Donnerstag, 16. Oktober 2008













Dinge die ich nicht wusste

Um die Spannung gleich vorweg zu nehmen – hier die Dinge, die ich an jenem Morgen nicht wusste. Ich wusste nicht, dass ich an diesem Tag innerhalb von zehn Minuten in zwei Busunfaelle verwickelt werden sollte, dass ich von einer der weltweit groessten freistehenden Buddhastatuen enttaeuscht sein wuerde und ich wusste nicht ob ich ueberhaupt noch ei Zimmer in Hyderabad bekommen wuerde – denn es war Festival-Zeit.
Als ich diese Zeilen verfasste, sass ich in einem Zimmer, von welchen ich wie gesagt am Morgen noch nichts wusste, mit freiem Oberkoerper auf dem schmalen Balkon, die kuehle Abendluft geniessend, den, von der Ferne herangetragenen, Klaengen von Bollywood-Musik lauschend und liess den Tag noch einmal Revue passieren.
Es ist Montag Morgen – kaum zurueck vom Klettern verkuendete mir Shivakumar, dass in jener Woche ein grosses Fest anstehen wuerde – Dussehra. Das mehrere Tage andauernde Fest bietet eine gute Moeglichkeit fuer alle zu ihrem Familien zu fahren, um mit ihnen zu feiern. Ich wuerde also mit Hanumandaba, unserem Nachtwaechter und einer Art Bediensteten, allein im Projekt sein, was mich prinzipiell nicht stoeren wuerde. Doch wollte ich mir nicht die Chance entgehen lassen um fuenf Tage am Stueck zu reisen. Das war einfach perfekt – fuenf Tage am Stueck frei zu haben, ohne Urlaub nehmen zu muessen. Meine Zahnraeder liefen auf hochtouren, Mysore sollte das Ziel sein. Dort soll eine ordentliche Show auf die Beine gestellt weden. Abends ist alles beleuchtet und den ganzen Tag ueber finden Konzerte, Tanzauffuehrungen und andere kulturelle Events statt. Abgerundet wird das ganze durch eine glitzernde Prozession am letzten Tag. Reich geschmueckte Elefanten, ein mit Blumen verziertes Goetzenbild, livrierte Bedienstete und eine Menge Reiter werden zum Rythmus der Musik vom Palast bis zum Bannimantap-Paradeplatz stolzieren. Ein Feuerwerk beendet das Ganze. Ich hing diesen Gedanken eine Weile nach, und malte mir das Bild im Kopf schon farblich aus – frei nach dem Motto „Malen nach Zahlen“ solange bis, ja bis einer Sand ins Getriebe kippen musste – „Alle Hotels werden ausgebucht sein.“ meinte Shivakurma. Kurz innehaltend, war es nicht wirklich ein Argument – schlafen kann man immer und ein Plaetzchen wird sich schon finden. Soweit so gut – sollte dies die einzige Befuerchtung sein, waere ich dennoch gefahren. Doch Shivakumar meinte weiter – du wirst nichts sehen, es sind zu viele Menschen. Letztendlich ueberstimmte mich Naik – „Vier Jahre lebte ich in Mysore und hab kein einziges Mal das Fest gesehen oder die Paraden, so viele Menschen tummeln sich dort.“ Das sass. War es der ganze Aufwand wert – fuer nichts? Ein Alternativplan musste her – schnell – die Zeit draengte. Unter keinen Umstaenden wollte ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen. Also schaute ich im Lonely Planet nach ruhigen, etwas abgelegeneren Plaetzen, wo sich keine Menschenmassen aufhalten werden. Schnell fiel mein Blick auf „Nargajunakonda“, 150 km suedoestlich von Hyderabad. Hier entdeckte der Archaeologe A.R. Saraswathi im Jahre 1926 eine alte Ruinenanlage. 1953 wurde dann bekannt, dass dieses Gebiet in absehbarer Zeit von dem gigantischen Stausee Nargajunasagar ueberschwemmt werden wuerde. Um die buddhistischen Ruinen vor den Fluten zu retten, wurde eine grossangelegte Ausgrabungsaktion gestartet. In den darauffolgenen Jahren wurden viele viharas, chaityas (Tempel) und mandapas (Saeulenpavillons) von dem Erdreich befreit. Des weiteren stiess man auf einzigartige weisse Marmorplatten aus Buddhas Leben. Die praehistorischen Ueberreste lassen darauf schliessen, dass Menschen bereits vor ca. 200.000 Jahren in dieser Region lebten. In diesem Gebiet sollen sich insgesamt rund 30 Kloester erhoben haben – klingt doch ganz gut, oder?
Der Name „Nagarjunakonda“ ist nach Nagarjuna, einem buddhistischen Moench benannt, welcher im 2. Jh.n.Chr. die Madhyamika-Schule gruendete. Viele bezeichnen ihn heute als den Stammvater des Mahayana-Buddhismus und seine Schriften trugen massgeblich zur Entwicklung des Buddhismus, wie wir in heute kennen, bei, wie z.b. durch sein Werk „Siebzig Ferse ueber die Leerheit“.
Wenn das nicht Musik in meinen Ohren war. Begeistert von meinem Vorhaben berichtete ich Devindra. „Dann faehrst du am Besten ueber Hyderabad. Da mus ich auch hin.“ Ich und Devindra „on the road“ – eine klasse Vorstellung – der Plan stand fest. Just in time – denn es war bereits Dienstag. Noch schnell eine Puja – eine Art Zeremonie, Gebet wo das Buero kurzerhand zum „Tempel“ umfunktioniert wurde – mit dem hauseigenen Priester, einem Festessen mit allen Mitarbeitern und dann ging es auch schon los – erster Stop – Bangalore. Wenn ich vorher schrieb, dass der „Majestic-Busstand“ von Menschen ueberfuellt ist , so habe ich eiskalt gelogen. Das Bild, welches sich uns diesmal bot war verblueffend. Ein Meer von Menschen. „Wo soll’s hingehen?“ – ist die hier uebliche Begruessung. Herzlich wurden wir empfangen. Wir ignorierten den Sender der Nachricht. Doch dieser blieb hartnaeckig. „Ihr werdet keine Plaetze mehr bekommen – alles voll. Ich kann euch helfen.“ Ein uebler Trick? Ein gesundes Misstrauen ist in Indien durchaus angebracht und hat nichts damit zu tun, das schlechte im Menschen zu suchen, oder ihm boese Absichten zu unterstellen. Lediglich das objektive, selbstaendige abwaegen von Informationen, bevor man sich auf Geschaefte einlaesst. Auf dem Basar, in den Rikshas holt man sich erst mehrere Angebote ein, um eine ungefaehre Ahnung davon zu bekommen, wieviel man bezahlen sollte – so macht das Feilschen auch viel mehr Spass.
Diesmal war sogar selbst Devindra, als gestandener Inder, misstrauisch. Doch wir merkten schnell uns blieb keine Chance. Entweder wuerde uns dieser Typ helfen oder wir bleiben in Bangalore – also gingen wir mit. Tatsaechlich fuehrte er uns zu einem Buero, ganz in der Naehe des Busbahnhofs, fuer Busse der KSRTC, der Karnataka State Road Transportation Corporation. 750 Rs pro Person – reiner Wucher. Sie wussten, dass alle zu ihren Familien wollten – Angebot, Nachfrage – wir hatten schlechte Karten. Normal wuerde die Fahrt 400 Rs kosten. Froh ueberhaupt noch einen Platz ergattert zu haben, zudem noch in einen der komfortablen Busse, in welchen es durchaus moeglich ist waehrend der 12 Stunden dauernden Fahrt etwas Schlaf abzufassen. Die Zeit bis zur Abfahrt vertrieben wir uns – mit was auch sonst – mit Chai. Endlich – 11 Uhr – der Bus setzte sich in Bewegung – ich sitze am Fenster, Devindra am Flur. Draussen zieht Bangalore, halb schlafend an uns vorbei – wir schlafen ein.
Wiedereinmal wurde ich aus meinem Sitz gehebelt. Man kennt es ja bereits. Soweit ist dies bei Busfahrten nichts neues. Kurze Zeit befand ich mich wieder einmal ohne jeglichen Kontakt zum Bus in der Luft. Draussen regnete es und es war 6.30 Uhr am Morgen, die Sonne war gerade aufgegangen, trotzdem war es noch recht kuehl. Doch von alldem bekam ich nichts mit – noch nicht. Erst als beide Knie, gefolgt von linker Schulter und dem Rest meines Koerpers gegen den Vordersitz prallten, wachte ich auf – was blieb mir auch anderes uebrig. Verdutzt schaute ich mich um. Ein mindestens genauso irritierter Devindra schaute zurueck. Was war geschehen?
Da ich die Spannung bereits aus der Geschichte genommen habe, duerfte wohl jedem klar sein, was sich ereignete. Ich blickte nach vorn und erkannte den Grund meines ploetzlichen Erwachens. Nahtlos ging der Bus in einen LKW ueber – wie als haette man ihn vorne angeschweist. Frontalzusammenstoss par excellence – frontaler gehts nicht. Ein Kind weinte und einige Insassen hielten sich das Gesicht vor Schmerzen, etwas Blut tropfte aus ihrem Mund, Nase oder beidem. „Devindra, wie geht’s dir?“ – „Alles bestens, und dir?“ Ich inspizierte meinen Koerper – ausser den Knien und der linken Schulter tat mir nichts weh, und die „Schmerzen“ waren lediglich auf ein paar leichte Kratzer und Prellungen zurueck zu fuehren. Alle Bewegungen waren schmerzfrei. „Ich bin OK!“ Wir stiegen aus. Ernsthaft zu Schaden kam zum Glueck niemand. Ich schaute die Strasse zurueck, leichter Nieselregen bedeckte die Strasse und meine Kleidung war alles andere als warm. Ein weiterer Bus, nur wenige hundert Meter hinter uns war in den Graben gerauscht. Was fuer ein bizarrer Zufall – zwei Busunfaelle in so kuerzer Zeit. Doch dabei sollte es nicht bleiben. „Der Bus faehrt nirgendwo mehr hin, lass uns nach einem neuen suchen.“ Im Regen liefen wir die Strasse entlang, auf der Suche nach einer Moeglichkeit die letzten 150 km nach Hyderabad zurueck zu legen. Es sollte nicht lange dauern. Aus unserer Not wurde geldgierig noch einmal Kapital geschlagen. 125 Rs – oder wieder aussteigen, und das fuer zwei Stunden stehen – der Bus war voll. Wir zahlten. Ein Paerchen auf der ersten Reihe rutschte zusammen und Devindra ueberlies mir mit den Worten „I’m more used to stand than you.“ den Vortritt mich hinzusetzen. Ich nahm Platz. Es war so ziemlich der schlechteste Platz im Bus, den man haben kann, ueberlegte ich. Bei einem Frontalzusammenstoss wird die Wucht des Aufpralls nicht von einem relativ weichen und nachfedernden Vordersitz gebremst, sondern man rauscht knadenlos in den Stahlkaefig, welcher den Fahrer umgibt – eine Platzwunde waere wohl das geringste Uebel. Solchen Gedanken nachhaengend beobachtete ich nun den Verkehr auf’s genauste. Eine Schikane – die klassische Variante, eine rechts-links Kombination, verlangte nach eine Reduzierung der Geschwindigkeit – diese Gesetze der Logik wurden von unserem Busfahrer mit naiver Ignoranz missachtet – er setzte zum Ueberholen an, wie Ralf Schumacher zu seinen besten Zeiten. Mit der Brechstange versuchte er den Bus an einem LKW vorbei zu peitschen. Jedoch war der Geschwindigkeitsueberschuss verschwindend gering – aber auf den Versuch kam es ja an – wer nicht wagt der nicht gewinnt oder dabeisein ist alles. Mit dem zweiten sieht man besser – haette ihm lieber durch den Kopf gehen sollen, denn aus mir unerfindlichen gruenden sah er nicht den kleinen silbernen Wagen, welcher auf uns zu kam, oder er ignorierte ihn selbstverstaendlich, in der Hoffnung, er wuerde sich vielleicht in Luft aufloesen. Schon beim Ansetzen des Ueberholvorgangs sah ich „Das wird nie was.“ Ohne zu ueberlegen griffen meine Haende nach dem Stahlgelaender vor mir. Das Weisse der Knoechel kam zum Vorschein, als sich mein Griff verstaerkte, die Fuesse suchten im Boden nach halt – dann passierte es – Ruuuummmms. Ein kleiner, kurzer, dumpfer Knall hallte durch die Luft und bestaetigte die Gewissheit, welche ich noch nicht bereit war anzunehmen. Im Bus spuehrte man den Aufprall verhaeltnissmaessig kaum und er war, sofern man sich festhielt, fuer keinen eine Gefahr. Ich schaute zu Devindra – er stand ja schliesslich im Flur und hatte es irgendwie geschafft nicht aus der offenen Tuer geschleudert zu werden. „Schnell raus. Schnapp dir die Sachen.“ rief er mir geistesgegenwaertig zu. Wir waren die Ersten aus dem Bus. Gelaehmt starrte ich auf das unter den Bus geschobene Auto. Meine Blicke fixierten den leblosen Fahrer, welcher ueber des Lenkrad gebogen, eingequetscht zwischen knadenlos, nicht nachgebend wollenden Metall, lag. „Fahr zurueck!!!“ war wahrscheinlich die Uebersetzung von den Schreien, welche die Insassen des Busses, die nun ebenfalls nach draussen stroemten, dem Busfahrer zuriefen. Es knarrte, Spannungen im Metall gaben nach, Glas splitterte als der Bus zurueck setzte. Langsam drangen Schreie aus dem Auto. Das Wimmern von Kindern und Frauen war zu vernehmen – von Sekunde zu Sekunde intensiver werdend. Auch ihnen wurde so langsam bewusst was geschehen war. Wie viele im Auto sassen konnte man nicht sagen, dei Rueckscheiben waren getoent. Einer versuchte mit einem Fausstoss die Scheibe zu zertruemmern – ihm fehlten einige Stunden im Fitnessstudio. Irgenwie helfen wollend, eilte ich und holte einen Stein, mit welchem ich die Scheibe zum bersten bringen wollte. Bevor ich auch nur irgendetwas tun konnte wurde mir der Stein aus der Hand genommen. Seine potentielle Energie wurde in kinetische umgewandelt und in relativer Beschleunigung zur Erdoberlfaeche naeherte er sich verdammt schnell der Scheibe – Nichts.
Irgendwie gelang es jedoch die Tuer zu oeffnen. Zum Vorschein kamen drei Kinder und drei Frauen – alle unter Schock, kreidebleich, ihren Blick in andere Welten richtend und apathisch wimmernd. Sie setzten sich auf die nasse Fahrbahn. Ein Kind sass ruhig da, sagte nichts, schaukelte jediglich mit dem Oberkoerper vor und zurueck, vor und zureuck, vor und ... Der Mann war noch immer eingeklemmt. Suchend blickte sich eine Frau um. Eingerahmt von zersaustem Haar erinnerte ihr Gesicht an den Schurken von Batman – Twoface – der Mann mit zwei Gesichtern. Eine Seite ansehlich, war die andere umso mehr entstellt. In riesigen Fetzen hing ihr Gesicht, wie abgehangenes Fleisch, herab. Die Szene schien aus einem schlechten Horrorfilm geklaut – leider war sie es nicht.
Ausser zuschauen blieb uns nichts uebrig, was konnten wir auch schon tun? Hier wollten wir nicht bleiben – wir liefen los. Schliesslich kuemmerten sich mehr als genug Helfer um die Verletzten. Devindra wollte zur naechsten Busstation laufen. Fuenf Kilometer – laut aussagen von Einheimischen. Doch Schaetzungen in Indien sind mit Vorsicht zu geniessen. Egal ob einer bescheid weiss oder nicht – er wird eine Antwort geben. „Lass uns umdrehen und im Stau nach einem Bus suchen.“ Meinte ich. Wir kehrten um. Erneut vorbei an jener Stelle, wo der lang ersehnte Feiertag fuer eine Familie, kaum begonnen, schmerzlich beendet wurde – Happy Dussehra. Ich blickte noch einmal zum Auto – der Mann war befreit und lag roechelnd auf der Rueckbank. Wahrscheinlich, von uns nicht wahrnehmbar, sass ein weiterer Gast im Auto und schaerfte, mit, durch lange Zeit erprobten, eingeuebten Bewegungen seine Sense.
Entgegen den Massen der Schaulustigen, liefen wir in den Regen, den Stau entlang und stiegen in den dritten Bus an diesem Tag.
Wut breitete sich in mir aus, beim Anblick dieser Sensationsgeilen Menschen. Ich wollte ihnen noch hinterherrufen „Enjoy the view.“ – „Geniesst die Aussicht.“ Oder „Have fun“ – „Habt Spass“ doch ich verkniff es mir.
Der Bus in welchem wir uns jetzt befanden, sollte uns letztendlich heil nach Hyderabad bringen. Ersteinmal was essen – schliesslich waren wir seit 15 Stunden unterwegs. Ohne grosse Umwege ging’s ins naechstbeste Restaurant. Danach trennten sich unsere Wege. Ich suchte nach einem Hotel und fuer Devindra ging es ins vier Stunden entfernte Bidar zu seiner Familie.
Zur Stadt selber gibt es einiges zu sagen. Hier residierten einst die maechtigen Adelsfamilien der Qutb Shahi und der Asaf Jahi. Im Kontrast zur „Software-Dynastie“ steht das charmante, alte muslimische Viertel, dessen Monumente schon mehrere hundert Jahre auf den Buckel haben. Ueberall trifft man auf Moscheen. Einst war Hyderabad ein wichtiges Zentrum der muslimischen Kultur. Noch heute betet ein grosser Teil der Bevoelkerung gen Mekka. Somit vereint sie hinduistische und islamische Traditionen.
Sowie ich im Hotel angekommen war, ging es auch schon weiter. Die Abid Rd nach Norden folgend – immer der Nase nach. Das Ziel – Hussain-Sagar, ein See in dessen Mitte sich eine der weltweit groessten, freistehenden Buddhastatuen erhebt. Das steinerne Abbild Buddhas wurde 1990 nach fuenfjaehriger Arbeit fertiggestellt. Als man den 17,5 m hohen Monolithen zu seinem angedachten Platz transportieren wollte, sank der Lastkahn unter den 350 t Gewicht. Erstt zwei Jahre spaeter – 1992 – wurde er vom Grund des Sees geborgen und auf seinen Sockel gestellt, wo er jetzt noch ruht.
Schon vom Ufer aus konnte man die schwachen Umrisse erkennen. Vom Limbini Park aus, was einem kleinen Freizeitpark gleichkommt, fahren alle paar Minuten Schiffe zu der kleinen Insel. Ich buchte ein Ticket und betrat kurz danach den Landungssteg. Die Statue kehrte mir den Ruecken zu. In den Sockel waren verschiedene Bilder aus Buddhas Leben eingraviert. Eins erkannte ich als jene Szene, kurz bevor Shakyamuni die Erleuchtung erlangte, als Mara – Herr der Finsternis – noch einen letzten Versuch unternahm ihn vom rechten Weg abzubringen, indem seine Toechter aufreizend um ihn tanzten. Heute wuerde man die Szene wie folgt beschreiben: Some fucking hot chicks, dressed up like some naughty bitches, where shaking what their mama gave them to seduce one nerd.
Auf dem Sockel stand er nun, die linke Hand in Hoehe der gleichen Schulter, die Rechte mit der Handflaeche nach vorn weisend sah er fast aus wie ein ueberdimensionaler Verkehrslotze – Buddha. Das ueberwaeltigende Gefuehl, wie ich es mir vorgestellt hatte beim Anblick der Statue blieb aus. Vielleicht lag es an dem Freizeitpark, von welchen die Boote ablegten, an den vielen Menschen, welche im Akkord dorthin gefahren wurden, vielleicht lag es aber an der vorgegebenen Zeit, welche man dort zubringen durfte oder dem Wissen sich in einer Grossstadt zu befinden und nicht in einem entlegenen Tempel, welches den Zauber fuer mich nahm. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lag es aber auch an den Ereignissen des fruehen Morgen, welche sich wie ein Schleier ueber den Tag legten.
Auf dem Rueckweg entdeckte ich zwischen den Haeuserzeilen einen Tempel. Gespannt suchte ich einen Weg durch das Gewirr von Strassen. Nach wiederholten nachfragen, fand ich mich in einem kleinen Gaesschen wieder. Den Weg folgend stieg ich empor zum – wie ich spaeter erfahren sollte – „Birla-Mandir-Tempel“. Der Tempel ist vollkommen in weiss gehuellt. Der dafuer benoetigte Marmor wurde 1976 aus Rajasthan hergebracht. Wie aus einem Maerchen ziert das Bauwerk den Kalabahad, den schwarzen Berg. Der Tempel selber ist Sri Venkateshwara geweiht und von daher ein wichtiges Pilgerzentrum fuer Pilger.
Doch all diese Dinge wusste ich nicht, als ich dem Gaesschen weiter folgte. Habe ich schon erwaehnt, dass ich kleine verwinkelte Gaesschen mag? Schon in Barcelona, die wenigen Male in welchen ich Ehre hatte diese Stadt besuchen zu duerfen, zog es mich von den grossen Strassen weg in die kleinen Nebenstrassen. Links und rechts tummelte sich ein Souvenir-Shop nach dem anderen. Gewitterwolken zogen auf und der Himmel faerbte sich schwarz. Ein schoener Kontrast zu dem bluetenweisen Marmor. Schuhe und Kameras mussten am Eingang abgegeben werden. Ich steckte mir heimlich meine Kamera in den Hosenbund und versuchte sie so mit reinzuschmuggeln. Am Metalldetektor, am Fusse der Treppe, wurde ich aehnlich wie am Flughafen kontrolliert. Die Frage, ob ich ein Handy dabei haette, bejahte ich aus dem Affekt heraus und wurde postwendend zurueck geschickt. Wenn ich ein Gott waer, und einige tausend Jahre alt, waeren mir auch diese kleinen Geraete suspekt, mit welchen man um die ganze Welt sprechen kann – ist dies doch ein Privileg der Goetter.
Diesmal gab ich jedoch meine Kamera mit ab, was sich im weiteren Verlauf beim Passieren von drei weiteren Metalldetektoren, als sehr kluge Entscheidung herausstellen sollte. Beim Betreten des Tempels laeutete ich die Glocke – dem Beispiel der Inder folgend. Besucher klingeln ja schliesslich auch, bevor sie es sich im Haus des Gastgebers gemuetlich machen. Alles war in weiss gehuellt. Vom Tempel selber hatte man einen herrlichen Ausblick ueber Hyderabad. Zwischen den schwarzen Wolken zuckten Blitze, leichter Regen benaetzte den glatten Marmor, machte ihn noch glatter und schmieriger und jeden Schritt zu einer Herausforderung fuer jedes Vestibularorgan. Ich genoss die Aussicht – ein wahrhaft goettlicher Anblick.
Zu Fuss lief ich die 4 km zum Hotel zurueck, welche durch unzaehlige Zwischenstopps in kleinen Handwerkerlaeden gespickt wurden. Endlich im Hotel angekommen, zog ich mein Hemd aus, setzte mich auf den schmalen Balkon, die kuehle Abendluft geniessend, den, von der Ferne herangetragenen, Klaengen von Bollywood-Musik lauschend und liess den Tag noch einmal Revue passieren. Dabei dachte ich an all die Dinge, welche ich an diesem Morgen nicht wusste.


Nagarjunakonda

Frueh verliess ich das Hotel um mich auf den Weg zum „Charminar“ zu machen, welches das 56 m hohe und 30 m breite Wahrzeichen der Stadt ist. Mohammed Quli Qutb Shah – einen Respekt an jeden der diesen Namen in einem Ritt aussprechen kann – lies das imposannte Gebaeude mit seinen vier Tuermen 1591 errichten. Jeder Torbogen weisst in eine der vier Himmelsrichtungen. Wie findige Leser daraufhin schlussfolgern werden, handelt es sich exakt, nicht mehr und nicht weniger, gtenau genommen um vier Torboegen. Im 2. Stock befindet sich Hyerabads aelteste Moschee.
Das Leben auf der Strasse war gerade im Begriff zu erwecken. Ueberall lagen noch schlafende Haendler auf ihren Waegelchen und selbst die Bettelr waren noch zu muede einen nach Geld zu fragen. Ich muss dazu sagen, dass ich sehr selten, um nicht zu sagen nie, solang es sich vermeiden laesst – zeitig aufsteh. Umso mehr geniesse ich die wenigen Morgende wo ich dieses Erwachen erlebe. Einmal ueber den Fluss war es nur noch ein Katzensprung. Von weitem konnte man es schon erkennen – Charminar. Da ich zu zeitig da war, und der Einlass noch geschlossen hatte, stattete ich der „Mecca Masjid“, neben dem Charminar eine der groessten Moscheen der Welt, gleich um die Ecke einen Besuch ab. In ihrem Inneren finden bis zu 10.000 Glaeubige Platz, Maenner wohlgemerkt – Frauen muessen draussen bleiben. 1614 wurde der Grundstein gelegt. Die Bauarbeiten dauerten jedoch bis 1687 an. Der Name der Moschee kommt von den Backsteinen ueber dem Eingangsportalm, welche aus Mekka gebrannt wurden.
Der Platz innerhalb der Moschee war gesaeumt von unzaehligen Tauben. Inmitten stand ein Inder, welcher sich als lebende Statue anbot. Die Moschee selber war verschlossen und man konnte nur durch die Gitterstaebe einen Blick ins Innere erhaschen. Gemuelich fruehstueckte ich im Schatten der Charminar und erklomm gestaerkt die Stufen in einem der vier Tuerme. Von hier hatte man einen herrlichen Ausblick. Traeumend verfolgte ich die Karawane von Kamelen, welche sich den Weg durch den Laad Bazaar bahnte. Nach einem kurzen Abstecher zum Gerichtsgebaeude, welches aus Sicherheitsgruenden nicht besichtigt werden konnte, aber dennoch eine beeindruckende Architektur besass, ging es vorerst zum Hotel zurueck und ohne Umschweife weiter zum Busbahnhof. Mit der freundlichen Hilfe eines Jungen, welcher am Bahnhof angestellt war, fand ich schnell den richtigen Bus.
Die naechsten vier Stunden verbrachte ich halb schlafend, halb wach im Bus. Wenn ich wach war, schaute ich aus dem Fenster. Die Landschaft zog an mir vorbei und beim Anblick dieser wurde ich stark an Australien erinnert – es war die gleiche Art Vegetation, ich schwelgte wieder einmal in guten Erinnerungen. In Nagarjunasagar angekommen quetschten wir uns zu acht in eine Riksha – bei weitem noch nicht das Limit der Moeglichen Anzahl an Inder, welche sich hier stapeln koennen – fuer mich war es allerdings vollkommen ausreichend. So legte ich de letzten Kilometer meiner Reise an diesem Tag zurueck. Direkt gegenueber des Landungssteges, wo ich praktischer Weise auch von der Riksha abgesetzt wurde, befindet sich laut Lonely Planet ein empfehlenswertes Hotel. Die Zimmer welche noch frei waren kosteten ab 600 Rs pro Nacht aufwaerts – dies sprengte den Rahmen dessen, was ich bereit war auszugeben. Schliesslich konnte mir der Rezeptionist noch ein weiteres Hotel oder besser gesagt eine sogenannte Lodge, wohl den Hostels in Australien entsprechen, empfehlen, die auf den vielversprechenden Namen – „Golden Lodge“ – getauft wurde – dabei sollte es aber auch bleiben. Womit ich nicht sagen moechte, dass es ein schlechtes Hotel ist, aber der Name „Golden“ impliziert etwas anderes. Auch daran gewoehnt man sich, alles, ist es auch noch so schaebig hat irgend einen pompoesen Beinahmen, wie „Royal“, „Palace“ oder eben „Golden“ so und so.
Jedenfalls bekam man hier ein Zimmer fuer 150 Rs, nichteinmal 3 Euro die Nacht – dies lag genau in meinen Vorstellungen. Die Zimmer waren klein, stickig aber dafuer sehr abenteuerlich anmutend – ich war ueberzeugt. Ich checkte ein und machte mich auf den Weg die Gegend zu erkunden – viel zu sehen gab es letztendlich nicht, was vielleicht auch daran lag, dass so langsam die Nacht herein brach.
Einen kleinen Tempel besuchend, angelockt von Gesaengen und Trommeln, lies ich mich von der Atmosphaere eine Puja mitreisen. Schnell knuepfte ich „Freundschaft“ mit den Kindern, welche ganz gierig drauf waren mit mir englisch zu reden. Als mich der Hunger vom Tempel fort lockte, wurde ich mit, in Zeitungspapier eingehuellten, Reis ueberhaeuft. Somit hatte sich die Frage nach dem Abendbrot auch geklaert. Manche Probleme loesen sich eben doch von selbst. Ich genoss das Essen und schlief beruhigt in meiner Kammer ein.


Natural Shower

Ein erneut frueher Start und eine munter machende Dusche lies mich den Tag beginnen. Ich fruehstueckte ausgiebig und machte micht auf den Weg zur Ablegestelle der Boote nach Nagarjunakonda. Schon wieder war ich zu zeitig. „Der fruehe Vogel... faengt sich gleich eine, wenn er nicht sofort die Klappe haelt“, dachte ich mir und verbrachte wartend die Stunde bis zum Abfahrt. So langsam tummelten sich die Touristen vor dem Schalter fuer die Tickets, ich gesellte mich zu ihnen. So wie ich in der Schlange stand, bemerkte ich, wie sich eine zweite Schlange bildete, jedoch an einem Schalter, an welchem es keine Tickets fuer das Boot gab – ich kam ins gruebeln. Vorsichtshalber fragte ich nach – „Das ist der Schalter, wo man die Eintrittskarte fuer die Insel erwerben kann.“ kam als Antwort. Gut zu wissen. Das Ticket, welches ich im Begriff war zu kaufen, war also bloss fuer das Uebersetzten. Dort angekommen wuerde man wahrscheinlich wieder zurueck geschickt, sofern man nicht den Eintritt fuer die Insel bezahlt hat. Da offensichtlich jeder die Insel besichtigen wollte, fragte ich mich nach dem Zweck von zwei verschiedenen Tickets – schnell gab ich auf. Die indische Logik ist noch ein rotes Tuch fuer mich, und wuerde mir nur Kopfschmerzen bereiten.
schmalen Balkon, die kuehle Abendluft geniessend, den, von der Ferne herangetragenen, Klaengen von Bollywood-Musik lauschend und liess den Tag noch einmal Revue passieren. Von einer Schlange zur naechsten fand ich mich vor dem Einlass wieder. Schnell kam ich jedoch ins Gespraech mit einigen Umstehenden. Ich erfuhr, dass sie im folgenden Monat nach Deutschland kommen, um dort in Muenchen fuer einen bayrischen Autohersteller zu arbeiten. Auf der einstuendigen Fahrt gesellte ich mich zu ihnen und die Zeit verging wie im Flug. Auf der Insel angekommen entschloss ich mich trotzdem diese alleine zu erkunden und bog schon schnell ab. Alte Ruinen, Statuen und Stupas waren ueberall verstreut. Die Atmosphaere war ruhig und einfach zum dahinschmelzen, was allerdings an den unmenschlichen Temperaturen lag. Die Uhr tickte – nach einer Stunde Aufenthalt mussten wir leider schon wieder auf dem Schiff sein. Kurz vor knapp traf ich dort meine indischen Begleiter wieder. Ohne Umschweife wurde ich eingeladen sie auf einen Trip zu nahegelegenen Wasserfaellen zu begleiten – ohne gross zu ueberlegen sagte ich zu. So ging es, kaum festen Boden unter den Fuessen habend mit einer Riksha auf die Reise. Erster Zwischenstopp war ein Strassenhaendler. So ein Saftladen. Im Akkord wurden Orangen geschaelt, gepresst, der Saft auf Wunsch mit Zucker versetzt und an Durstige, von denen es an diesem Tag nicht wenige gab, verkauft. Ein Feuerwerk der Sinne. Noch einen kurzen Blick auf die Staumauer geworfen ging es weiter. Der Wasserfall lag in einer wunderschoenen, mit saftigem gruen gezeichneten Umgebung. Einem ausgetretenen Weg folgend naeherten wir uns dem Gewaesser. „We want to take a shower – will you join?“ – „Wir moechten duschen – was ist mit dir?” – was war das fuer eine Frage, es waren gefuelte 50.000 Grad Celcius, mindestens und im Schatten. Wir entledigten uns unserer Kleider, nunja fast. Vorsichtig balancierten wir ueber die klitschigen Steine auf allen Vieren. Die Muehe wurde durch eine herrlich erfrischende, mit Massage-Effekt versehene, die Durchblutung anregende Dusche belohnt. Schon was feines so eine „Natural Shower“.
Freunde kommen und Freunde gehen – so trennten sich auch diesmal wieder unsere Wege. Mich fuehrte mein Weg zurueck zur „Golden Lodge“, wo ich meinen Rucksack schulterte und mich auf den Weg zum Bus machte. Noch keinen Schritt vor die Tuer gesetzt wurde ich vom Nachtwaechter des Hotels angesprochen – wie sollte es auch anders sein – er wollte Geld. Schliesslich sorgte er ja dafuer, dass mir waehrend der Nacht nichts geschah. Diese Aufgabe schien er gut zu meistern, denn das einzig annaehernd gefaehrliche an diesem Ort schien nur er selber zu sein. Sein Job bestand also darin, Reisende hoechstens vor sich selber zu schuetzen – diese Aufgabe war nicht weiter schwer. Zur Vorsicht wechselte ich dennoch die Schloesser zu meinem Zimmer aus, sobald ich dieses verlies. Aus einer Vorahnung heraus kaufte ich mir in Hyderabad eines der guten alten, runden Vorhaengeschloesser. Die Ganesha-Gravur, der Waechter und Beschuetzer in der hinduistischer Philosophie, ueberzeugte mich. Schon am ersten Tag stellte ich mich dumm als er mich um eine Spende bat. Ich war mir nicht so sicher ob er sich nicht selber bedienen wuerde, denn das es einen Zweitschluessel fuer das Schloss zu meiner Tuer gab stand ausser Frage, und so wachte Ganesha ueber mein temporaeres, kleines Reich. Wie nicht anders von einem Gott zu erwarten gab es keine Probleme. Noch waehrend ich ueber den freien Platz vor dem Hotel lief, spuerte ich die wuetenden Blicke des Nachtwaechters.
Der naechste Bus sollte 5.30 pm fahren, noch eine halbe Stunde Zeit. Ohne gross suchen zu muessen fand ich mich schon bald in einem kleinen Strassen-Chai-Stand wieder. Ich liebe diese kleinen Spilunken. Nun ja, eigentlich sind es viel mehr fahrbare Wagen, von welchen man tagsueber Planen abspannt, die einem dann das Gefuehl von gemuetlicher Atmosphaere vermittelt. Manchmal scheinen sie wie aus dem Nichts aufzutauchen und immer genau im richtigen Augenblick. So schluerfte ich meinen Chai und verfolgte das Strassenleben. Als ich so da sass, sagte man mir, dass der Bus erst 6.30 pm faehrt – indische Puenktlichkeit. Um sicherzugehen lief ich zu dem kleinen Kontrollposten, vor welchem der Bus halten sollte, direkt an der Strasse, welche ueber die Staumauer fuehrt. Aus Angst vor Terroranschlaegen darf keiner mehr die Mauer betreten und Auslaender werden schon beim Versuch sich zu naehern skeptisch beaeugt. Um nun auf die andere Seite zu gelangen muss man den umstaendlichen Weg durchs Tal vor der Mauer in Kauf nehmen – zur Freude aller Riksha-Fahrer. Am Posten angekommen verwickelte ich die beien Polizisten in einen Smalltalk. Beide wetteiferten um die Wette, wer am besten mit mir englisch sprechen kann. Der juengere Polizist gewann eindeutig um Laengen, hielt sich aber anscheinend aus Ehrfurcht gegenueber seinem Vorgesetzten zurueck. Die Polizisten hier in Indien scheinen aus einem anderen Holz geschnitzt zu sein. Sie strahlen eine Selbstsicherheit und Macht aus, die ma sonst von keinem Inder kennt. Mein Gefuehl sagt mir, dass man sich am besten nicht mit ihnen anlegen sollte.
Es wurde 7 pm. Man gab mir den Rat zu einer anderen Bushaltestelle zu fahren, an welcher alle 15 Minuten Busse abfahren. Aus dieser Viertel-Stunde wurden nochmal 2 Stunden. Endlich froh im Bus zu sitzen ging es zurueck nach Hyderabad, wo ich schliesslich 1 am Samstag Morgen ankam. Es war nicht einfach mit den Riksha-Fahrern am Busbahnhof zu verhandeln. Schliesslich ueberzeugte mich einer mit dem Argument „Es ist Nacht“ – er wusste das nicht viele Taxis unterwegs waren und es relativ unwahrscheinlich war, dass man den Weg zum Hotel in der Dunkelheit zurueck legt. Ausserdem war ich zu muede um noch eine Stunde laufen zu wollen. Im Hotel angekommen hiess es, alle Zimmer seien Ausgebucht. Doch was hat das schon zu bedeuten. Ich erklaerte dem netten jungen Mann an der Rezeption das es mir nicht auf Komfort ankommt. „Ich moechte kein Zimmer, sondern nur einen Platz zum schlafen. Laesst sich was arrangiere.“ Zoegernd schaute er mich an. „Eine Matratze auf dem Boden ist vollkommen ausreichend.“ nahm ich ihm die letzten Zweifel und er willigte ein.
Fuer eine gute Nacht braucht man meiner Meinung nach zwei Dinge – etwas Platz um sich zu betten und das relative Gefuehl von Sicherheit um ruhig zu schlafen – und dies tat ich.


Bidar

Den Morgen und zeitigen Nachmittag verbrachte ich in Hyderabad umherstreifend. Diesmal fuehrte mich mein Weg in den Laad Bazaar, welcher sich westlich vom Charminar erstreckt. Sein Angebot reicht ueber Parfuems, welche eigens auf Wunsch abgefuellt werden, wohlriechednen Oelen, Stoffe bis hin zu Schmuck fuer jeden Geldbeutel. Kurz dachte ich ich waere in jenen Kung-Fu-Filmen gelandet in welchen Ninjas, die Elitekaempfer des alten Japans, die Hauptrolle spielen. Ueberall tummelten sie sich. Doch weit gefehlt. Es handelte sich lediglich um die, in komplettes Schwarz gehuellten, islamischen Frauen. Das einzig unbedeckte waren ihre Augen. Schon beim puren Anblick kam ich ins Schwitzen. Es herrschten gefuehlte 50.000 Grad Celcius, mindestens – und im Schatten. Fuer mich war es unvorstellbar in so einem Klima wie Batman rumzulaufen. Vielleicht haben sie besondere Druesen oder High-Tech-Materialien mit Cooling-Effekt, wer weiss. Auf dem Bazaar kam man von einer kleinen Gasse in die Naechste. Ohne sich gross anstrengen zu muessen kann man sich hier verlaufen – es gibt keinen besseren Ort wo man dies koennte. Nachdem ich Henna und Parfuem nach harten Verhandlungen ersteigert hatte – und trotz Preissenkung um 50 % immer noch einen unwesentlichen Betrag zu viel zahlte – hier geht es ums Prinzip – bog ich ab Richtung Chowmahalla-Palast. Der Name ruehrt von den vier (char) Palaesten (mahalla), also Char-Mahalla, umgewandelt in Chowmahalla. Ende des 18 Jh. Wurde mit den Bauabeiten begonnen und in den darauffolgenden 100 Jahren staendig erweitert. In den Gebaeuden wurde u.a. persische, indo-sarazenische und europaeische Architektur vereint. In der wunderbar gepflegten Anlage kann man Ausstellungen mit Fotos, Waffen, Gewaendern und Zimmer bewundern. Ich genoss die, im Kontrast zum hektischen Treiben des Laad Bazaars, herrschende Ruhe und tankte etwas Energie. Hyderabad nun endgueltig „Good-Bye“ sagend – zumindest fuer diesen Trip – setzte ich mich in den Bus nach Bidar. Von Andhra Pradesh (einem Staat in Suedinden) ging es nun wieder nach Karnataka, wo ich mich wenigstens etwas verstaendigen kann. Devindra hatte mich eingeladen eine Nacht in seinem Haus zu verbringen, seine Familie kennen zu lernen und mich in der Umgebung rumzufuehren. Ein besonderes Highlight sollte fuer mich noch der Kauf eines Dothis werden. Eigentlich bloss eine 5 m lange Stoffbahn, welche geschickt gewickelt zu einer eleganten „Hose“ umgewandelt werden kann. Ausserdem kann man Abends den Stoff als Bettbezug benutzen oder als Decke – zum Reisen also ideal.
Bevor ich mich in Bidar bei Devindra meldete stuermte ich die naechstbeste Baeckerei – ich hatte Kohldampf nach Zucker. Mit einem Chai in der Hand wartete ich am Busbahnhof auf Devindra, der sogleich um die Ecke bog. Nachdem ich einem der 5 Brueder, einem befreundeten Haendler und weiteren Freunden vorgestellt wurde ging es zu ihn nach Hause. Die gesamte Familie war versammelt – herzlich wurde ich empfangen. An diesem Abend passierte nicht mehr viel, wir besuchten weitere Verwandte, assen Abendbrot und gingen ins Bett.
Nach einem leckeren frisch zubereiteten Fruehstueck aus Erdnuss-Chutney, Omlett und Rothi, einer Art Fladenbrot, ging es zu der friedvollen Festung aus dem 15. Jh. Ueber sanft geschwungene Huegel erstreckt sie sich 2 km oestlich der Udgir Rd. Um die Festung selber wurde ein dreifacher Burggraben – sicher ist schliesslich sicher, lieber man hat als man haette – aus dem roten Felsen gehauen. Mit seinen 5,5 km Laenge ist der Verteidigungswall der zweitlaengste Indiens – und wehe ein Streber fragt jetzt wer der laengste ist. Der Eingang ist wirklich maerchenhaft und erinnert an die Geschichten aus 1001 Nacht. Hier verbrachten wir den ganzen Tag. Schon fast so viel Zeit, dass wir uns beeilen mussten um den Bus zu erwischen. Noch schnell in den Textilladen – zwei Dothis gekauft fanden wir uns im Bus wieder.
Um die Spannung vorweg zu nehmen – wir kamen gut und sicher ohne Zwischenfaelle in Bangalore an.