Donnerstag, 2. Oktober 2008

Hampi

















Am Freitag den 26.09. oder besser gesagt, Samstag am fruehen Morgen ging es mit dem Zug nach Hospet. Hospet ist das geschaeftige Zentrum dieser Region. Von hier aus startet man nach Hampi, denn hier laufen alle Strassen zusammen.
Nun zu Hampi. Fuer alle kulturell, geschichtlich Interessierten unter euch, hier ein paar Fakten.
Hampi ist laut dem “Lonely Planet” eine Ruinen Stadt der Vijayanagar aus dem 15. Jh. Die Landschaft ist bestueckt mit Granitfelsen, ueppigen Reisfeldern und einigen Bananenplantagen. Die Stadt selber gehoert zum Weltkulturerbe. In den Hindu-Legenden des Ramayana war diese Gegend das Reich der Affengoetter. 1336 wurde hier die Stadt Vijayanagar gegruendet, von welcher eines der groessten Hindu-Reiche der Geschichte heran wuchs. Im 16. Jh, umgaben den groessten Teil des Gebietes 7 Befestigungsmauern. Die Basare in dieser Zeit waren Zentren der internationalen Wirtschaft. Es kamen Haendler aus fernen Laendern um ihre Waren anzubieten. 1565 wurde jedoch diese bluehende Stadt von so einem miesen Sultan gepluendert – der nicht mehr aufzuhaltende Verfall began.
Obwohl es seit 1986 zum Weltkulturerbe gehoert, stehen lediglich 58 von 550 Monumenten unter jenen Schutz.
Aufgrund seiner Granitfelsen ist Hampi die unbestrittene Boulder-Hauptstadt Indiens. Manche Steine sollen sogar noch die Spuren der antiken Steinmetze enthalten.
Am Freitag ging es los. Und hier beginnt die Geschichte.

The Farting Conductor
Nachdem mich Shivakumar kurz vor Mitternacht am Bahnhof absetzte, machte ich es mir am Bahnsteig bequem. Auf einem Sockel, an einer Saeule gelehnt, mit dem Rucksack als Polsterung wollte ich dir vierzig Minuten auf den Zug wartend verbringen. Ich war deswegen so zeitig da, weil ich der indischen Puenktlichkeit nicht vertraute. Erfahrungsgemaess dauert es, wenn es heist “Jetzt geht’s los”, noch gute 20 – 30 Minuten, bevor sich irgendjemand in Bewegung setzt. Aus diesem, eben genannten Grund, stresste ich Shivakumar ein wenig, mich schnell zum Bahnhof zu fahren. Leider kommt man wohl in Indien niemals zu zeitig, sondern meistens zu spaet. So wartete ich und doeste vor mich hin. Die Arme vor der Brust verschraenkt und die Aermel herunter gekraempelt – denn es war kuehl. Von einer Bank neben mir aufstehend, schwankte ein Inder auf mich zu. Ich wusste nicht ob er lallte oder einfach nur in klarem Cannada mit mir sprach – ich hoerte keinen Unterschied. Seine Augenbrauen waren zu einer vertikalen Falte, direkt ueber der Nase zusammen gezogen. Sein Gesicht erschien wuetend – worueber wusste ich nicht. “English” – versuchte ich ihm zu verstehen zu geben, doch er sprach weiter in Cannada. Nach einer Uebersetzung suchend, schaute ich einen nebenan Stehenden an. Durch Mimik gab dieser mir zu verstehen, dass der Mann wohl nich mehr alle Tassen im Schrank hat – soweit war ich auch schon. Es passte. Diese Info plus seine schwankende Erscheinung legten die Vermutung nahe – wie einige von euch sicherlich schon gemutmasst haben – dass jener, mich immer noch mit energischer Stimme ansprechende Mann, betrunken sei. Ein Hobby, welchem hier viele Maenner in Gauribidanur, und wohl in jedem anderen Doerfchen, froehnen. Erst kuerzlich wurde ich fast Zeuge, wie einer in einen LKW rannte, nachdem er auf die Mitte der Strasse sprintete, um unserem hupenden Motorrad auszuweichen. Den entgegenkommenden LKW schien er nicht zu sehen. Doch wie von Geisterhand gestoppt, blieb er auf der nicht vorhandenen Mittellinie stehen. Nur Millimeter entfernt brauste der LKW an ihm vorbei und verschwand in der Nacht. Mit den englischen Worten “Station Master” wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich schaute verdutzt. Der Betrunkene forderte mich mit jenen Worten und einem Winken auf, ihn zum Station Master zu begleiten. Der Station Master ist der fuer den Bahnhof verantwortliche Beamte. Ich sprach zu ihm zuvor, um die genaue Abfahrtszeit meines Zuges zu erfragen. Er sprach gutes Englisch und ich vertraute ihm. Um den Betrunkenen nicht weiter zu veraegern – man weiss ja nie welche Gedanken einem in solchen Momenten durch den Kopf schiessen – und in der Hoffnung der vertrauenswuerdige Station Master wuerde schlichten, ging ich mit, nachdem ich zuerst mit “No, I just want to sit here!” und “Why?” seiner Aufforderung entgegnete. In seiner ruhigen Art ging der Station Master gar nicht weiter auf den Betrunkenen ein, als wir in seiner Tuer standen und er den Tumult mitbekam. Er gab mir zu verstehen, ich solle mich in aller Ruhe wieder hinsetzen. Doch so leicht wollte sich der Betrunkene nicht geschlagen geben. Energisch zeigte er auf einen Stuhl und forderte mich mit dem Befehl “Sit!!!” energisch auf dort Platz zu nehmen. Das reichte – ich war doch kein Hund, dem man willkuerlich irgendwelche Befehle gibt. Zu keinen Kompromissen mehr bereit sagte ich “No, I want to sit up there!” und zeigte auf meinen alten Platz. “Sit!!!!!” wiederholte er. Der Station Master schaute aus seinem Buero, sprach zu dem Mann und gab mir mit einer freundlichen, winkenden Geste zu verstehen, dass ich mich getrost dahin setzen koenne, wo ich will. Der Betrunkene lies von mir ab und schenkte nun seine gesamte Aufmerksamkeit den beiden anderen Maennern am Bahnsteig – mir sollte es nur recht sein. Bald fingen sie an zu lachen. Wer weiss was er ihnen alles aus dem Naehkaestchen erzaehlte.
Es laeutete die Glocke – eine Form aus Lehm gebrannt…. Dies bedeutete, dass man sich auf den Weg machen musste, um an die passende Stelle des langen Bahnsteigs zu gehen, um moeglichst direkt vor seinem Wagon, beim halten des Zuges, zu stehen. Die einzelnen Wagons sind nicht miteinander verbunden. Steigt man also in den falschen Wagen ein, kann man erst am naechsten Bahnhof wechseln. Die Zuege sind auch verdammt lang, und man hat keine Zeit alle Wagons abzuklappern.
Der Betrunkene verschwand in einer Tuer, zog sein Hemd aus, setzte eine Art Cowboy Hut, wobei eine Seite nach oben geklappt war, auf und griff nach einen Holzstock. Nun trug er die typische olive-braune Uniform eines staatlich angestellten indischen Beamten. Urploetzlich schien er auch wieder nuechtern zu sein – sofern er denn jemals betrunken war. “Come, I show you.” bot er mir freundlich an ihm zu folgen, um mich zur richtigen Stelle des Bahnsteiges zu begleiten. Er schien wie ausgewechselt. Wir lachten. Es freude ihn mein Cannada zu hoeren und als er meinen Namen vernahm sagte er nur “Like Michael Jackson.” Genau, wie Michael Jackson. Waehrend wir so auf dem Bahnsteig entlang liefen, lies er voellig ungehemmt, in allen moeglich Toenen der Tonleiter, mal lang, mal kurz, mal Sopran, mal Bass, einen nach dem anderen Furz los. Dies schien fuer ihn so selbstverstaendlich wie das Atmen. Unbeirrt, ohne Scham sprach er weiter. Der Zug kam, hielt und wir sprinteten zum richtigen Abteil. Er wuenschte mir noch eine gute Reise. Ich stieg ein. Im Zug konnte ich endlich lachen. Ich hatte es mir in Gegenwart des furzenden Schaffners verkniffen, obwohl dies bei jener Situation fast nicht moeglich war. Wirklich ein komische Typ dieser “Farting Conductor”.

Im Zug nach Hampi
Zugfahren ist in Indien ein kleines Abenteuer fuer sich. Die sogenannte Sleeper-Class ist die wohl am komfortabelste Klasse, mal von den klimatisierten Nobel-klassen abgesehen, und wie folgt aufgebaut. Auf der einen Seite befinden sich Abteile mit jeweils sechs Liegen quer zur Fahrtrichtung. Drei auf jeder Seite uebereinander. An der Decke, zwischen den Liegen befinden sich drei Ventilatoren um die stickige, warme Luft etwas umzuruehren. Auf der anderen Seite des Wagons befinden sich die sogenannten Side-Upper und Side-Lower Liegen. Da es lediglich nur zwei “Betten” sind, welche laengs zur Fahrtrichtung angeordnet sind, hat man, im Gegensatz zu den sechser Abteilen, deren Betten man in Upper-, Middle- und Lower-Berth unterteilt, wenigstens Platz sich hinzusetzen, ohne mit den Kopf anzustossen. Bucht man einen Schlafplatz auf den Middle- und Lower-Berth’s laeuft man Gefahr frueh morgens aus dem Bett geschmissen zu werden, denn die mittlere Liege wird, auf Wunsch, zur Rueckenlehne der unteren Liege herunter geklappt. Auf den Weg zu meinem Platz schlaengelte ich mich an all den Fuessen, Koepfen oder anderen Gliedmassen vorbei, welche in den Flur hinein ragten. An meiner Liege angekommen breitete ich einen Lungi auf ihr aus, um nicht auf der, vom Schweiss getraenkten Unterlage liegen zu muessen. Da es keinen Abstellplatz fuer den Rucksack gab und ich ihn auch nicht unbeaufsichtigt lassen wollte, wurde er kurzerhand als Kopfkissen missbraucht. Ich schluepfte sogleich unter einem zweiten Lungi, welcher als Zudecke diente. Es sollte nicht lange dauern, bis ich einschlief. Die Nacht verlief ohne Vorfaelle. Im Gegensatz zum Bus wurde man hier nicht von Schlagloechern wach gehalten. Durch den neu heranbrechenden Tag wachte ich auf. Ich schaute mich um. So viele Menschen passten in einen Wagon – es war verblueffend. Die Fenster waren vergittert, damit die Verkaeufer, welche auf jedem Bahnhof auf den Zug warten, nicht in die Abteile klettern, um einen Ihre Produkte zu verkaufen. Auch schuetzt dies vor Dieben, welche sonst versuchen wuerden Wertgegenstaende durchs Fenster zu stehlen. Als ich zum Klo ging stellte ich fest, dass die Tueren des Wagons bei voller Fahrt offen standen. Ich erledigte mein morgendliches Geschaeft, schnappte meinen Rucksack und nahm im Tuerrahmen platz. Ein Bein auf der aeusseren Stufe, das andere im Wagon, lies ich mir den Fahrtwind durch’s Haar wehen. Ich kam mir vor wie in jenen amerikanischen Filmen, wo der freiheitsliebende Hauptdarsteller, in einer offen Tuer eines Zuges sitzend, seinen Traum vom Abenteuer beginnt.
Ich wurde angestupst. Ich drehte den Kopf und erblickte die Person, zu welcher die Hand gehoerte, welche mich stupste – oder sollte ich besser “Stumpf’ sagen? Auf den Boden vor mir sass ein Bettler. Hoechstens Anfang zwanzig. Bis auf einen gesunden Fuss war er verstuemmelt. Das linke Bein war kurz ueber dem Knie, die eine Hand am Handgelenk amputiert und der andere Unterarm fehlte komplett. In seine schmutzigen und zersausten Lumpen gehuellt schaute er mich erwartungsvoll an. Mit dem Fuss schob er mir eine Sandale zu, und gab mir zu verstehen, dass ich darin meine “Spende” deponieren sollte. Ich lehnte ab.Wieder stupste er mich an, nicht aufdringlich, nur nach meiner Aufmerksamkeit suchend. Doch ohne es zu wissen, hatte er sie schon laengst, auch wenn ich mich von ihm abwand.
In Indien soll es eine Mafia geben, die arme Leute verstuemmelt, sie bewusst entstellt, um sie dann auf die Strasse zum Betteln zu schicken. Es gibt Geschichten wo Reisende gesehen haben, wie ein Krueppel – sorry fuer dieses Wort, aber mit Behinderung hat das nicht mehr viel zu tun – ohne Beine aus einem noblen Auto an einer Hausecke ausgesetzt wurde. Bei anderen zeigte das Fehlen der Schleifspuren im Boden eindeutig, dass jener entstellte Bettler nicht aus eigener Kraft ihren verformten Koerper zu diesen Platz geschleppt haben konnte. Natuerlich muessen diese armen Seelen das erbettelte an ihre Bosse abtreten und werden mit nur so viel Nahrung versorgt, dass sie den morgigen Tag ueberleben, um weiter fuer sie betteln zu gehen. Wenn man diesen Menschen also etwas gibt, haelt man diese ganze Maschinerie aus Korruption und Brutalitaet am Laufen. Man tut ihnen also nichts gutes, oder? Wie handelt man richtig und was ist falsch? Diese Frage sollte mich noch eineWeile beschaeftigen, als ich immer noch in der Tuer sass und er Bettler sich durch den engen Flur schleppte.
Dennoch ist erschreckend, wie schnell man sich an solche Begegnungen gewoehnt und mit welcher relativer Gelassenheit und Gleichgueltigkeit man solche Szenen beurteilt. Es ist also doch alles nur eine Frage der Gewoehnung.

In Hampi
Nachdem der Zug in Hospet hielt, musste ich noch gute 30 Minuten warten, bis der Schalter zum Kauf eines Rueckfahrtickets oeffnete. Inzwischen wurde ich von einem hartnaeckigen Riksha-Fahrer belagert. Fuer 150 Rs wollte er mich nach Hampi fahren – der Bus kostet jediglich 12 Rs. Fuer Sonntag war der Zug bereits ausgebucht. So war ich “gezwungen” erst am Montag abend zurueck zu fahren. Ich buchte das Ticket und suchte eine Riksha – oder besser gesagt – die Riksha suchte mich. “30 Rs zum Busbahnhof.” – das war diesmal nicht nur doppelt so teuer, wie sie es sonst versuchen, sondern gleich 3 Mal so viel. Aus dem “Lonely Planet” wusste ich, dass ich nur 10 Rs zu bezahlen hatte. Letztendlich siegte meine Hartnaeckigkeit. Am Busbahnhof angekommen, stieg ich sofort in den Bus ein, und ab ging’s. Durch kleine Doerfer und vorbei an alten Ruinen bahnten wir uns den Weg nach Hampi. Der Busbahnhof dort war lediglich ein fussballfeldgrosser Dreckplatz. Von da war man sofort auf dem Hampi-Bazaar. Staende leglicher Art tummelten sich links und rechts von einem. Man lief direkt auf den 50 m hohen, pyramidenfoermigen Eingang des Virupaksha-Tempels zu, in welchem sich einige Frauen zum Verkauf von Bananen tummelten. Am Tempel vorbei fuehrte mich mein Weg durch kleine Gassen, welche mit den verschiedensten Geschaeften geziert waren, zum Fluss. “You wanna fly? Something to smoke?” – “Moechtest du fliegen? Was zum rauchen?” wurde ich freundlich von der Bevoelkerung empfangen. Wirklich gastfreundlich diese Inder – dennoch lehnte ich schmunzelnd ab. Treppen fuehrten den Hang hinunter. Auf ihnen wurden Lungis, Saris, Hemden, Hosen und andere Stoffe ausgebreitet um von der Waerme der Steine und der prallen Sonne getrocknet zu werden. Eins von beiden haette auch gereicht. Einige stellten sich auch, mit ausgestreckten Armen den Stoff haltend in den Wind. Wenn dieser jedoch mal nach lies, fiel der Stoff wieder in den Dreck – aber darueber macht sich hier keiner Gedanken. Mein Blick schweifte ueber die Ufer, ausschau haltend nach einem Boot, welches mich ueber den Fluss bringen kann. Versteckt zwischen Felsen, einen kleinen Tempel als Anlegestelle nutzend wurde ich fuendig. Fuer 10 Rs wurde ich sicher ueber das braune Wasser ans andere Ufer gebracht, an welchem ich mich sofort auf den Weg ins “Shanti”, dem Hotel in welchem Simon und Jenni seit Freitag eingecheckt haben, machte. Der Pfad fuehrte vorbei an unzaehligen Hotels auf der einen und palmengesaeumten Reisfeldern auf der anderen Seite. Schliesslich fand ich es. Bungalow Nr. 24 sollte es sein – verschlossen. Naja, war ja auch etwas frueh dran. Da ich enormen Hunger hatte beschloss ich erst einmal ausgiebig zu fruehstuecken. Ich setzte mich, wie sich herausstellen sollte, zu einem Amerikaner, der genau wie ich in den Florida Keys “The Spiegel”, ein versunkenes Kriegsschiff, betauchte. Angeregt tauschten wir Erfahrungen aus. Ploetzlich erhallten Rufe aus der Rezeption. Simon und Jenni sassen die ganze zeit vorm Computer und surften im Internet. Herzlich umarmten wir uns. Es war schoen die Beiden wieder zu sehen. Danach folgte eine Fuelle von Informationen. Wir verstauten mein Gepaeck im Zimmer und machten uns auf den Weg in die Stadt. Wieder ging es mit dem kleinen Boetchen ueber den Fluss. Am Samstag schauten wir uns ein paar Tempel an, von denen es in Hampi nur so wimmelt. Einer davon war der “Virupaksha-Tempel”, eines der aeltesten Gebaeude der Stadt. Der groesste “gopuram” (pyramidenfoermiger Eingang), welcher um die 50 m hoch war, eben jener der einem sofort nach Ankunft in Hampi in den Blick faellt, wurde 1442 erbaut. 1510 folgte ein kleinerer. Der Hauptschrein im Tempel ist natuerlich Virupaksha, daher ja auch der Name, geweiht, einer Gestalt Shivas. In jenem Tempel wohnte die Elefantendame Lakshmi. Von ihr kann man sich fuer nur 10 Rs segnen lassen. Ein Schnaeppchen, welches wir uns nicht entgehen lassen konnten. Im Tempel selber sprangen unzaehlige Affen umher und rundeten die Atmosphaere ab. Kaum angekommen hatten wir auch sogleich einen Fuehrer. Ohne das wir ihn fragten, fing er an alle moeglichen Fakten herunter zu rasseln. Geld fuer seine Dienste verlangte er am Ende seiner Fuehrung. Dies ist auch typisch fuer Indien. Irgendjemand bietet seine Dienste an und am Ende wird dann nebenbei erwaehnt, das dieser Dienst Geld kostet. Gerade in Tempeln bekommt man einfach etwas erklaert und dann muss man zahlen – schliesslich hat man ja die Dienstleistug schon in Anspruch genommen.
Das interessanteste im Virupaksha-Tempel war ein, auf den Kopf gestelltes Abbild des Eingangs. Nach dem Prinzip einer Lochkamera field as Licht des Turmes durch eine kleine Oeffnung in der Wand und wurde auf der anderer Seite des Raumes abgebildet. Durch weitere Ruinen schlendern verbrachten wir den Tag, welcher mit einem Bier am Abend versuesst wurde. Am Sonntag mieteten wir uns zu dritt eine Riksha fuer 200 Rs, welche uns dann drei Stunden lang von Tempel zu Ruine zu Tempel fuehrte. Das Highlight bildete der sogenannte “Vittala-Tempel”. Folgt man am oestlichen Ende des Hampi-Bazaars einem kleinen Fussweg nach links, kommt man nach 2 km direkt dort an. Der Tempel stammt aus dem 16. Jh.. Hoechstwahrscheinlich began der Bau waehrend der Regierungszeit von Krishnadevaraya – 1509 – 29. Er wurde leider nie fertig gestellt, geschweige denn geweiht. Dennoch bilden seine unglaublichen Skulpturen den Hoehepunkt der Vijayanagar-Kunst. Die aeusseren “musikalischen” Saeulen sollen beim daraufklopfen widerhallen. Leider erreichte mich diese Information zu spaet. Im Hof des Tempels steht ein steinerner, schoen verzierter Triumphwagen, mit einem Bildnis Garudas. Frueher, so sagt man, konnte man sogar die steinernen Raeder drehen. Vom ganzen Kultur-Sightseeing erholten wir uns erstmal mit einer Pizza in einem der unzaehligen touristischen Restaurant – dementsprechend waren hier die Preise.
Bald danach brachen Simon und Jenni wieder auf. Ich begleitete sie zum Busbahnhof.

Aryuvedische Massage
Als Simon und Jenni im Bus nach Hospet gen Horizont verschwanden, schlenderte ich in aller Seelenruhe ueber den Bazaar. Zwangslaeufig kam ich am Buchladen vorbei. Der Besitzer ist ein kleiner Mann mit grosser Brille. Freundlich wie alle spricht er im Gegensatz zum Durchschnittsinder ein fast akzentfreies Englisch. Steckt hinter diesem kleinen, so zerbrechlich wirkenden Mann, der einen kleinen Buchladen in Hampi fuehrt, vielleicht in Gebildeter, ein Genie? Diese Frage werde ich wohl nie beantworten koennen. Irgendwie erinnerte er mich an Mahatma Gandhi – obwohl ich diesen nur aus Buechern und Spielfilmen kenne. Vielleicht ist es seine kleine zierliche Gestalt, seine ueberdimensionierte Hornbrille, seine klare und gewaehlte Ausdrucksweise, sein ruhiges, Sympathie ausstrahlendes Wesen, oder einfach alles zusammen – ich vermag es nicht zu sagen. Jener Mann – Gandhi jr. – lud mich abermals ein, seinen Laden zu besuchen. Ich hatte es ihm versprochen und ausserdem kann ich mich bei Buchlaeden sowieso kaum zurueck halten wenigstens einen kleinen Abstecher hinein zu machen, um nach Buechern zu stoebern und die Zeit zu vergessen. So bog ich ab, zog den Kopf ein – eine Lektion die ich mehrmals an diesem Tag schmerzlich lernen sollte – und betrat seinen Shop. Er war recht uebersichtlich und schnell war meine Entscheidung getroffen – ein Buch um Cannada zu lernen und eine Biographie von Gandhi – diesmal dem Richtigen – in seinen eigenen Worten, sollten es werden. An der “Kasse” nutzte er sogleich die Gelegenheit um mir einen Zettel zu zeigen mit Angeboten Aryuvedischer Massagen. Leider konnte er mir nicht sagen, wieviel eine einfache Rueckenmassage kostet. Doch das Aryurvedische Zentrum sei nur 2 Minuten von hier entfernt. Natuerlich lies er es sich nicht nehmen mich dorthin zu begleiten. Wobei ich nicht weiss ob dies aus dem Grund geschieht um wirklich sicher zu sein, dass man am richtigen Ort ankommt um seine Geldboerse zu erleichtern oder aus reiner Freundlichkeit. Wahrscheinlich ist es wie immer eine Mischung aus beidem. Als wir dort ankamen war die Tuer verschlossen. Die Frau sei beim Mittag. Ich versicherte Gandhi jr. spaeter wieder zu kommen. Er unternahm noch einen letzten Versuch um sicher zu stellen, dass ich auch wirklich eine Massage in Ansopruch nehmen wuerde, und fuehrte mich zu dem vermutlichen Platz, an welchen die Frau Mittag zu machen schien – keine Spur. Ein Junge vom Chai-Stand gegenueber kam zu uns gelaufen und meinte ich sollte lediglich zehn Minuten warten. Ich wollte nicht warten. Ich erzaehlte beiden, mich spaeter im Zentrum zu melden.
Nach verstrichener Zeit lief ich wieder den Hampi Bazaar entlang. Wieder am Buchladen vorbei, und obwohl ich den Weg bereits kannte, begleitete mich Gandhi jr. zum wiederholten Male. Dies bestaetigte meine Theorie, dass er tatsaechlich seiner Mitbuergerin zu einem Geschaeft verhelfen wollte. Doch dieser Gedanke konnte sich beim Anblick dieses so liebenswuerdigen Menschens nicht festigen. Das Zentrum stellte sich als ein kleiner, dunkler Raum, mit zentraler Liege, welche mit einem einladenden Plastikueberzug versehen war, heraus. Das einzige, was ich wollte war eine nette, halbstuendige Ruecken-Schulter-Massage. Leider gestaltete sich die Verhandlung etwas schwierig. Die gute Frau rief die Nachbarin zu Hilfe, mit welcher ich 200Rs / 4 Euro fuer 30 Minuten aushandelte. Die kleine Holztuer wurde geschlossen, das Fenster, welches eine letzte Hoffnung auf Licht war, wurde verriegelt und eine kleine Rotlichtlampe begann ihren Dienst anzutreten. Ploetzlich war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich im richtigen Etablissement war. Betrachtet man jedoch die soziale Distanz, die Abgegrenztheit, welche in Indien zwischen Maennern und Frauen besteht, so macht diese Atmosphaere durchaus Sinn. Maenner duerfen Frauen auf der Strasse nicht ansprechen und Frauen duerfen in der Oeffentlichkeit auch keinen Mann anschauen Selbst Paerchen ist es untersagt auf der Strasse Haendchen zu halten, geschweige denn sich zu kuessen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist diese Atmosphaere durchaus berechtigt. Man vermeidet die peinlichen Momente, das Unwohlsein welches fuer eine indische Frau aufkommen wuerde, wenn Sie einen Mann anschaut, und dieser dann dazu noch halb entkleidet ist. Sie zupfte an meinem Hemd und gab mir so zu verstehen dieses auszuziehen. Ich kam ihrer Aufforderung nach und nahm auf der Liege platz. Sie war zu weich. Man versank foermlich in der, mit Plastikfolie ueberzogenen, Matratze, so dass der Kopf in einer unangenehmen, ueberstreckten Position zum Liegen kam. Ich drehte ihn zur Seite, um wenigstens etwas Luft zu bekommen. Doch sogleich wurde ich korrigiert, und mein Gesicht in die Unterlage gedrueckt – es roch penetrant nach Plastik. Sie begann am Kopfende stehend, meinen Ruecken entlang zu streichen – der uebliche Beginn einer Massage. Da sie so klein und ich so gross war, musste sie sich stark nach vorne ueberbeugen, um auch den unteren Teil meines Rueckens zu erreichen. Ihr Bauch kam auf meinem Hinterkopf zum Liegen und presste mich nun foermlich in die Unterlage. Doch damit nicht genug – schliesslich kam das gesamte Gewicht ihres Oberkoerpers auf mir zum Liegen – ich drohte zu ersticken. Ich hatte Glueck – schon bald wurde mein Kopf wieder zur Seite gedreht.
Die Massage war nichts besonderes. Viel Oel, Streichungen, bei denen ihre Fingernaegel mich immer wieder kratzten, ein paar Knetungen im Schulterbereich, bei welchen Sie regelmaessig abschnappte und das war’s. Teilweise unsymmetrisch wiederholte Sie scheinbar ohne logischen Aufbau ihre Techniken.
Irgendwann wurde ich auf einen Stuhl umgelagert. Sitzenderweise, ohne entspanntes Anlehnen ging es munter weiter. Nachdem Sie mir ein wenig auf dem Ruecken rumtrommelte, und penibel darauf achtete auch ja nicht meine Wirbelsaeule auszulassen begann Sie mite in paar Dehnuebungen fuer meinen Kopf. Mit einer schnellen, ruckartigen Drehbewegung zur Seite beendete Sie den sitzende Teil der Massage. Dies erinnerte mich an jene Actiofilme, wo der Held die gegnersichen Wachen mit der gleichen Technik ausschalet, und diese leblos zu Boden sacken – ich ueberlebte ihren klaeglichen Versuch, wahrscheinlich nur, weil ich zu verkrampft da sass, und wurde wieder aufgefordert auf der Liege platz zu nehmen. Diesmal auf den Ruecken liegend, was mir etwas seltsam vorkam, hatte ich doch eine Rueckenmassage bestellt. Sie bearbeitete meine Chakras – sogenannte Energieballungszentren des Koerpers. Als ich schon kurz vor’m wegschlummern war wurde mein gesamter Koerper wieder in die Unterlage gepresst. Diesmal jedoch vom gesamten Koerpergewicht der Frau, welche gerade damit beschaeftig war auf die Liege zu klettern um es sich auf mir gemuetlich zu machen. Ich war wie gelaehmt als Sie auf mir zum Liegen kam. Ihr Gesicht konnte ich wegen des roten Lichtes nur Schemenhaft erkennen, jedoch der Fakt, dass es nur eine Handbreit ueber mir drohnte war erschreckend. Ihr aufgesetztes Laecheln gab ihre gelben Zaehne preis. “Sorry mam, just a massage” – “Verzeihung, bloss eine Massage” stammelte ich – und ohne wiederrede kletterte Sie von mir herab. Vielleicht fuehlte Sie sich durch meine Aufforderung genauso erleichtert wie ich.
Ich dachte an die wahrscheinlich hohe Anzahl an Kinder, welche diese Frau schon geboren hatte – Verhuetung ist in den Doerfern noch weitestgehend unbekannt – und Sie erschien mir als eine verzweifelte, liebende Mutter, welche vielleicht ihre Kinder gern studieren sehen wuerde. Eine zu romantische Vorstellung? – Vielleicht.
Sie massierte mir noch ein wenig den Ruecken, dann waren die dreissig Minuten vorbei. Ich zog mich an, kramte die 200 Rs zusammen und gab ihr das Geld. Natuerlich vollfuehrte Sie die uebliche Geste – alle Fingerkuppen einer Hand beruehrten einander und wurden immer wieder zum Mund gefuehrt – “Ich moechte Geld fuer Essen. Gib mir mehr Geld.” Soll diese Geste bedeuten. Ich verneinte. In einer komplizierten Abfolge von Beruehrungen des Tisches, Buecher, Statue, Kuss des Geldes und Hand auf’s Herz – verabschiedete Sie mich. Endlich zurueck im Licht, lief ich zureuck zum Hotel. Gedanken schossen durch meinen Kopf. Wieviele Maenner Sie wohl schon massiert hat und wieviele wohl weitere Dienste von Ihr in Anspruch genommen hatten? – waren nur einige davon.
Im Hotel angekommen hatte ich das dringende Beduerfniss mich erstmal gruendlich zu waschen – woraus eine Zeremonie von drei Waschgaengen wurde – sicher ist sicher.
Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe, glaube ich auch zu verstehen, was Gandhi jr. meinte, als er sagte “She’s doin a good massage. You will feel refreshed and relaxed.” – “Sie kann wirklich gut massieren. Danach wirst du dich erfrischt und entspannt fuehlen.” Er kann nicht ernsthaft ihre Qualitaeten als Masseuse gemeint haben. Wusste er, dass sie noch einiges mehr im Programm hat? Hat dieser kleine sympathische Kerl mich bewusst an eine Prostituierte vermittelt? Auf den Weg zum Hotel sprach mich der Junge vom Chai-Stand an – “Sir, she’s waiting for you. Massage.” – “Sie wartet auf dich-Massage” – ich erklaerte ihm, dass ich soeben von ihr kam. Wusste auch er – dieser hoechstens 15 jaehrige Chai-Verkaeufer - bescheid? Langsam beschlich mich das Gefuehl, dass alle Inder sich gegen die Touristen verschworen hatten. Die reichen Weissen, von denen kann jeder ein Stueck abhaben. Wenn ich ihm nichts verkaufen kann, dann vielleicht mein Nachbar, mein Freund – vielleicht koennen Sie dem Weissen etwas Geld abknoepfen. So hilft einer dem anderen. Aber doch nicht mein Mr. Gandhi jr. – oder doch? Vielleicht stell ich ihn noch zur Rede.
Es war eben einer jener Erfahrungen, die einem irgendwann zu Gute kommen. Ich bezahlte 200 Rs, doch gewann eine wichtige, unbezahlbare Erfahrung – sei stets wachsam.
Wenn ich arm waere, und muesste mit anschauen wie Europaer, mit Schuhen, Hemden, Taschen, Kameras, welche alle einzeln schon mehr Wert sind, als ich in ein paar Monaten verdiene, so wuerde ich auch meinen Stolz vergessen und alle Register des Moeglichen ziehen um ein Stueck vom Kuchem ab zu bekommen - Prostitution ist nur eine Moeglichkeit.

Die letzte Geschichte aus Hampi dreht sich um:

Der Bettler dessen Name ich vergessen hab
Nachdem ich mich also mehr als erfrischt hatte, lief ich zum Tempel. In seiner schuetzenden und mysthischen Atmosphaere wollte ich meine Gedanken zu Papier bringen. Im Innenhof, auf einer Treppe vor einem kleinen Altar des Affengottes Hanuman, lies ich mich nieder – die Schuhe hatte ich dabei natuerlich ausgezogen. Tempel und andere heilige Staetten, dazu zaehlt auch das Delta des Ganges, duerfen unter keinen Umstaenden mit den schmutzigen Schuhen betreten werden. Fuesse im allgemeinen ist fuer die Inder wohl das Ekelerregenste was es gibt. Ein Wunder eigentlich, denn wagt man einn Blick in so manche Kueche wuerde man zu anderen Schluessen kommen. Die groesste Beleidigung, welche man einem Inder entgegenbringen kann, ist es, ihn mit einer Sandale zu hauen – dem schmutzigsten, mit Dreck besudelsten Gegenstand, den es hier gibt.
Dieser Glaube macht durchaus Sinn. Stellt euch vor Ihr waert ein Priester im alten Indien, wo Goetter noch in den Tempeln wohnen. Ihr gehoert zu den wenigen Gebildeten des Kontinents, ihr koennt schreiben, lesen und besitzt vielerlei Wissen. Wie heute auch noch, wurde schon damals, und sogar noch mehr, jegliche menschlichen Beduerfnisse auf der Strasse erledigt. Faehrt man im fruehen Morgen durch die Strassen kann man Kinder beobachten, welche frei von jeglicher Scham – Kinder eben – auf die Strasse kacken. Aus dem Bus heraus beobachtete ich einen kleinen Jungen, welcher eine Saeule vom Boden bis zum Hintern reichend auf der Strasse deponierte. Die Erwachsenen sieht man mit ihrem kleinen Wasserbehaelter schamvoll - Erwachsene eben - auf's Feld oder hinter einen Busch verschwinden. Jeglicher Muell landet auf der Strasse. Schuhe traegt nicht jeder. Und tatsaechlich – aus diesem Grund sind Fuesse in Indien tatsaechlich wohl das schmutzigste was es gibt. Um nun meine ungebildeten Glaeubigen vor Krankheiten zu schuetzen, wuerde ich auch behaupten, dass Schuhe einfach unheilig sind. So wird die Religion zum wichtigen Instrument der Krankheits-Prophylaxe. Genau das gleiche passiert mit den Raeucherstaebchen. Sie werden als komplett rein angesehen – und das sind sie auch. Schliesslich vertreiben sie Muecken und anderes Ungeziefer. Wird man als Glaeubiger angehalten jeden Abend eine Puja – ein kleines Gebet – fuer die Goetter abzuhalten, so stellt man sicher, dass in jedem Haushalt Weihrauch verbrannt wird und somit eine ruhige, mueckenfreie Nacht bevor steht. Aber zurueck zur Geschichte.
Als ich also auf den Stufen sitzend, meine Gedanken nieder schrieb, kam ein Junge, etwa 13 bis 14 Jahre, mit nur einer Kruecke und scheinbar fehlendem Fuss, seine Hose bedeckte den vermeintlichen Stumpf, auf mich zu gehumpelt. In Gedanken formte ich bereits die Worte “Beda” – Cannada fuer “Nein”, denn ich vermutete, dass er mich gleich nach Geld fragen wuerde. Doch ich irrte. Er sah mich mit meinem Buch dasitzend, in Gedanken gehuellt und er fragte in gutem Englisch – “Drawing?” – “Mals Du?”. “No, just writing.” – “Ich schreibe nur.” Antwortete ich, und zeigte ihm als Beweis die Seite. “Nice handwriting.” – "Schoene Handschrift.” – wenn das meine ehemaligen Lehrer hoeren koennten. Er verschwand. Die Sonne ging unter und huellte die 50m hohe Eingangspyramide in ein sanftes Rosa. Ich steckte das Buch weg und aenderte meinen Standort, einem, von welchem ich ein gutes Photo schiessen konnte. Ich baute mein Stativ auf, montierte die Kamera und stellte einen schoenen Winkel ein – und da war er wieder – der Junge. Er beobachtete mich, setzte sich neben mich auf die Treppe und laechelte mir zu. Wir unterhielten uns ein wenig auf Cannada und dann wieder Englisch.
Er erzaehlte mir von seiner Familie, die 100 km entfernt wohnt, einem Autounfall und das er allein sei. Ich vermutete, dass diesmal bestimmt die naechste Frage nach ein wenig Geld sein wuerde – nichts geschah. Schnell packte ich mein Stativ ein - irgendwann ist man es leid immer wieder "Nein" sagen zu muessen - verabschiedete mich mit der Halbwahrheit ich muesse zum essen gehen. “Can I come?” – “Kann ich mit?” – “No, I’m meeting some friends.” – “Nein, ich treffe mich mit Freunden.” log ich.
“Okay.” sagte er mit einem, in keinster Weise enttaeuschten Laecheln. Auf halben Wege ueber den Innenhof hielt ich an, um ein letztes Photo vom Sonnenuntergang zu schiessen. Da kam er wieder – in meine Richtung. Doch er verfolgte mich nicht – wir laechelten uns zu und er ging einfach weiter. Irgenwie beruehrte er mein Herz. Er schien gebildet und clever zu sein. Doch, was mich am meisten beeindruckte – er fragte nie nach Geld. Auch wenn es naiv ist, so moechte ich doch daran glauben, dass er aufrichtig an mir interessiert war, meine Naehe suchte, um einfach durch ein nettes Gespraech seinem Alltag zu entfliehen, ein wenig Englisch zu ueben oder jemand seine Geschichte mitzuteilen um fuer nur einen kurzen Augenblick etwas Aufmerksamkeit, nach der jeder Mensch strebt, zu erhalten. Vielleicht wollte er nur eine kurze Auszeit nehmen, bevor er die anderen Touristen wieder nach Geld fragen wird.
Gerade wegen diesem nicht-fragen, nicht-betteln, nicht-aufdringlich sein – haette ich ihm Geld gegeben, ihn zum Essen einladen sollen.
Vielleicht verpasst man durch sein antrainiertes Misstrauen ein paar wichtige und schoene Momente, welche das Leben einem bietet. Man beraubt sich Freundschaften, einem Laecheln oder einem gluecklichen Moment. So stellt sich die Frage, was moechte man? Moechte man durch Misstrauen die wenigen Menschen strafen bzw. Missachten, welche es gut mit einem meinen, oder durch zu viel Vertrauen auf alle Betrueger reinfallen um eben jenen gut beseelten Menschen gerecht zu werden?
Dazu faellt mir nur Buddha ein: “Meide die Extreme – waehle den mittleren Weg.” Ich hoffte am naechsten Tag noch eine zweite Chance zu erhalten. In Gedanken dankte ich dem Jungen, dem Bettler, dessen Name ich vergessen habe, fuer diese Lektion. Und insgeheim stellte ich mir vor, dass er ein, als Bettler verkleideter Buddha war – woher sonst sollte er eine solche Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, in seinem Leid.

Und die Moral von der Geschicht...
Ich stellte weder Gandhi jr. zur Rede - man sollte nicht in einem klaren Teich wuehlen, es wuerde ihn nur trueben. Keine Gewissheit zu haben ist manchmal besser, so bleibt einem die Moeglichkeit der Phantasie und Mr. Gandhi jr. wird mir immer in guter Erinnerung bleiben.

Auch sollte ich den Bettler, dessen Namen ich vergessen hatte nicht wieder sehen. Manche Momente sollte man einfach erkennen und nutzen - sie kommen nicht wieder.

So ging das schoene Wochenende Hampi seinem Ende entgegen. Im Zug traf ich noch 4 Backpacker, einen Deutschen - wir studierten zur gleichen Zeit an der TU Dresden -, 2 Daeninnen und eine Spanierin. Irgendwie beneidete ich sie und wuenschte mich in die Zeit zurueck, als ich als Backpacker durch Australien ziehen konnte. Bleiben solang man will und wo man will - sich nicht festlegen, sondern einfach treiben lassen - ich sehnte mich danach und schlief ein.