Montag, 6. Oktober 2008

Shanti Climbing













Der erste Bus der nach Bangalore fuhr war hoffnungslos ueberfuellt. Jeder freie Platz war mit der maximalen Anzahl an Inder besetzt. “Come, come!” vernahm ich die Rufe Kumars durch das Getuemmel der Menschen, welche nur schwach durch die unzaehligen Hupen zu hoeren war. Ein zweiter Bus nach Bangalore hielt direct hinter dem Ersten - Kumar erspaehte ihn und schob mich in den Bus. “Bis Sonntag Kumar.”. Ich hatte sogar Glueck – ein Platz war frei – letzte Reihe – das Katapult. Egal, lieber im Sitz hochgeschleudert zu warden als stehen. Einige Busstationen weiter stiegen ein paar Inder zu. Unter ihnen befand sich auch ein recht wohlgenaehrter. Es gibt nich viele beleibte Inder auf dem Land, die meisten sind drahtig. Wie sollte es auch anders sein – der Dicke nahm genau neben mir Platz. Mein klaustrophobisches Ich meldete sich zu Wort und gesellte sich zu mir. Gemeinsam ging es weiter. Je laenger die Fahrt dauerte, desto uebler wurde mir. Der Magen schmerzte leicht und eine Schuessel Kloese steckte mir im Hals. Ich wechselte ans Fenster um zur Not einen nichtsahnenden ueberholenden Motorradfahrer zu begluecken.
Ohne es zu sehen wusste man – Bangalore, wir kamen naeher. Die Luft verdickte sich, was meinem subjektiven Wohlbefinden nicht zum Vorteil verhelfen sollte. Kaum am Majestic Busstand – dem Hauptbusbahnhof in Bangalore – ausgestiegen flitzte ich auf’s Klo. Durch meine fundierte, medizinisch gepraegte Ausbildung war die Diagnose schnell gestellt – Diarrhoe, und zwar in Perfektion. Great – genau an dem Wochenende wo wir klettern gehen wollten musste ich die Scheisseritis kriegen. Kaum hatte ich das Klo verlassen, drehte ich um und stattete ihm einen erneuten Besuch ab – Wiedersehen macht Freude. Als der Darm endlich Ruhe gab meldeten sich meine Kloese. Durch die Massen schlaengelnd suchte ich nach einem ruhigen, idyllischen Platz im Freien, wo ich gelassen erbrechen konnte. Soweit sollte ich jedoch nicht kommen. Wie auf Erdoel gestossen schoss es aus mir heraus, platschte auf den Boden und spritzte mir auf die Fuesse – ich trug Flip-Flops – “Welcome in Bangalore” dachte ich mir. Wenigstens ging es mir danach etwas besser. Ich wartete auf Simon – Platform 4. Gemeinsam nahmen wir den Bus nach Whitefield, dem Stadtteil Bangalor’s wo Shugo – unser Kletterguide – wohnte. Shugo rief mich ueberraschend vor einige Wochen an. Von Lasya – meiner Betreuerin – hatte er gehoert, dass ich vorhatte in Indien zu klettern. Er selber arbeitete professionell als Guide fuer Touren durchs Himalaya und Klettern ist seine Leidenschaft, sein Leben – das spuehrt man ganz deutlich. Ich stellte ihn mir als grossen, athletischen, von Muskeln strotzenden Inder vor. Als dann dieser kleine, etwas untersetzte, eine Zigarette im Mundwinkel balancierende Inder vor mir stand, verschwand dieses Bild wie ein Schneemann in der Saune. Von Anfang an mochte ich ihn, und das sollte sich auch nicht aendern. Er wirkte sympathisch, sehr gebildet, freundlich und nett. Momentan verdient er ein geld als Programmierer fuer Animationsfilme. Nach einer kleinen Vorfuehrung war ich schwer beeindruckt – ich verstand nicht einmal nichts, ich verstand rein gar nichts. Da es bereits Elf war, gab es Essen von der Strasse. Nicht fuer mich. Mir war immer noch uebel und ich begnuegte mich mit Keksen. Sein Appartement lag in einem Komplex, welcher komplett, wie eine Festung, von einer Mauer umzaeunt wurde, in welche man jediglich durch kleine, gesicherte Durchgaenge gelangte. Nach dem Essen und viel Gelaechter ging es schnell ins Bett. 4.30 Uhr sollte es los gehen. Die Nacht war alles andere als Erholsam. Regelmaessig wachte ich auf um entweder zu brechen oder dem immer wiederkehrenden Durchfall Platz zu machen. Am naechsten Morgen war mir immer noch leicht uebel, doch ich entschied mich dafuer, dennoch mitzugehen – schliesslich spielt es kaum eine Rolle, ob es mir im Appartement oder in der Natur schlecht geht, oder doch? Es sollte sich al seine gute Entscheidung heraus stellen, denn im Laufe des Tages verschwand meine Unwohlsein weitestgehend.
Durch die leeren Strassen Bangalore’s hetzten wir von einem Bus zum anderen –der reinste Marathon, und das am Morgen. Die letzten Kilometer dann zu Fuss.
Herrlich frische Luft, ueberall Boulder und eine leichte Prise rundeten das Bild ab, welches uns sich auf dem “Gipfel” eines Felsbrocken sitzend und Bangalore im Morgengrauen beobachtend, bot. Der Ausblick war herrlich – da war es also, dieses stinkende Bangalore. Es erstreckte sich ueber den gesamten Horizont. “What you wanna do?” – “Was wollt ihr machen?” – fragte Shugo. “Erstmal nur Bouldern.”. Bouldern ist das Klettern an Felsbrocken. Man befindet sich immer in Absprunhoehe und kann somit sehr gut Techniken ueben, ohne Gefahr zu laufen sich ernsthaft zu verletzten – fuer den Anfang perfekt. Er zeigte uns verschiedene Techniken. Wie man seine Fuesse am Besten einsetzt, wie man seine Balance nicht verliert und vieles mehr. Dann wechselten wir zu einer Wand. Shugo baute einen Stand um uns zu sichern und wir legten unsere Klettergurte an. Nun ging es 20m hoch und runter. Eine letzte Runde bouldern sollte den Rahmen um diesen Tag schliessen.
Zurueck im Appartement hatten alle nur noch eins im Sinn – ESSEN. Ja wir dachten tatsaechlich in fettgedruckten, Grossbuchstaben. Haette auch nicht gedacht, dass es klappt, aber es scheint zu funktionieren – somehow. Diejenigen, die diesen Gedanken nicht teilten, zu welchen ich zaehlte, eigentlich nur ich, hatten andere Gedanken – DUSCHEN. Spaetestens danach waren jedoch alle der gleichen Meinung – ESSEN. Der Gedanke verformte sich tatsaechlich zu kursiv. Auf dem Gaskocher auf dem Balkon bereiteten wir Omletts, Reis, eine Art Kartoffelsalat und eine leckere, aber verdammt scharfe Sosse, zu. Rasch verschwand alles in unseren Baeuchen.
Am naechsten Morgen ging es etwas weniger zeitig mit dem Zug zu einem anderen Oertchen. Stehend und eingeklemmt verharrten wir im Wagon. Endlich vorm sicheren Tod durch Erquetschung befreit, liefen wir zum Fusse des Berges. Auf den Weg dorthin fiel mir ein kleiner Laden ins Auge, welcher mit Huehnern handelte, oder besser gesagt mir ihrem Fleisch. Im Vordergrund throhnte ein grosser Baumstamm, als Schlachtfeld dienend. Die Huehner, an den Beinen gepackt, wurden aus einem dunklen Hinterzimmer nach vorn getragen. Gackernd und mit den Fluegeln schlagend wurde ihnen Kopfueber die Kehle aufgeschnitten, um dann anschliessend in eine Holzkiste zu ihren todgeweihten Artgenossen geworfen zu warden. Mir kam die Szene aus dem Film “Gladiator” in den Sinn, in welcher die Krieger in einer Reihe vor ihrem Imperator stehen und diesen mit “Wir, die Todgeweihten gruessen euch.” Ansprachen. Ich stellte mir die gleiche Szene mit Huehnern vor – witzig und bizarre zugleich. In dieser Kiste rannten sie, solang es der Platz zulies, in ihrer Panik noch solange herum, bis sie erschoepf zu Boden sanken und ihr Leben aushauchten. Ueberall lagen Huehnerkoepfe und starrten einen aus ihren kalten Augen an. Durch die gestapelten Gedaerme machte sich ein uebler Geruch breit. Ein was gutes hatte der Laden – man konnte sicher sein, dass man frisches Fleisch bekam. Langsam verstummte das Todesgegacker der Huehner als wir weiterzogen.
Verblueffend – der Gipfel erinnerte mehr an einen Haufen Murmeln als an einen Berg. Riesige Felsbrocken – oder Boulder – lagen aufeinander und bildeten ein Labyrinth von Hoehlen, Gaengen und unterschiedlich grossen Kammern, in welche sich nur aengstlich das Licht vor wagte. Klettern, kriechend und keuchend schoben wir uns durch die Spalten, von einem Lichtstrahl zum Anderen. Belohnt wurden wir von faszinierenden Felskonstruktionen und seltsamerweise gedeihenden Auslaeufern der Vegetation.
Mit vielen schoenen Eindruecken ging auch dieser Tag zuende – nun, noch nicht ganz. Nebenbei bemerkt war es mein Geburtstag und so ganz ohne Feiern wollte ich ihn doch nicht verstreichen lassen. So packten wir schnell unsere Sachen und machten uns auf den Weg zur Mahatma-Gandhi – oder kurz MG-Road. Diese Strasse ist die wohl westlichst gepraegte Strasse in ganz Bangalore. Hier reihen sich Shops mit Markenware wie Reebok, Puma, Adidas und wie sie alle heissen an Fast-Food-Ketten wie KFC, McDonalds und anderen Gourmet-Tempeln. Auch die Inder erinnern mehr an Hollywood Schauspieler wie Tom Cruise und Kate Hudson. In einem netten Lokal mit fetziger Rockmusik liesen wir uns nieder. Ich schmiss eine Runde Bier – das Uebliche – “Kingfischer Strong”.
Die naechsten Zeilen sollen bitte nur diejenigen weiterlesen, welche ein Geheimnis fuer sich behalten koennen. Sollte irgendeine Information nach aussen dringen, so koennte dies fatale Folgen fuer mich haben. Unter gar keinen Umstaenden solltet ihr zu irgendjemand darueber sprechen.
Zur Feier des Tages goennte ich mir Beef – Rindfleisch, die Hohe Kunst des Fleisches – aus den Lenden einer heiligen Kuh geschnitten. Doch daran verschwendete ich keinen Gedanken, als ich hastig die Bissen hinunter schlang – ich dachte nur in kursiv, fett gedruckt. Doch in dieser so westlich anmutenden Strasse schien es auch nicht weiter schlimm zu sein. Wir diskutierten noch eine ganze Weile ueber Sinn und Un-Sinn an Traditionen fest zu halten oder allgemein gesprochen, das Reinhalten einer Kultur. Diese jungen Inder schien nichts mehr mit ihrer Kultur zu verbinden. Nehme man ihr Verhalten und subtrahiere ihr Erscheinungsbild wie Hautfarbe – man koenne nicht sagen welcher Kultur sie angehoeren.
Noch im Bus stellte ich mir die Frage, wie weit Veraenderung, Globalisierung gehen kann, darf? Wie wichtig ist die Bewahrung einer Kultur? Kommt es vielleicht zum Kultur-Wechsel, so wie man am Ende eine Fussballspiels sein Trikot mit der anderen Mannschaft tauscht? Viele Eropaer sind fasziniert von der indischen Kultur, ihrer Mystik, mit all ihren Vorzuegen wie Yoga, Aryuveda und Meditation. Auf der Suche nach spiritueller Befriedigung oder gar Erleuchtung, nach den Weisheiten alter Sadhus wie man sie aus Buechern kennt streben viele danach sich mehr und mehr der indischen Kultur zu naehern, durch Kleidung, Verhalten und Gedanken. Aber auch das Gegenteil passiert. Die Inder orientieren sich am Westen – tragen Hosen statt Lungis und schicke Hemden, wie man es von den Darstellern in Hollywoodfilmen gewohnt ist. Als Gegenpol sieht man Europaer mit weiten Baumwollhemden und schlapper Hosen – zu welchen ich mich momentan auch zaehlen muss – im asiatischen Stil. Der Austausch oder besser gesagt der Wechsel der Kulturen hat bereits vor einiger Zeit begonnen. Das Ergebnis sind Inder die Aussehen wie Europaer und Europaer die Aussehen wie Inder. Jeder ist der Schatten des Anderen und doch etwas Neues. Doch was? Jeder traeumt von der Andersartigkeit der Fremden. Das Gras auf der anderen Wiese ist eben immer gruener als auf der Eigenen.
So neigte sich mein Geburtstag dem Ende zu.
Der Bus entfuehrte mich in die Nacht – Ziel Gauribidanur.