Mittwoch, 26. November 2008












Tirupthi and Tirumala
Der Rucksack ist gepackt – alles steht bereit. Es ist 23 Uhr und in einer Stunde geht mein Bus. Die ganze Woche rede ich von nichts anderem mehr, Schon unzaehlige Anlaeufe sind wie Seifenblasen vor meinen Augen geplatzt. Doch nicht diesmal. Morgen werde ich in Tirupathi ankommen, um im „Venkateshwara-Tempel“ den „darshan“ – den Anblick des goettlichen – zu geniessen, ganz oben auf dem Huegel von Tirumala. Es is eines der bedeutensten Pilgerzentren in ganz Indien, vielleicht sogar der ganzen Welt – zumindest von der uns bekannten. Betrachtet man die Anzahl der Besucher, so soll der Venkateshwara-Tempel Rom, Jerusalem und Mekka bei weitem uebertrumpfen, denn dort tummeln sich zu keiner Zeit weniger als 5000 Pilger. Im Schnitt sollen 40.000 Pilger pro Tag den Tempel aufsuchen und manchmal explodiert diese Zahl sogar auf 100.000. Wen wird es dann noch verwundern, dass allein schon 12.000 Menschen zum Tempelpersonal gehoeren. Und an diesem Wochenende werden sie 39.999 Pilger plus einen Auslaender – das waere ich, denn eigentlich verirrt sich kaum ein Backpacker an diese Staette – ins Zentrum des Tempels fuehren.
In diesem Leben gibt es keine Gewissheit – lehrte schon der Buddha vor ueber 2.500 Jahren. Nirgendwo wird man ihm schneller zu dieser Erkenntniss beipflichten als hier in Indien. In letzter Sekunde kann sich hier – nein, wird sich hier alles aendern und alle Plaene ueber den Haufen geworfen. Doch in Wirklichkeit gibt es tatsaechlich zwischen all diesen Variablen, der Unberechenbarkeit und der Veraenderung - besonders der von Reiseplaenen - eine Konstante. Eine, die wie der Name schon sagt, sich wohl nie veraendern wird. Ich nenne sie der Einfachkeithalber einfach mal – die variable Konstante, die Gewissheit mit der eine Veraenderung eintreten wird, die Gewissheit, dass es keine Gewissheit gibt. Sie sorgt mit Sicherheit dafuer, dass nichts so kommt, wie es urspruenglich gedacht war. So sollte es mich nicht weiter ueberraschenn, was es dennoch tat, dass es Kumar, zu jener besagten Zeit – 23 Uhr, eine Stunde vor Abfahrt des Busses – einfiel, nachdem ich die ganze Woche davon gesprochen hatte, dass ich den falschen Bus nehmen wuerde. Wie jetzt, falscher Bus? Extra habe ich zweimal nachgefragt. Der Bus nach Tirupathi sollte Punk 0 Uhr von Gauribidanur aus starten. Letztendlich war alles ein einfaches Missverstaendnis. Anstatt den Bus NACH, verstanden die Inder VON Tirupathi. Die Zeit stimmte also, nur fuhr der Bus in die falsche Richtung. Jetzt hiess es wiedermal schnell umplanen. Das Problem lag darin, dass in Gauribidanur nicht allzu viele Direkt-Busse nach Tirupathi fahren. Dies waere der einzig zeitlich guenstig gelegene Bus gewesen. Also blieb mir keine Wahl, als den Umweg ueber Bangalore zu waehlen. Und von dort einen der unzaehligen Busse zum heiligen Huegel abzupassen. Wie es der Zufall so will, musste Kumar ebenfalls am fruehen Morgen nach Bangalore. So war auch das Problem rasch geklaert, wie ich frueh um 5 rechtzeitig zur 6km entfernten Bushaltestelle gelange. Noch schnell 5 Stunden Schlaf abgefasst und dann trieb es uns hinaus in die leeren, nur vom Nebel besiedelten Strassen. Es war noch dunkel und die Sonne wuerde wohl noch eine gute halbe Stunde benoetigen um am Himmel empor zu klettern. Am Strassenrand hockten eingehuellte Gestalten um ihre Notdurft zu verrichten, denn ein Klo kennen hier nur die wenigsten. Es blieb mir jedoch schleierhaft, ob sie sich wegen der Kaelte einhuellten oder aus Scham, einem Greifen nach ein Stueck Privatsphaere – denn wer laesst sich schon gern beim kacken zuschauen (hierbei moechte ich keinem zu Nahe treten, sollte es einige geben die diese Form des Exibitionismus praktizieren, so sollen diese nicht den Eindruck haben, dass ich mich hier ueber sie lustig mache). Die ersten Bauern trieben ihre Kuehe, Ochsen und Wasserbueffel auf die Felder und sogar eine Gruppe Schulkinder machte sich fein saeuberlich in Reih und Glied auf den Weg. Die Bushaltestelle – welche jediglich eine allgemein anerkannte und fuer Einheimische bekannte Stelle am Strassenrand darstellt – lies sich leicht ausmachen. In der typisch indischen Sitzhaltung – Fuesse etwa schulterbreit auseinander und das Gesaess locker dazwischen schwingend – in Decken gehuellt hockten sie alle auf einem Haufen. Kondensierte Luft stieg von ihrem Atem in die frische Morgenluft.
Die Fahrt nach Bangalore war unspektakulaer, und dies aus zwei Gruenden: erster Grund – weil nichts passierte. Zweiter Grund – falls doch was spannendes passierte, sollte ich es nicht mitbekommen, da ich schlief – nun ja, vor mich hindoesen triffts wohl besser, bei dem geholper. Fuer die Fahrt brauchten wir jediglich eineinhalb Stunden. Normal sind zweieinhalb, doch unser Fahrer peitschte den Bus nur so durch die leeren Strassen. Nahtloas wechselte ich von einem Bus in den naechsten und schlief weiter. So kam ich gegen 15 Uhr relativ ausgeruht in Tirupathi an. Der Regen hatte schon vor einer ganzen Weile eingesetzt und verwandelte den Busbahnhof in einen befahrbaren Swimmingpool. Trotz des herabfallenden Nass’s klapperte ich verschiedene Lodges ab – doch alle Einzelzimmer waren ausgebucht. So entschied ich mich letztendlich fuer das geringste Uebel, nachdem unzaehlige Betrunkene versuchten mich in jene Hotels zu locken won welchem sie wahrscheinlich eine laecherliche Provision kassierten – es grenzte schon fast an Belaestigung und nicht wenige boese Blicke durchbohrten meinen Ruecken als ich nicht in das gewuenschte Etablissement ein-checkte. Ich packte aus, bezog mein Bett und machte mich auf, meine neue Umgebung zu erkunden. Mein Weg fuehrte mich vorbei an unzaehligen Chai-Staenden, wo ich nur den wenigsten widerstehen konnte, an Tempeln und gemuetlichen Maerkten mit einladendem Flair.
Jedesmal wenn ich diese Maerkte besuche beneide ich all unsere Grosseltern. Es ist nicht wie in einem Supermarkt, wo man sein abgepacktes Obst und Gemuese auf eine elektrische Waage stellt und ein Etikett bekommt. Es ist mehr. Es ist soziale Kontakte pflegen, seinem Lieblingshaendler einen Besuch abstatten, sich von den natuerlichen Dueften verzaubern lassen, die Qualitaet der Gemuese im Mondschein pruefen und nicht im Neonlicht. Hier pappt noch Dreck an der Kartoffel, die einem vor Augen fuehrt, dass diese waechst und gedeiht und nicht in Fabriken hergestellt wird. Kurz um – ich liebe diese Maerkte aufgrund ihrer Natuerlichkeit. Oder wem hat schon einmal die nette Verkaeuferin an der Kasse einen Kohlkopf extra in die Tuete gepackt, nachdem man sich bei einer Tasse Tee mit ihr stundenlang unterhalten hat? Ein Markt ist Treffpunkt des Dorfes, die Grenze zwischen Verkaeufer und Kaeufer ist fliessend. Dieses romantische Flair verschwand mit der Generation unserer Grosseltern und machte Platz fuer sich elektronisch oeffnende Supermarkt-riesen in denen zu jeder Jahreszeit ein konstantes Klima herrscht.
Es sind diese kleinen Momente die einen Indien lieben lassen und meine Theorie bestaetigen, dass Geld im Leben nicht gluecklich macht sondern der Zusammenhalt, die Geborgenheit einer Gemeinschaft. Aber das ist ein anderes Kapitel.
Waehrend ich so durch die Stadt traeumte setzte ab und an Regen ein. Wie sollte es auch anders sein, als das mein Regenschirm in meinem Zimmer lag – ein herzliches Dankeschoen an die variable Konstante. So verging der Abend und nach einem ausreichendem Mal legte ich mich schnell schlafen. Gut ausgeruht wollte ich mich unter die Pilger mischen. Doch machte ich die Rechnung ohne – wie aufmerksame Leser sicherlich schon ahnen werden – die variable Konstante. Zuerst von Muecken heimgesucht – an dieser Stelle sei der Verdacht geaeussert, dass dieses ganze Malaria-Gerede eine pure Panikmacherei ist. Am Morgen zaehlte ich 10 Stiche an einer Hand, die am Arm, Fuss und Ruecken nicht mitgezaehlt und das in einer hoch gefaehrdeten Region. Glaubt man den Aerzten so muesse man schon nach einem Stich die 50 Euro Tabletten schlucken – aber ich will mich mal lieber nicht soweit aus dem Fenster lehnen, denn Hochmut kommt bekanntlich vor dem Sturz. Jedenfalls war es zu keiner geringeren Stunde als 3.34 am Morgen als mir das Blut in den Adern gefrohr. Der Grund war ein klingel – nicht weiter schlimm, aber es war an meiner Tuer. Zuerst dachte ich „Okay, verwaehlt, Lichtschalter gesucht und daneben gegriffen – doch dabei sollte es nicht bleiben. Es klingelte wieder – und wieder – und zu dem Klingen der Glocke gesellte sich ein Klopfen. Noch nie zuvor war ich so hellwach. Meine Augen weit aufgerissen, den Puls im Hals spuehrend und mit zitternden Knien stand ich wie angewurzelt im Zimmer. Von der Strasse her war kein Geraeusch zu hoeren. Von dort konnte ich also im Falle eines Falles keine Hilfe erwarten. Ich war auch mich allein gestellt. Das Klingeln wurde immer energischer, das Klopfen heftiger. Es gab keinen Zweifel mehr – jemand oder mehrere befanden sich vor meiner Tuer und versuchten in mein Zimmer zu gelangen – wohlgemerkt um halb vier Uhr morgens. Das es sich dabei um den Zimmerservice handeln sollte war ein letzter hoffnungsvoller Gedanke der sich soeben verfluechtigte. Horrorgeschichten von Backpackern schossen mir durch den Kopf und Angst lies meinen Puls auf Maximalwerte ansteigen. Adrenalin schoss in meine Blutbahn und die Muskeln gewannen an Spannung. Was tun? Es ist wohl klar, dass „Tuer oeffnen“ keine der gewuenschten Optionen war. Ich schlich zur Tuer. Mittlerweile klopfte es auch am Fenster, welches sich gleich daneben befand und gluecklicherweise von aussen vergittert war. Ich schob den zweiten Riegel in seine Verankerung und konrollierte den Ersten. So sicher mir das Zimmer schien – Gitter vor den Fenstern, zwei Riegel an der Tuer – so beaengstigend kam es mir nun vor. Sollte sich dieser Jemand tatsaechlich gewaltsam Zutritt verschaffen war es eine perfekte Falle – kein Auswegm keine Versteckmoeglichkeiten. Schon bald war ich mir nicht mehr so sicher, ob die zwei Riegel den Attacken standhalten wuerden, denn nun wurde heftigst an der Tuer geruettelt. Das Klingeln und Klopfen an Fenster und Tuere vermischte sich mit wuetend klingendem indischen Gemurmel – oder war es ein Fluchen? Wut und Aggression drang durch die Ritzen von Aussen in mein Zimmer. Meine Sinne waren hell wach. Nicht wissend was vor sich ging hatte ich die Hosen gestrichen voll. Die Uhrzeit der Stoerung und die aggressive Art und Weise der Versuche die Tuer aus den Angel zu heben liesen keine Frage ueber die Absichten meines Besuchers offen – Ueberfall. Wie ich schon anfangs erwaehnte gab es hier viele Betrunkene, viel Armut und kaum Auslaender. Wen verwundert es also, dass ein Europaer gespickt mit schickem Rucksack und teurer Kamaera DIE Loesung fuer alle finanziellen Familiensorgen darstellt.
Sollte die Tuer nachgeben musste ich schnell handeln. Angriff war die beste Verteidigung und der Ueberraschungseffekt war auf meiner Seite. Nicht umsonst hatten meine Eltern mir 7 Jahre Karate-Unterricht ermoeglicht und nicht umsonst hatte ich mich einmal fuer die Deutsche-Meisterschaft qualifiziert. „Wer kaempft kann verlieren, wer nicht kaempft hat schon verloren.“ – diese mutig klingenden Worte klangen alles andere als beruhigend. Ich entschloss mich dazu mein Bett vor die Tuer zu schieben um diese zusaetzlich zu verrammeln.
Das ganze Spektakel dauerte ca. zehn Minuten. Gefuehlt handelte es sch hierbei jedoch um Stunden. Das schlimmste war die Unwissenheit. Was will der von mir? Oder sind es sogar mehrere? Wie lang wird das so weiter gehn? Komm ich hier heil aus der Sache raus?
Ploetzlich - Stille. Neue Fragen kamen auf – Wird jetzt Verstaerkung geholt? Soll ich einen Blick vor die Tuer riskieren (diese Frage wurde sehr schnell und sehr stark von meinem Unterbewusstsein mit einem klaren „Nein“ eantwortet). Ich fixierte das Bett so gut es ging vor der Tuer und legte mich wieder hin. Fuer die naechste halbe Stunde war ich unfaehig zu schlafen. Doch es gibt wohl nichts was mich vom schlafen abhalten sollte – und so schlummerte ich mehr oder weniger gut ein. Was hatte die variable Kontante noch alles mit mit vor?
Der Rest der Nacht verlief – von den Muecken einmal abgesehen – ruhig. Dennoch schob ich nur widerstrebend und vorsichtig am naechsten Morgen das Bett zur Seite und spaehte den Korridor entlang.
Ich hatte bereits schon ein Ticket und so ging es direkt nach dem Fruehstueck zum Busbahnhof. Unzaehlige Busse fahren hier zum Tempel um dem Ansturm der Pilger gerecht zu werden, welche Venketeshwara sehen moechten. Dieser Reinkarnation Vishnus werden naemlich allerlei Faehigkeiten zugesprochen. Die wohl beliebteste ist jene, Wuensche wahr werden zu lassen. Dieser muss vor dem Abbild der Gottheit geaeussert werden. Um ihrem Wunsch etwas Nachdruck zu verleihen und dessen Wichtigkeit zu unterstreichen, bringen viele Pilger ihr Haar als Opfergabe dar. Auf dieseWeise wollen sie sich auch fuer einen bereits erfuellten Wunsch bedanken oder ihrer selbst entsagen. Aus diesem Grund soll ein ganzes Heer von Friseuren die Pilger begleiten – leider hab ich davon nichts mitbekommen. Doch sieht man unzaehlige von Glatz-Koepfen in Tirupathi sowohl als auch in Tirumala, egal ob Mann, Frau oder Kind. Alles war jedoch wohl organisiert. Serpentine um Serpentine schlaengelten wir uns den Berg empor. Ein Stueckchen blauer Himmel lies am Morgen auf einen sonnigen Tag hoffen, doch schon bald befanden wir uns wieder, umgeben von Wolken. Was liegt da wohl am naechsten, als sich bei Ankunft ersteinmal mit einem Chai aufzuwaermen und die Massen auf sich wirken zu lassen. Aus dem LP wusste ich, dass bei einem gewoehnlichen „darshan“ mehrere Stunden in einem Metallkaefig, eingequetscht wie in einer Sardinenbuechse zubringen wird. So taten mir die 100 Rs. (2 Euro) nicht weiter weh, die man fuer ein VIP-Ticket bezahlen musste, um die Wartezeit erheblich zu verkuerzen. Ja, auch Goetter kennen Very Important People. Von Geschaeft zu Geschaeft hangelnd fragte ich mich bis zum Ticket-Schalter durch. Die Atmosphaere, welche vor diesem herrschte ist wohl am besten mit den Woertern gespannt und aggressiv zu beschreiben. Nicht umsonst hatten drei Polizeibeamte alle Haende voll zu tun die aufgebrachte Menge im Zaum zu halten – Mischa mittendrin. Doch wie immer gibt es eine gute Seele die einen weiterhilft. Auch in diesem Fall sollte sie nicht lange auf sich warten lassen. Alles andere haette mich auch verwundert an einem so goettlichen Platz. Wenige Minuten spaeter haendigte ich dem zur Hilfe herbeigerufenen Polizeibeamten meinen Reisepass aus – mit welchem dieser in der Menge verschwand. Boeser Fehler dachte ich, doch zu unrecht. Mit dem Antragsformular kam er zurueck. „Hab etwas mehr Vertrauen in die Menschen.“ – scholt ich mich. Ja, fuer VIP-Tickets gibt es ein Antragsformular, in dreifacher Ausfuehrung bei niederen Goettern puenktlich zur Apokalypse einzureichen. Der hilfsbereite Polizist half mir wieder beim ausfuellen und schlaengelte sich sogar an den Massen vorbei, nachdem ich ihm die 100 Rs. in die Hand gedrueckt hatte. So kam ich ohne Probleme zu meinem Ticket. Doch damit nicht genug. Im Tempel ist stricktes Verbot fuer alle elektronischen Geraete und Kameras. So wurde ich gleich noch zur kostenlosen Gepaeckaufbewahrungsstelle gefuehrt und nochmals an den Massen vorbei gleich zum Schalter geleitet – perfekt.
Aus diesem Grund war es mir leider versagt euch die beeindruckende Atmosphaere in Bildern etwas naeher zu bringen. So muss ich es mit Worten versuchen, doch ich habe die Befuerchtung, dass diese nicht ansatzweise dem erlebten gerecht werden.
Zum dritten Male wurde ich unter polizeilichen Schutz zum VIP-Eingang geleitet. Vorbei an dem ewig langem Metall-Tunnel in welchem Pilger schon unzaehlige Stunden zubrachten und noch nicht einmal dem Eingang des Tempels nahe waren. Ein schlechtes Gewissen ergriff mich, als ich ihre neidischen Blicke spuehrte, die sie mir zuwarfen. War es ihnen versagt, sich das teure Ticket zu kaufen, so konnte sich dieser „reiche“ Nicht-Glaeubige einfach vorne anstellen. Die Freude der Inder war unbeschreiblich – wie kleine Kinder huschten Erwachsene in angeregten Rennen an mir vorbei, immer wieder die Worte „Gowinda“ rufend. Dies war der Name des Gottes wie ich spaeter erfahren sollte. Doch nach schon wenigen Metern war Schluss mit VIP. Wie die Pilger vor dem Tempel fand ich mich in einem Metallkaefig wieder. Von allen Seiten wurde geschoben und gedrueckt. Mit Eisenstangen wurde der Gang in zwei Bereiche geteilt, jener fuer die gluecklichen Besitzer eines VIP-Tickets, und dem Rest. Nichts tat sich. Die Minuten verstrichen und es ging nicht vorwaerts. Nur langsam, quollen die Massen vorwaerts. Die Hoffnung auf Erloesung verschwand um jede Ecke und flammte kurz vor erreichen der Naechsten wieder auf. Ein endloses Labyrinth schien sich durch den Tempel zu ziehen, in welchem man schier verloren gegangen waere, wuerde man nicht durch knadenlos nicht-nachgebenden Stahl in die richtige Richtung geleitet. Vorbei an Gebetsraeumen in denen mit Feuer, Gesang und Weihrauch Zeremonien abgehalten wurden schlaengelte sich die Karawane. Der Weg schien immer schmaler zu werden und kein Platz blieb in den Massen ungenutzt – jedes freie Volumen wurde gefuellt. Der Druck war enorm. Die Mauern veraenderten sich. Je tiefer man in den Tempel vor drang, umso mysthischer erschienen sie. Russ bedeckte ihre Oberflaechse und Muenzen fuellten die Ritzen. Von den nach Halt suchenden Pilgern, welche sich wie ich am Rand der Massen befanden, waren sie blank poliert. Die Haende zum Gebet gefaltet sich in euphorische Gesaenge steigernd schoben sich die Pilger unaufhlatsam durch die Gemaeuer. Der Gang verengte sich ein letztes Mal – ein silbernes Tor wie aus einem Maerchen tat sich vor uns auf. Die Stimmung explodierte, der Eingang zum heiligsten war erreicht. Jeder war sich selbst der naechste, nur ein Ziel vor Augen – Venketeshwara. In einer Schleife wurde man vor den Schrein gefuehrt und ploetzlich befand man sich auf der Zielgeraden. Ein Tuer in der massiven Steinwand vor uns erlaubte den Blick in einen dunklen langen Flur an dessem Ende, in einer kleinen dunklen Kammer das Abbild Venkateshwaras thronte. Ich hatte mir vorher in keinster Weise Gedanken ueber einen Wunsch gemacht, doch diese Atmosphaere hatte etwas enorm magisches. Ich vermag es nicht in Worte zu fassen, aber aus der fernen Kammer schien eine gewisse Kraft auszugehen, eine Mysthik die einen in ihren Bann zog und fesselte. Ich tat es den Pilgern gleich, blieb stehen, faltete die Haende wie zum Gebet, schloss die Augen und murmelte meinen Wunsch – Ich hoffe dieser indische Gott versteht deutsch, ansonsten war der ganze Aufwand umsonst. Ich hatte die Augen noch nicht richtig geoeffnet, wurde ich schon am Arm gepackt und nach draussen gezogen. Noch einen letzten Blick in den langen dunklen Flur erhaschend, verschwand Venkateshwara aus meinem Sehfeld. Da wiedersteht man allen stundenlangen Strapazen des Wartens fuer zehn Sekunden – doch ich bereue keine Sekunde. Wie bei der Muendung eines Flusses ins grose Meer, so fiel mit einem Mal der ganze Druck von einem ab. Man konnte sich bewegen – frei, ungezwungen, atmen. Doch dieser Zustand sollte nicht lange andauern. In einem geschlossenen Kreislauf herrschen die gleichen Gesetze, sei es ein Strom-, Wasser- oder Menschenkreislauf. Das was reinfliesst muss auch wieder rauskommen. So fand man sich am Ausgang in der gleichen Sardinen-Buechsen-Situation wieder. Noch schnell den vom Tempelpersonal auf einem Blatt-Teller servierten Reis hinunter geschlungen und schon stuerzte ich mich todesmutig in die Fluten um von ihnen nach draussen gespuehlt zu werden.
Ich sog die Ruhe in mich auf. Von aussen betrachtet schien der Strom der Glaeubigen dem eines Gefangen-Tracks in keinster Weise nachzustehen. Ihre Haende schlossen sich um die goldenen Gitterstaebe als wollten sie rufen „Lasst mich hier raus.“ Im Nebel der Wolken umrundete ich den Tempel, auf der Suche eines geeigneten Platzes um wenigsten einen kleinen Blick auf das Gold des Gebaeudes erhaschen zu koennen. Die einzige Moeglichkeit schien mir eine jener Pilger-Herbergen zu sein, welche auf einem winzigen Huegel ruhte. Von ihrem Dach sollte ich den best moeglichsten Blick bekommen. Doch wie dort hin gelangen? Am besten Fragen. Selbstverstaendlich, als ob ich einen Schlafplatz reserviert hatte betrat ich das Gebaeude. „Wo geht’s zum Dach?“ fragte ich. „Zur Terrasse geht’s da rauf.“ kam die Antwort. Ich eilte die Treppen empor, vorbei an verbluefften Pilgern und oeffnete die Tuer. Leichter Nieselregen setzte ein. Ich lies meine Flip-Flops stehen und erklomm vorsichtig die rutschigen Stufen der Metall-Leiter. Geduckt unter einem Betontraeger krabbelte ich auf das erste Plataeu. Von dort fuehrte eine weitere Leiter zum hoechsten Punkt des Gebaeudes. Et voila – eine gute Aussicht auf den Tempel. Nicht die Beste – aber man sollte zufrieden sein mit dem was man bekommt. Und das war ich.
Noch vorsichtiger kletterte ich wieder hinab und war heil froh wieder sicheren Boden unter den Fuessen zu haben. Am Rande des Tempels, an einem riesigen Kerzenstaender-Aehnlichem Objekt wurde heftig gebetet und Opfergaben dar gebracht. Schwarzer Qualm umwehte die Glaeubigen. Nur der einsetzende Regen schaffte es mich aus dieser malerischen und so unreal erscheinenden Szene zu reisen. Ich lies noch eine Weile den Huegel auf mich wirken. Und zwei Chai spaeter setzte ich mich in den Bus. Eine gute Entscheidung, denn schon wenige Minuten spaeter oeffnete der Himmel seine Tore und versuchte die Suenden der Welt abzuwaschen.
Anfangs fand ich es Schade, einen so faszinierenden Platz im Regen besuchen zu muessen, doch rueckblickend war es eine Wohltat. Wuerde man die Stunden des Wartens in einer Menge von tausenden, schwitzenden Pilgern verbringen muessen – so waere es mit Sicherheit kein schoenes Erlebnis. Das Atmen wuerde zur Tortur werden. Manchmal hat eben die variable Konstante auch ihre guten Seiten.
Danke Mr. Venkateshwara