dass ein Mensch ungebildet oder unwissend sein kann, dies aber nicht heisst, dass er dumm ist. Es sind zwei vollkommen verschiedene Aspekte, wo ich viel Wert darauf lege, dass diese nicht als gleichwertig betrachtet werden. Dem einen ist es nicht moeglich Bildung zu erfahren, der andere ist trotz Bildung einfach dumm. Aber zurueck zum Thema.
Aus diesem Grund glaubte ich also an der Wurzel der indischen Kultur, oder zumindest nah dran, naeher als Backpacker, zu leben und diese zu erfahren. Doch dies ist in Indien nicht so leicht zu sagen. Innerhalb weniger Kilometer aendert sich alles. Von der Vegetation ueber die Sprache bis hin zur Kultur. Selbst in einem Bundesstaat kleiden sich die Menschen im Norden komplett anders als die Menschen im Sueden – jeder hat seine Tradition. Wie kann man also in so einem Land davon ausgehen, an DER Wurzel DIESER Kultur zu leben? Es ist schlichtweg unmoeglich, denn, und hier beginnt das wirklich schwierige, wo zieht man kulturelle Grenzen? Und wo ist dieses wahre, das wirkliche Indien ueberhaupt?
Ohne Frage herrschte, um am Beispiel von Gokarna zu bleiben, ein grosser Einfluss westlicher Kultur – die Zeichen konnte man nicht leugnen. Die letzten Zweifel sollten beim Blick in die Speisekarte beseitigt werden, denn selbst der hartgesottenste Backpacker soll nicht auf seine Spaghetti mit Tomatensauce, seinem Vanille-Pudding oder seinem Schnitzel verzichten muessen, waehrend er fremde Laender bereist auf der Suche nach Andersartigkeit. Dies war das Schlagwort. Der Antrieb eines jeden Reisenden, ist nach meiner Auffassung nach die Suche nach der Andersartigkeit, neue Eindruecke, neue Impressionen, neue Geschichten. Doch wie anders ist ein Ort eigentlich noch, wenn man sein Lieblingsgericht frisch zubereitet serviert bekommt, in klimatisierten, kuschlig –weichen Betten schlaeft und selbst die Bevoelkerung sich nur Aeusserlich als Anders abzeichnet? Ist dies eine Illusion, ein besseres Unterhaltungsprogramm vom bequemen Sessel aus?
Das gute ist, je mehr man sich in diesem Fragengeflecht verliert, umso mehr erkennt man die Sinnlosigkeit dieser Gedanken. Man dreht sich im Kreis. Und genau dies ist der Punkt wo der Daemon seine Kraft verliert. Warum – schauen Sie sich doch einfach mal an. Betrachten Sie ihre Haende und vergleichen Sie sie mit ihrem Kopf. Beides ist vollkommen unterschiedlich. Aber Sie muessen zugeben, dass alles zu Ihrem Koerper gehoert. Genauso verhaelt es sich mit dem wahren Indien. Viele Orte sind unterschiedlich, wie Haende und Koepfe, doch sie gemeinsam und nur gemeinsam bilden einen Koerper, ein Indien. Wuerde man etwas entfernen oder leugnen, wuerde ich sagen Gokarna ist nicht das wahre Indien, da es ist viel zu westlich gepraegt ist, so koennte ich genauso gut behaupten, meine Hand ist nicht Teil von mir. Beide Aussagen waeren Schwachsinn. Gokarna ist eben eine Facette von Indien, aber definitiv Indien. Moechte man das wahre Indien also beschreiben, so gehoert jedes Fleckchen dazu, egal wie andersartig es ist. Und wie durch Ihre Haende und Ihren Kopf das gleiche Blu fliesst, so fliesst letztendlich durch die noch so unterschiedlichsten Regionen die gleiche Kultur. Schliesslich wurden die Einheimischen in Indien geboren und erzogen. Das spaeter etwas Neues, etwas westliches hinzu kam, bedeutet nicht, dass das Alte verschwindet, auch wenn dies auf den ersten Augenblick so aussehen mag. Es mag verdeckt sein, aber es ist durchaus vorhanden. Eine perfekte Adaptation um beiden Kulturen gerecht zu werden, um flexibel genug zu sein sich in der indischen, sowohl als auch in der westlichen Kultur zu Hause zu fuehlen.
Doch wenn das wahre Indien letztendlich viele Facetten hat, so bleiben jenen Backpackern, die nicht bereit sind sich anzupassen, einige Bruchstuecke dieses Diamanten versagt. Doch wenn sie nur eine Facette auslassen bzw. sich der Moeglichkeit berauben diese zu erfahren, so koennen sie nicht das wahre Indien finden – denn dies beinhaltet nunmal alle Facetten – von konservativen Traditionen bis hin zur kompletten Verschmelzung mit westlichen Kulturen wie es in Grossstaedten der Fall ist – Gokarna ist da nur eine Zwischenstufe.
Aber dies kann ich nicht beurteilen, schliesslich berufen sich meine ganzen Schlussfolgerungen auf der Beobachtung von Aeusserlichkeiten, und wie viel die ueber einen Menschen aussagen soll jeder selber entscheiden. Vielleicht sind eben jene Backpacker in Gokarna so flexibel und angepasst, dass sie sich in jedem Ort angemessen kleiden und verhalten – in touristischen touristisch, in laendlichen laendlich. Denn das Ziel eines jeden Reisenden sollte es sein, so wenig wie moeglich aufzufallen. Nur so dringt man tief in die Kultur ein und erfaehrt die Andersartigkeit, die jeder sucht der sich auf Reisen begibt.