Dienstag, 9. Dezember 2008

Madurai












Stadt der Ruhe und Chai-Staende
Madurai – ein besonderes Erlebnis und jedem zu empfehlen der in Suedindien unterwegs ist. Ein Hauptgrund fuer diese schoenen Erinnerungen habe ich nicht zuletzt Simon zu verdanken, mit welchem es immer ein vergnuegen ist Zeit zu verbringen. Wo Simon ist, ist ein Lachen nicht weit. Er und die Atmosphaere dieser Stadt trugen dazu bei, dass ich am Wochenende die Zeit vergass und eintauchte in die ruhige Hektig dieser Metropole. Die Stadt verbreitet ihren ganz eigenen Charme. Hektisches Treiben wechselt sich mit ruhiger Tempelatmosphaere ab und nirgendwo sonst scheint es so viele kleine, gemuetliche Chai-Staende zu geben wie in Madurai. Es wimmelt nur so von Riksha-Fahrern, Bettlern und Pilger, nicht zuletzt wegen des beeindruckenden Sri-Meenakshi-Tempelkomplexes. Madurai gehoert zu den aeltesten Staedten Suedindiens und es war kein geringerer Ort als hier, wo sich Mahatma Gandhi im Jahre 1921 dazu entschied nur noch „khadi“ – im Land hergestellte Kleidung – zu tragen. Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt nur so ueberzogen zu sein scheint mit Schneiderlaeden. Sie zogen mich in ihren Bann, welches zu Ergebnis hatte, dass ich mit 4 neuen Hemden im Gepaeck aus Madurai zurueck kam. Die meiste Zeit des Tages verbrachten Simon und ich entweder an Chai-Staenden oder im Tempel. Es gab, nach langer Zeit des Nicht-Sehens, viel zu erzaehlen. Wir liesen uns treiben und genossen stundenlang die Atmosphaere am, von Menschen gesaeumten Tempelbecken mit seinem goldenen Lotus. Trotz dessen gibt es dennoch ein paar Kurzgeschichten zu erzaehlen. Lest einfach weiter.

Der umgedrehte Spiess
In Indien ist es unmoeglich sich auch nur wenige Meter auf der Strasse zu bewegen, ohne von aufdringlichen Strassenverkaeufern angesprochen zu werden. Im guenstigsten Fall bleibt es bei einem kurzen „Hello“ und einer Geste auf das anzupreisende Objekt – das ganze garniert mit einem Laecheln. Doch die Spannweite reicht durchaus bis zu mehrminuetigen „Nebenhergehens“ und Dauergrinsen. In Madurai ist lediglich letztere Variante vertreten. Auffaellig ist auch die ueberdurchschnittlich hohe Anzahl an oekologischen, mit Bio-Pruefsiegel versehenen Rikshas. Auch kurz Auto oder Scooter genannt. Angetrieben von zierlichen Indern, die es dennoch schaffen die schwergaengigen Fahrraeder, wohlgemerkt ohne luxurioese Schaltung, mit angeschweisster Passagierkabine mehr oder weniger sicher durch den Verkehr zu maneuvrieren.
Simon und ich machten es uns gerade nach einem Chai vor dem Tempel bequem und es sollte nicht lange dauern bis sich der erste Verkaeufer blicken lies. Mit Simon kommt man schnell auf verueckte Ideen und schnell waren wir uns einig, uns einen Spass zu erlauben. Anstatt der Tatsache, dass diese aufdringlichen Verkaeufer uns schon so manches mal genervt hatten, wollten wir diesmal die Rolle derjenigen einnehmen, welche den anderen in den Wahnsinn treibt. In unserem Fall handelte es sich um eine Frau, welche Taschen verkauft. „Do you want a bag?“ begann Sie das Verkaufsgespraech. „How much?“ kam prompt unsere Gegenfrage. „30 Rs., only!“ „Nein, nein, das ist zu wenig, ich geb dir 40 Rs.” war unsere Antwort. Unsere Strategie – einfach in die falsche Richtung verhandeln. Die Frau war sichtlich irritiert. „Only 30 Rs.“ startete Sie den zweiten Versuch. „Nein, das ist uns zu wenig. Wir geben Dir 50 Rs.“ So zog sich das Gespraech eine Weile hin und voellig irritiert gab die Frau schliesslich auf und zog weiter. Das schlecht Gewissen hatte schon laengst von uns Besitz ergriffen und plagte uns nun, als wir ihr hinterher schauten. Fanden wir es am Anfang noch lustig diese Frau auf die Schippe zu nehmen, sie etwas zu nerven, wie wir es sonst gewohnt waren, so mussten wir bald daran denken, dass sie einfach versuchte ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und sich keiner, ausser Touri’s, fuer ihre Taschen interessierte – das Lachen blieb uns im Halse stecken.
Sonntag Abend – Simon und Ich, geschafft vom stundenlangen Umherstreifen durch Madurai, genehmigten uns vor dem Tempel jeder eine Kokusnuss. Professionell aufgeschlagen, die Milch in Glaesern aufgefangen um dann in aller Ruhe das Fleisch fuer uns heraus zu schaben. Man mag es nicht glauben, aber eine Kokusnuss ist bei mittlerem Hunger, so als grosser Snack fuer zwischendurch, viel zu viel fuer eine Person. So standen wir da, jeder noch eine halbe Nuss in der Hand haltend, gefuellt bis zum Rand mit leckeren Stueckchen. Zum wegschmeissen war es viel zu schade. Um es bei der alten Frau wieder gut zu machen, ueber welche wir uns in gewissem Masse lustig gemacht hatten, wollten wir dem naechsten Bettler die Kokusnuss schenken. Nun ja, es wuerde nicht wirklich IHR helfen, aber zumindest im Universum das Gleichgewicht der Gerechtigkeit wieder herstellen. Jemanden zu veralbern – gibt einen Minuspunkt. Jemanden beschenken – gibt einen Pluspunkt. Nach Adam Ries (1492-1559) waere also alles wieder in Balance, denn (-1) + 1 = 0. Nicht ueberwiegt. Doch wieder ging unsere Rechnung dank der „variablen Konstante“ nicht auf. Wenn man sich einen Bettler wuenscht, sind sie wie ausgestorben. Kein Einziger war zu sehen. Da kam uns eine Idee. Diesmal wollten wir auf die Inder Jagd machen, ihnen die Kokusnussstueckchen andrehen. Der Gejagte wurde zum Jaeger. Unser Revier – die Fussgaengerzone vorm Tempel. Diesmal drehten wir den Spiess um – die Jagd war eroeffnet. Strategisch verteilten wir uns auf der Strasse und sprachen jeden Inder an, der uns ueber den Weg lief. „Kokusnuss – nur 5 Rs.“ schrien wir ins Dunkel der Nacht hinaus – ueberraschte Blicke. Wenn man so oft von Haendlern angesprochen wird, und in unzaehlige Verkaufsgespraeche verwickelt wurde, so wie wir, kennt man jedes nuetzliche Argument. „Fuer Dich, und nur fuer DICH – 5 Rs. Spezial-Preis.“ – sie mussten lachen. „Gute Qualitaet. Die Beste auf dem Markt.“ „Ein Stueck zum probieren, danach entscheidest du dich.“ – waren nur einige unserer Versuche, das Produkt an den Mann zu bringen. Die Inder waren sichtlich amuesiert. Noch Meter nachdem sie unseren Faengen entfleucht waren, drehten sie sich lachend um und schmunzelten immer mehr, als sie unser Schauspiel beobachteten. So trugen wir erheblich zur Verbesserung der Stimmung der Fussgaengerzone bei. Doch zum Verkauf kam es nicht. Unsere letzten klaeglichen Versuche waren „Alles, fuer 3 Rs.“ und letztendlich „Okay, umsonst, nimms einfach.“ – sie schlugen alle fehl. Ja, ja, das Leben eines Strassenverkaeufers ist eben nicht gerade leicht.
Da erblickten wir eine alte Frau, an der Ecke des Tempels, auf der Strasse sitzend. Zu schwach zum betteln sass sie einfach da, die Haende offen haltend. Ohne uns verstaendigen zu muessen waren Simon und Ich uns einig. Wir gingen auf sie zu und legten ihr die offenen Kokusnuesse in die Handflaechen. Dann stahlen wir uns davon in die Nacht. Ich blickte noch einmal zurueck. Langsam, in Gedanken versunken, schob sie sich ein Stueck nach dem Anderen in den Mund, und leise dachte ich bei mir: „(-1) + 1 = 0“. Doch ist es wirklich so einfach?


Eine Stunde rumsitzen
Zwischen 12.30 und 16 Uhr war der Tempel geschlossen. Auch Goetter brauchen ihren Mittagsschlaf. Simon war Sonntag-Abend zurueck in sein Projekt gefahren und ich blieb noch einen Tag laenger. Das Mittag-Essen war schon halb verdaut als ich mich gegen 3 Uhr vorm Tempel niederlies um eine Stunde das Treiben zu verfolgen. Waehrend ich so da sass, wurde ich von folgenden Menschen angesprochen:
- Frau mit starkem Pilzbefall im Gesicht
- Frau mit Elefantitis am rechten Bein
- Mann die mir kuenstlichen Blumen verkaufen wollte
- Ein Einarmiger
- Ein Chai-Verkaeufer
- Ein Drogen-Dealer
- Eine schwangere Bettlerin mit Baby
- Unzaehlige Bettler
Doch das lustigste war eine Frau, welche mir versuchte pech-schwarze Haarverlaenerungen, gelockt, anzudrehen. Sie glaubte selber nicht an ihren Erfolg, doch unversucht wollte sie es dennoch nicht lassen. Schon beim Versuch der Annaeherung musste sie laecheln.

P.S.: Der Inder, welcher 4 Meter neben mir sass wurde von keinen der oben genannten angesprochen.

The Muslim Butcher
Eine Seitenstrasse, wie aus „1001 Nacht“. Schmal, duester, voller Chaos und versteckten Geheimnissen. Planen ueberspannen unregelmaessig, in aeusserst unguenstiger Hoehe die Gasse. Passt man nicht auf, so verfaengt man sich wie eine Fliege im Spinnennetz, in diesem Gewirr aus Schnueren, Stricken und Sonstigem. Darunter hockten, lagen oder verrenkten sich die Verkaeufer. Vor ihnen, zu Tuermen aufgehaeuft, lag das Gemuese und durch kleine, von der Witterung gezeichnete Holztueren, erhascht man Blicke auf Szenen emsiges Handwerk. Leichter Nieselregen setzte ein – doch das interessiert das Treiben nicht weiter. Langsam, von nichts getrieben, den Blick umherschweifend, schlaengel ich mich vorbei an Kohl, Gewuerzen und Menschen. Waehrend ich so lang schlender bemerkte ich nicht, dass ungefaehr ein Duztend Augenpaare auf mir ruhten. Aus dem naechsten Raum, welcher zur Strasse hin offen war, schauten sie dem Treiben zu – unbeirrt, stoisch. Die Augenlieder halb geschlossen, fixierten sie nichts mehr. Ein Starren ins Leere. Beim Kinderspiel „Wer-zuerst-zwinkert-hat-verloren“ wuerde man mit Pauken und Trompeten untergehen. Diese Augen nehmen nichts wahr. Nicht jetzt, nicht nachher – nie mehr. Sie gehoeren zu Koepfen, welche vom Koerper unwiederruflich getrennt wurden. Aufgeschlichtet wie Kokusnuesse liegen die Schaedel, in welchen die Augen ruhen, auf dem kahlen, kalten Steinboden. Nebenan quaelt sich ein Rinnsaal aus Kot und Blut langsam gen Abfluss, nicht schnell, denn es hat Zeit. Darueber werden die noch gefuellten Gedaerme ausgestriffen. Wie zu lang gekochte Nudeln baumeln sie von der schuldigen Hand. „Klong, klong“ – Immer wieder rauscht das Beil herab – knadenlos, kalt und gefaehrlich. Die Klinge durchschneidet die Koerper der Koepfe, der Augen, der leeren Blicke. Entstellt, zerstoert, entfremdet. Vom Gestank angelockt tummeln sich Fliegen auf den rohen Muskeln. Ich schaue mich um. Spitze Haken haengen en masse von der Decke. Teils durchbohren sie Fleisch, teils blitzen ihre blanken Spitzen. Ich blicke weiter und sehe Beine. Beine, die niemand mehr tragen. Ich stehe noch immer in der Gasse, der Regen nieselt weiter und der Moslem neben mir hat soeben ein Kilo Fleisch bestellt, denn bei dem offenen Raum handelt es sich um eine Fleischerei, eine muslimische Fleischerei, nach den Richtlinien des „Hallal“. Die Koepfe, die Augen, die leeren Blicke gehoerten Ziegen. Morgen ist Feiertag – fuer Moslems, und heute wird gespeist. Als ich so da stehe, das Geschehen mit gemischten Gefuehlen beobachte und Fotos schiesse, werden die Koepfe fuer mich in Pose gebracht, die Gesichter zu mir gedreht – makaber, es wird dabei gelacht. Es dauert nicht lang und ich komme mit dem Kunde ins Gespraech – Dipl. Ing. Elektrotechnik, Moslem und freundlich. Er klaert mich ein wenig ueber das Fest auf. Um Gott – Allah – zu ehren, sollen Opfer gebracht werden. Wollte man einst Menschen opfen, so sprach Allah, man solle die menschlichen Seelen verschonen und ihm Tiere opfern – sofern ich das richtig verstanden habe. In jedem Haushalt eines Moslems warten soeben eine Ziege Morgen geschlachtet, entschuldigung, geopfert zu werden. Laut Glaube muss die Ziege jedoch noch 5 Minuten leben, nachdem die exakt 2,5 Schnitte gemacht wurden, damit ihr die Seele nicht entrissen wird. Das Tier behaelt also seine Seele und leidet ungeheure Qualen fuer die wohl laengsten 5 Minuten seines Lebens. – alles fuer Allah.
Ich lauschte gebannt seinen Worten. Als sie verstummten verabschiedeten wir uns. „Sallam Alaikum“ – „Alaikum a sallam“. Die Augen starrten weiter ins Treiben der Gasse.

Mit Muskelkraft durch Madurai
Wer Arbeit hat, arbeitet meist fuer jemanden. Es sei denn er ist selbststaendig, aber das sind die wenigsten. Keiner fuehlt sich dabei schlecht oder beschaehmt – weder Arbeitgeber noch –nehmer. Dies ist die Natur von Arbeit. Vielleicht ist es eine Sache der persoenlichen Naehe und/oder Art der Arbeit.
Grund zu diesen Ueberlegungen gab mir eine Riksha-Fahrt durch Madurai. Der Motor hatte 2 BS (BeinStaerken) und die Maximalgeschwindigkeit betrug geschaetzte 10 km/h. Der Gedanke, in einer Fahrradriksha durch fremde Laender chauffiert zu werden, hatte anfangs noch etwas romantisch-abenteuerliches an sich. Doch dies sollte sich bald aendern. Simon und ich nahmen auf der Rueckbank platz. Nun ja, eigentlich ist die Bezeichnung „Rueckbank“ nicht ganz korrekt, denn es gab jediglich nur diese eine Sitzgelegenheit. Ausatmen, duenn machen, reinsetzen und locker weiter atmen – nach dieser Divise quetschten wir uns auf die schmale Bank. Der Fahrer trat in die Pedale. Eigentlich war es mehr ein hin und her wiegen, eine Gewichtsverlagerung von einem Bein auf das Andere. Sein gesamtes Gewicht lies die Pedale nur muehsam sinken. Langsam bewegten wir uns fort. Die umstehenden Leute hatten also genug Zeit uns zu fixieren. Es war mir unangenehm, wie auf dem Praesentierteller, in Kopfhoehe an ihnen vorbei geschoben zu werden. Regelmaessig drehte sich unser Fahrer um und – lachte. Uebers ganze Gesicht strahlte er. Von einem Ohr zum anderen. Und haette er diese nicht gehabt, so stuende es ausser Frage – er haette im Kreis gelacht. Sein Augen strahlten. Warum, konnte ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Die ganze Situation war mir auesserst unangenehm. Er begann zu schwitzen. Immer mehr schweiss lief seinen Ruecken herab und durchnaesste sein Hemd. Auch nannte er uns „Master“ – Bilder von Baumwollpflueckenden Sklaven kam mir in den Sinn. Ich bin nicht sein „Master“ und er nicht mein Sklave – ich will hier nur noch aussteigen. Am liebsten haette ich ihn hinten Platz nehmen lassen und selber in die Pedale getreten, aber das haette er nur als Beleidigung empfunden. Immer wieder drehte er sich strahlend, wie ein Honigkuchenpferd um und sagte ausserdem „Family-Man“. Er schien froh zu sein uns als Kunden zu haben. Es brachte ihm Geld, Essen fuer seine Familie. Dennoch, derAnblick des kleinen, schwitzenden Inders, welcher sich wegen uns fuer schlappe 20 Rs. abquaelte, wie als wollte er das Bergtrikot-Ticket am Alp d’Huez gewinnen, brachte wieder mein schlechtes Gewissen zum vorschein. Jemand anderen fuer mich arbeiten zu lassen ist einfach nicht mein Ding. Wie ein Pascha durch die Strassen gezogen zu werden, den Blicken derLeute ausgesetzt zu sein bereitete mir unbehagen. Doch ist dieses schlechte Gewissen berechtigt? Schliesslich sichert man seinen Arbeitsplatz und gibt ihm Geld. Trotz all dieser Ueberlegungen bleibt der Geschmack des Unwohlseins, wenn man mit Muskelkraft durch Madurai gezogen wird.

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La Cuisine - Herz des Gourmet-Tempels und Produktionsstaette leckerster Pooris